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Cosa Nostra - Der "Boss der Bosse" ist tot

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Der Cosa-Nostra-Boss zog wohl selbst aus dem Hochsicherheitstrakt heraus noch die Fäden des italienischen Mafiaclans: Salvatore "Totò" Riina ist tot. Folgen könnte ein Machtkampf.

Archiv: Cosa-Nostra-Boss Salvatore ''Toto'' Riina wird in Handschellen zum Gerichtstermin geführt, aufgenommen am 16.01.1996
Dem Staat den Krieg erklärt: Riina vor Gericht im Jahr 1996 Quelle: dpa

Er war lange Jahre Chef einer der mächtigsten Familien der sizilianischen Cosa Nostra: Salvatore "Totò" Riina. Jetzt ist der "Boss der Bosse" gestorben, mit 87 Jahren im Gefängnisflügel eines Krankenhauses in Parma. Rosy Bindi, die Präsidentin der italienischen Anti-Mafia-Kommission, spricht aus, was jeder in Italien ahnt: "Das Ende von Riina ist nicht das Ende der sizilianischen Mafia, die ein kriminelles, höchst gefährliches System ist."

Blieb es im Wahlkampf vor den Regionalwahlen auf Sizilien Anfang November verdächtig ruhig um die kriminellen Clans, macht die Mafia dieser Tage wieder Schlagzeilen in Italien. Menschen gehen "gegen die Mafia und gegen Korruption" auf die Straße, etwa in Ostia, dem für seinen Badestrand beliebten Stadtteil der Hauptstadt. Dort brach der Bruder eines Mafioso einem Reporter kürzlich die Nase. Eine Kamera hat gefilmt, wie Roberto Spada den Journalisten mit einem Schlagstock verfolgt. Die brutale Attacke sorgte für Entsetzen und dafür, dass wieder über die Mafia gesprochen wird.

Brutales Blutvergießen

Ostia sei "Territorium der Mafia und der Einschüchterung", wo das Verbrechen und Geldwäsche regierten, sagt Anti-Mafia-Autor Roberto Saviano. Auch wenn es nach Ansicht anderer Experten zu weit gegriffen ist, zu sagen, Ostia befinde sich in den Händen eines Clans - die kriminelle Energie des Stadtteils steht für das, was in vielen Landesteilen passiert. Kriminelle, die nach mafioser Spielart ihre Verbrechen begehen, mischen nicht mehr nur im Drogenhandel mit. Sie profitieren vom Obst- und Gemüseanbau, zwacken Gelder für die Flüchtlingsunterbringung ab und verdienen am sprudelnden Fußball-Geschäft mit. Für die unzähligen Hektar Wald, die diesen Sommer in Flammen aufgingen, wird die Öko-Mafia auf der Suche nach neuen Müllkippen verantwortlich gemacht.

Zu Zeiten Riinas machte die Mafia vor allem mit spektakulären Morden und brutalem Blutvergießen von sich reden. Riinas Name lehrte die Menschen auf Sizilien jahrzehntelang das Fürchten - nicht umsonst wurde der Mafioso "La belva", die Bestie, genannt. Ihm wird die Verantwortung für mehr als 1.000 Morde zugeschrieben.

Cosa Nostra? Mal in der Zeitung gelesen.

Archiv: Der italienische Mafiachef Salvatore "Totò" Riina, aufgenommen am 28.02.1993
Riina, aufgenommen 1993 Quelle: epa

Riina wurde 1930 als Sohn eines Bauern in dem kleinen sizilianischen Ort Corleone geboren. Den Namen des Dorfes verwendete Mario Puzo in seiner später verfilmten "Der Pate"-Saga für die Titelfigur. Er war gerade mal volljährig, da beging er seinen ersten Mord. Seine Mafiakarriere begann, lange bevor er sich innerhalb der Cosa Nostra nach oben gekämpft hatte. Das gelang ihm nach Einschätzung von Ermittlern, indem er Rivalen gegeneinander ausspielte und so in den 1970er Jahren ein Boss nach dem anderen ums Leben kam.

Bis der Boss den Fahndern nach 24 Jahren Flucht ins Netz ging, war er ein Phantom. Bereits 1969 tauchte er nach einer fünfjährigen Haftstrafe unter und lenkte mehr als 20 Jahre lang die Aktivitäten der Cosa Nostra aus dem Untergrund. Bis zu seiner Verhaftung 1993 blickte er in jeder Polizeiwache der Republik finster von seinem Fahndungsbild herab. Auch auf Fotos, auf denen er hinter Gittern während eines Prozesses 1995 zu sehen ist, blitzen seine Augen. Fast besessen tanzte Riina, der dem Staat den Krieg erklärt hatte, den Ermittlern auf der Nase herum. Cosa Nostra? Habe er mal in der Zeitung gelesen, sagte er einmal. Er sei doch nur ein armer Bauer.

Mehr im Verborgenen

Ein Datum ist mit Riinas Namen wie kein anderes verknüpft - und wie kein anderes stellt dieses einen Wendepunkt im Kampf gegen die Mafia dar. Am 23. Mai 1992 wurde das Auto des berühmtesten Mafia-Jägers Italiens, Giovanni Falcone, mit einer 500-Kilo-Bombe in die Luft gejagt. Der Cosa-Nostra-Chef soll es persönlich gewesen sein, der den Auftrag für den Mord gegeben hat. Seitdem geht der Staat entschiedener gegen die kriminellen Gruppen vor.

Die sizilianische Mafia habe zwar an Einfluss eingebüßt, vor allem im Vergleich zur 'Ndrangheta aus Kalabrien, die auch in Norditalien und anderen Teilen Europas aktiv ist, sagt Anti-Mafia-Staatsanwalt Franco Roberti. Aber das könne sich wieder ändern. Man beobachte die Cosa Nostra genau. Laura Garavini, Abgeordnete der sozialdemokratischen Regierungspartei PD und Mitglied in der Anti-Mafia-Kommission des italienischen Parlaments, erläutert: "Heute tötet die Mafia kaum noch. Heute versucht die Mafia mehr im Verborgenen zu agieren. Das Konzept lautet: Je unauffälliger desto erfolgreicher. Es ist keine offene Konfrontation mehr mit der Macht des Staates - aber das macht die heutige Mafia, die versucht, sich unauffällig in die Wirtschaft und in staatliche Institutionen einzuschleichen, nicht ungefährlicher", sagt Garavini.

Riinas Tod jedenfalls werde zu einem "Machtkampf an der Spitze der Cosa Nostra führen", erwartet Anti-Mafia-Staatsanwalt Roberti. Experten vermuten, dass Riina trotz Einzelhaft im Hochsicherheitstrakt noch immer der "Boss der Bosse" der Cosa Nostra geblieben ist. Roberti meint: "Es ist wahrscheinlich, dass es jetzt nach seinem Tod einen erbitterten Konflikt unter den verbliebenen Clans geben wird, um eine neue Hierarchie zu etablieren."

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