Sie sind hier:

Arzt in Syrien - "Viele Kinder werden sterben"

Datum:

Zerstörung und Leid, aber auch Aufbruchstimmung nach dem Abzug des IS: Der Arzt Trabert hat die Region Rojava in Syrien besucht. Es fehle am Einfachsten, sagt er im Interview.

Der Fokus der Berichterstattung liege oft auf Kriegsschauplätzen, sagt der Arzt Gerhard Trabert, der kürzlich in Syrien war. Jedoch litten nicht nur Kriegsverletze, sondern auch andere Kranke unter der dramatisch schlechten medizinischen Versorgung.

Beitragslänge:
5 min
Datum:

heute.de: Sie waren gerade neun Tage in der Region Rojava. Wie ist dort die Lage?

Gerhard Trabert: Das war jetzt mein dritter Besuch in Rojava, diesmal unter anderem in Manbidsch, Kobane und Rakka. Wir sehen dort immer noch große Spuren der Zerstörung durch den Krieg. Ganze Stadtteile sind nur noch Ruinen, kaum bewohnbar also. Wenn noch Gebäude stehen, fallen einem die Schilder mit der Bezeichnung "Clear" auf. Das bedeutet, dass diese Häuser unter anderem auf Sprengfallen untersucht wurden, die von den Truppen des IS hinterlassen wurden.

heute.de: Welche Perspektive haben die Menschen dort aktuell?

Trabert: Sie schauen nach vorne. In Kobane beispielsweise entsteht gerade ein Viertel mit vielen Neubauten, vier- und fünfstöckige Gebäude für diejenigen, die alles verloren haben. Unter anderem wird dort auch ein Zentrum für Waisenkinder gebaut, das wir mit unserem Verein "Armut und Gesundheit in Deutschland" unterstützen. Da herrschen große Aufbruchstimmung und ein enormer Spirit. Schwieriger ist es da hingegen in Rakka. Die Stadt wurde ja erst am 17. Oktober vom IS befreit. Dort funktioniert nicht einmal die Wasserversorgung zuverlässig.

heute.de: Wenn aufgebaut wird – wer organisiert und finanziert das?

Trabert: Das organisieren die dortigen Kommunen. In der Region Rojava hat man sich basisdemokratisch organisiert – Vertreter aus allen Ethnien und Religionen arbeiten gemeinsam, und es scheint gut zu funktionieren. Einiges an Finanzen für den Aufbau kommt über Spenden aus dem Ausland, das Baumaterial wird mit Kreativität und auch Erfindungsreichtum teils über den Irak besorgt. Offizielle Unterstützung vom Westen gibt es nicht.

Zur Person

heute.de: Wie steht es um die medizinische Versorgung der Bevölkerung?

Trabert: Die ist eine Katastrophe. Es fehlt an den einfachsten Dingen. Sowohl in Kobane als auch in Rakka haben mir die Leiter des Gesundheitsrates berichtet, dass eine ganz normale medizinische Versorgung der Bevölkerung nicht möglich ist. In Rakka hat der IS gezielt Krankenhäuser ausgewählt und zu seinen Stützpunkten umgerüstet. Vor ihrem Abzug haben die Truppen alles zerstört und in Brand gesetzt und viele medizinische Geräte mitgenommen. Da fehlt es an allem. Man versucht gerade, irgendwie die Krankenhäuser wieder herzurichten – aber es reicht nicht, Gebäude nur von Trümmern, Schutt und Asche zu befreien.

heute.de: Findet sich denn niemand, der Medikamente und technisches Gerät zur Verfügung stellen würde?

Archiv: Ein zerstörtes Krankenhaus in Rakka, aufgenommen Ende Februar 2018, undatierte Aufnahme
Zerstörtes Krankenhaus in Rakka (Archivbild) Quelle: privat

Trabert: Doch, aber die Lieferung ist durch das Embargo quasi unmöglich. Wenn man persönlich ins Land reist, kann man einiges im Gepäck haben – ich hatte für diese Reise jetzt 60 Kilo Medikamente dabei. Aber das ist natürlich nicht viel. Eine richtige Lieferung ist jedoch nicht möglich. Wir haben hier zum Beispiel einen dringend benötigten Inkubator für Frühgeborene, den wir nicht dorthin bekommen. Insgesamt wird das Embargo auch langfristig für viele Tote sorgen.

heute.de: Weil bestimmte Therapien nicht möglich sind?

Trabert: Ein großes Problem in der Region ist die Thalässämie major. Bei diesem Gendefekt hat der Mensch zu wenig Hämoglobin in den roten Blutkörperchen. Viele Kinder haben das, und diese Kinder brauchen Bluttransfusionen, sonst sterben sie. Das mit den Transfusionen schaffen die Mediziner vor Ort häufig noch. Doch danach muss ein Medikament verabreicht werden, weil der Körper sonst zu viel Eisen anreichert. Es wäre für uns ein Leichtes, dieses Medikament zur Verfügung zu stellen, zum Beispiel direkt über die Grenze zur Türkei – aber durch das Embargo dürfen wir es nicht liefern. Also werden diese Kinder in fünf bis zehn Jahren sterben. Die Ärzte dort sind einfach hilflos.

heute.de: Stichwort Türkei – hatten Sie Gelegenheit, auch Afrin zu besuchen?

Trabert: Die Arznei und das medizinische Equipment, das ich dabei hatte, waren ja für Afrin bestimmt. Aber man hat mich nicht dorthin gelassen. Zwischen Afrin und dem Rest der Region Rojava liegt ja ein Korridor, der von der syrischen Armee kontrolliert wird. Und derzeit werden nur russische Journalisten durchgelassen. Ich habe das Material dem kurdischen Roten Kreuz übergeben.

heute.de: Haben Sie denn Neues aus Afrin gehört?

Trabert: Ja, ich hatte Kontakt mit einigen Menschen, die die Situation in Afrin kennen. Ich habe Listen gesehen mit den Toten – mehr als 200, besonders Ältere, Jugendliche und Kinder. Wie es heißt, zerstört die türkische Armee gezielt die Wasser- und Stromversorgung, außerdem wurden Schulen und Gesundheitseinrichtungen zerstört. Viele in Afrin halten sich aus Angst vor den Angriffen nur noch in Kellern auf. Ärzte haben mir berichtet, dass es bereits an einfachsten Medikamenten mangelt. Am größten aber ist das Entsetzen in der Bevölkerung darüber, dass man jetzt mit Terroristen gleichgesetzt wird. Sie haben absolut kein Verständnis dafür, dass diejenigen, die gegen den IS gekämpft haben, jetzt selber Terroristen sein sollen.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse.

Die Fronten im Syrien-Krieg

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.