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Verkürzte Vollzeit - Zeit zum Leben statt zum Arbeiten

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Die Metallbranche will die Arbeitszeit auf zeitweise 28 Stunden verkürzen. Ein Modell, das in die "richtige Richtung" weist, findet Arbeitsweltexperte Dörre im makro-Interview.

Archiv: Licht brennt am 23.11.2017 in einem Bürogebäude in München
Langer Arbeitstag: Viele Arbeitnehmer wünschen sich kürzere Arbeitszeiten. Quelle: dpa

makro: Die IG Metall hat sich mit ihrer Forderung nach "verkürzter Vollzeit" durchsetzen können. Das heißt, Arbeitnehmer dürfen vorübergehend die Arbeitszeit auf 28 Stunden verkürzen und erhalten dabei Lohnausgleich. Für wie sinnvoll halten Sie eine solche Regelung in Zeiten des Fachkräftemangels?

Klaus Dörre: Die tariflich vereinbarte Option zur Reduzierung auf 28 Stunden weist in die richtige Richtung. Das gilt insbesondere für die Möglichkeit, die freie Zeit für die Pflege bedürftiger Personen zu nutzen. Der teilweise Lohnausgleich ist sinnvoll, weil sonst ausschließlich gut Verdienende die Option wählen könnten. Unternehmen werden Fachkräfte künftig nur gewinnen, wenn sie attraktive Arbeitszeitmodelle bieten. Fachkräfteengpässen kann man sinnvoll durch verstärkte Investitionen in Aus- und Weiterbildung begegnen.

makro: Starre Arbeits- und Ruhezeiten wollen nicht mehr viele, Arbeitgeber wie Arbeitnehmer. Hinken die geltenden Arbeitszeitgesetze in Deutschland der Zeit hinterher?

Dörre: Durchaus! Das aber nicht, weil die Arbeitszeiten gegenwärtig zu starr wären. In vielen Unternehmen und Verwaltungen sind die Arbeitszeiten bereits enorm flexibilisiert. Bei der Arbeitszeit verfolgen Arbeitgeber und Arbeitnehmer jedoch unterschiedliche Interessen. Die Arbeitgeber möchten flexibel einsetzbare Arbeitskräfte möglichst 24 Stunden täglich an sieben Tagen der Woche. Arbeitsfreie Feiertage halten sie für antiquiert. Den Arbeitnehmern geht es hingegen um mehr Zeitsouveränität. Flexible Arbeitszeiten nützen ihnen wenig, wenn sie beständig verfügbar sein müssen. Dann bestimmen die Flexibilitätszwänge der Erwerbsarbeit das Privatleben. Dem Bedürfnis nach mehr Zeitsouveränität, nach großen Blöcken freier Zeit in bestimmten Lebensphasen, trägt die Gesetzgebung noch ungenügend Rechnung. 

makro: Wenn unsere Arbeitszeiten individueller und flexibler werden: Wer sind die Gewinner, wer sind die Verlierer?

Dörre: Das hängt davon ab, wer und was sich im "Kampf um jedes Zeitatom" durchsetzt. Nehmen wir ein Beispiel. In einer Reihe von Unternehmen haben Betriebsräte zunächst die Abschaffung der Stechuhr begrüßt. Häufig hat die Vertrauensarbeitszeit aber dazu geführt, dass die Angestellten deutlich länger arbeiten. Der Grund: Die Unternehmen messen Leistung nur noch am Ergebnis. Wie viel Arbeitszeit aufgewendet werden muss, bleibt den Beschäftigten überlassen. Verlierer sind dann häufig die Angestellten, weil sie unter Termindruck keine Chance haben, ihren Arbeitstag zu begrenzen.     

makro: Viele Personalchefs beklagen, dass mit der "Generation Facebook" Arbeitnehmer auf den Markt strömen, denen freie Zeit wichtiger ist als die Höhe des Einkommens oder die Größe des Dienstwagens. Müssen sich Unternehmen über ganz neue Vergütungsmodelle Gedanken machen?

Dörre: Ja. Es ist so, wie ein alter Trierer Philosoph vor 150 Jahren prophezeite: Auf einem bestimmten Wohlstandsniveau besteht der reale Reichtum in der verfügbaren Zeit für jedes Individuum. Viele gut ausgebildete junge Leute möchten heute mehr als einen guten Verdienst und einen interessanten Job. Sie wollen Verfügung über "disposable time", Zeit zum Leben. Dem müssen die Unternehmen Rechnung tragen.

makro: Umfragen zufolge gibt es in Deutschland viele "Unterbeschäftigte", die sich mehr Arbeit und mehr Einkommen wünschen. Ihnen gegenüber stehen "Überbeschäftigte", die gerne weniger arbeiten wollen und zu Gehaltseinbußen bereit wären. Wie können wir diese Spaltung des Arbeitsmarktes überwinden?

Dörre: Wir haben es tatsächlich mit einer starken Polarisierung der Arbeitszeiten zu tun. Hochqualifizierte arbeiten häufig 50, 60 Wochenstunden und mehr. Viele geringfügig und in Teilzeit Beschäftigte möchten hingegen deutlich länger als durchschnittlich 12 Stunden arbeiten. Gegensteuern könnte man mit einer kurzen Vollzeit für alle. Das hieße: Einführung einer 30- oder 32-Stunden-Woche und eine gerechtere Verteilung von Arbeitszeit.

Das Interview führte makro-Moderatorin Eva Schmidt.

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