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makro-Interview - "Nordkorea unempfindlich gegen Sanktionen"

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Was kann man den Provokationen aus Pjöngjang entgegensetzen? Sanktionen seien zwar eine Option, doch langfristig helfe nur ein Systemwandel, sagt Nordkorea-Experte Rüdiger Frank.

Bericht über Raketentest in Nordkorea am 29.11.2017
Bericht über Raketentest in Nordkorea am 29.11.2017 Quelle: reuters

makro: Es gibt neue Provokationen aus Pjöngjang. Zeigt also der harte Kurs von US-Präsident Donald Trump doch keine Wirkung?

Rüdiger Frank: Grundsätzlich bestärkt internationaler Druck Nordkorea eher in seinem derzeitigen Kurs, der ja genau auf dem Szenario beruht, dass das Land von Feinden umgeben ist und sich adäquat verteidigen können muss.

makro: Aber was wäre denn aus Ihrer Sicht die beste Reaktion auf die Provokationen?

Frank: Sanktionen sind eine Option, doch haben auch diese ihre Grenzen: China will keinen Kollaps, wir wollen die Menschen in Nordkorea nicht in den Hunger treiben, und nicht zuletzt hat sich Nordkorea über die Jahrzehnte ein Maß an wirtschaftlicher Eigenständigkeit erarbeitet, das es vergleichsweise unempfindlich gegen Sanktionen macht. Die militärische Option verbietet sich, niemand will einen zweiten Koreakrieg oder einen Dritten Weltkrieg.

Es bleiben also nur zwei Wege: Kurzfristig muss man mit Nordkorea reden und sehen, was auf diplomatischem Wege möglich ist, um das Problem zumindest einzudämmen. Langfristig wird nur ein Wandel des Systems in Nordkorea helfen. Das muss nicht unbedingt den Sturz von Kim Jong Un bedeuten. Eine Unterstützung der schon lange im Land vorhandenen Tendenzen zur Marktwirtschaft würde genügen. Bei China hat das recht gut funktioniert. Doch dort hatte der Westen seinerzeit ein Interesse am Erfolg, bei Nordkorea sehe ich dieses Interesse nicht. Außerdem kollidiert eine solche Unterstützung der Marktwirtschaft in Nordkorea mit den Sanktionen, und hier drehen wir uns im Kreis.

Ein Funken Hoffnung liegt in der Aussage von Kim Jong Un, das Land habe sein Ziel der nuklearen Bewaffnung erreicht. Wenn er das wirklich so meint, dann könnte das ein Ende der Tests bedeuten und einen neuen Fokus der Führung auf die Wirtschaft. Hier wäre dann der Westen gefragt, um durch Kooperation die Situation zu stabilisieren.

makro: Kim Jong Un prahlt mit Militärparaden und bedroht mit seinen Waffen die ganze Region. Kürzlich sorgte allerdings ein nordkoreanischer Überläufer für internationales Aufsehen. Der Soldat war in einem erbärmlichen Gesundheitszustand. Wie stark ist Kim Jong Uns Armee tatsächlich?

Frank: Darüber kann man nur spekulieren. Aber der Zwischenfall verdeutlicht, dass Nordkoreas Soldaten vor allem Opfer sind, die zehn Jahre ihres Lebens unter härtesten Bedingungen verbringen müssen. Ich erinnere daran, dass eben diese Wehrpflichtigen zu Zeiten der Lebensmittelhilfen des Westens als "non-deserving group" eingestuft wurden. 

makro: Auf internationalen Druck hin setzen viele Länder nach und nach ihre Handelsbeziehungen mit Nordkorea auf Eis. Wie hält sich das Land noch über Wasser?

Frank: Nordkorea ist seit Jahrzehnten systematisch bemüht, wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen, um nicht erpressbar zu sein. Das funktioniert nicht 100-prozentig, die Menschen leiden unter den Sanktionen, aber sie überleben. Eine wichtige Rolle spielt hier seit Ende der 1990er Jahre die vom Staat geduldete Marktwirtschaft. Der gehen durch die Sanktionen aber die Waren und das Geld aus, so dass die Menschen wieder in die Arme des staatlichen Rationierungssystems zurückgetrieben werden.

makro: China gilt als engster Verbündeter Nordkoreas. Nun erklärt China einerseits, es habe den Handel mit Nordkorea stark reduziert. Andererseits aber will Peking keine Kursänderung im Umgang mit Pjöngjang. Wie ist diese widersprüchliche Haltung zu verstehen?

Frank: China als Verbündeten zu bezeichnen finde ich gewagt. Beide Staatschefs haben sich noch nie getroffen, es gab nie gemeinsame Militärmanöver, und der Außenhandel ist bei unter 7 Milliarden Dollar. Selbst die USA haben mehr Kontakt mit China als Nordkorea. Was Peking will, ist klar: Solange ein vereintes Korea die Ausweitung des amerikanischen Einflussbereiches bedeutet, werden sie diese verhindern, und das geht derzeit nur durch eine Stabilisierung Nordkoreas.

Gleichzeitig will China das nordkoreanische Atomwaffenprogramm verhindern, da es ein willkommener Vorwand für eine im Kern gegen China gerichtete militärische Aufrüstung der USA und ihrer Verbündeter in der Region bietet und nicht zuletzt Nordkorea auch weniger anfällig gegen Einflussversuche aus Peking macht. Außerdem ist China dabei, sich als neue verantwortungsvolle Großmacht im globalen Maßstab zu etablieren. Also beteiligt man sich an den Sanktionen, sowohl aus symbolischen Gründen wie auch aus strategischen Erwägungen. Aber einen Kollaps Nordkoreas wird China im eigenen Interesse immer verhindern.

makro: In wenigen Wochen beginnen im südkoreanischen Pyeongchang die Olympischen Winterspiele. Pyeongchang ist nur 80 Kilometer von der nordkoreanischen Grenze entfernt. Sind die Sorgen um die Sicherheit vieler Sportler berechtigt?

Frank: Definitiv. Die einige tausend internationalen Gäste in Südkorea fungieren quasi als Geiseln und verhindern während der Zeit ihrer Anwesenheit ein militärisches Eingreifen des Westens auf der koreanischen Halbinsel. Nordkorea könnte das als günstigen Zeitpunkt für den schon vor Monaten angekündigten überirdischen Atomtest im Pazifik ansehen.

Das Interview führte makro-Moderatorin Eva Schmidt.

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