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EZB-Chef hört auf - Draghis Abschied: Ende einer Epoche?

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Der scheidende Präsident der Europäischen Zentralbank hinterlässt ein zwiespältiges Erbe. Der "Retter des Euro" gilt auch als Erfinder des Nullzinses - mit zerstörerischen Folgen.

Acht Jahre lang war Mario Draghi Chef der Europäischen Zentralbank. Wie fällt die Bilanz aus nach Niedrigzinsen und Eurorettung?

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Mario Draghi kann man vielfältige Erfahrung nicht absprechen. Gestählt wurde der Ökonom, der als erster italienischer Staatsbürger einen Doktortitel der amerikanischen Eliteuniversität MIT in Cambridge erlangte, im Unterholz der italienischen Finanzpolitik. Als Notenbankgouverneur in Rom versuchte er, das italienische Bankwesen zu reformieren, was nur zum Teil gelang. Zuvor hatte er als Professor in Florenz und dann als Generaldirektor im italienischen Finanzministerium gewirkt – auf seiner Agenda standen Privatisierung und Liberalisierung, und die Reform der traditionellen italienischen schuldenorientierten Finanzpolitik. Immerhin erreichte Draghi, dass Italien 1999 den Euro einführen konnte.

Nur ein Intermezzo war rückblickend seine Tätigkeit für die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs in London – allerdings wird Goldman bis heute dafür verantwortlich gemacht, Griechenland bei der geschönten Staatsbilanz geholfen zu haben, die eine Euro-Tauglichkeit des Landes vorgaukelte – ein frühes Wetterleuchten jener Staatsschuldenkrise, die Griechenland 2012 zum europäischen Sanierungsfall machten sollte.

Vom Notenbankchef mit Reformwillen zum "Draghi-Effekt"

Die EZB ist bereit, alles Notwendige zum Erhalt des Euro zu tun.
Mario Draghi (2012)

Fünf Jahre stand Mario Draghi an der Spitze der italienischen Notenbank, wurde aber schon recht früh als Nachfolger des EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet gehandelt. Seine Notenbankpolitik war von Reformwillen geprägt, weshalb es keine nennenswerten Widerstände – außer zeitweise aus Frankreich - gegen den italienischen EZB-Kandidaten gab, der immerhin aus einem der sechs Gründungsstaaten der Europäischen Gemeinschaft kam. Die Finanzkrise ab 2007 jedenfalls hatte er für Italien gemeistert – nun aber, an der Spitze der Europäischen Zentralbank, bekam er es mit der Euro-Schuldenkrise zu tun, die das Wirtschaftsleben der EU zu lähmen drohte und schließlich sogar die Gemeinschaftswährung in den Strudel zog, inklusive heftiger Spekulation gegen den Euro.

Am 26. Juli 2012 fiel die legendäre Bemerkung Draghis, man "werde alles tun, was nötig sein wird", um den Euro zu erhalten, was angesichts der unbegrenzten Mittel der EZB jede Spekulation gegen die EU-Währung zum finanziellen Desaster werden lassen würde. Der "Draghi-Effekt" war in der Welt und führte zu einer bis dahin ungekannten Zentralbankpolitik.

Der Ärger der deutschen Sparer über Draghis Nullzinspolitik

Für Milliarden und Abermilliarden kaufte und kauft die EZB Staats- und Unternehmensanleihen, um mit dem billigen Geld – der Leitzins liegt längst bei 0,0 – die wirtschaftliche Dynamik zu entfachen, die es bräuchte, um die Inflationsrate nahe an das Ziel von etwa zwei Prozent zu bringen. Das aber gelingt nicht – nach jüngsten Zahlen liegt die Teuerung in der Eurozone bei nur noch 0,8 Prozent, und eine weitere Konjunkturabkühlung ist längst Realität. Wegen der Verwerfungen für Sparer, die keine Zinsen mehr erhalten, stand und steht Draghi in der Kritik, vor allem aus Deutschland.

Bundesbank-Chef Jens Weidmann kritisiert inzwischen weitgehend unverhohlen die Geldschwemme, jüngst kündigte mit Sabine Lautenschläger ein deutsches Mitglied des EZB-Direktoriums ihren Rücktritt an. Mario Draghi hingegen macht die reform- und ausgabenunwilligen Regierungen der Eurozone, vor allem Deutschland, für die Misere verantwortlich. Er betonte mehrfach, seine lockere Geldpolitik solle den Staaten Zeit kaufen für Reformen – was in den gefährdeten Südstaaten jedoch nicht auf fruchtbaren Boden fiel, im Gegenteil: Staatsausgaben und –schulden wachsen weiter.

Die Nachfolgerin wird den Weg weitergehen

Jetzt nun wird Mario Draghi verabschiedet – am Horizont erscheint mit Christine Lagarde eine Nachfolgerin, die nach allem, was man weiß, die Linie des Italieners fortsetzen wird. In wesentlichen Teilen ist die künftige Geldpolitik der EZB auch schon vorgezeichnet und festgelegt: Einen rapiden Kurswechsel wird es nicht geben. Es wäre vielleicht nun an der Zeit, einmal das althergebrachte Inflationsziel von "nahe bei oder genau zwei Prozent" zu hinterfragen, denn realistisch erscheint es nicht mehr. In der neuen Wirtschaftswelt ohne Zins und Sparertrag könnte man mit jener Illusion nun womöglich auch aufräumen. Ansonsten wird in diesen Tagen auffällig oft vom "Helikoptergeld" geredet: Ein nicht ganz neue Idee aus der amerikanischen Konjunkturforschung.

Zur Stärkung des Konsums und der Konjunktur allen Bürgern einfach jeweils 1.000 Euro aufs Konto zu überweisen – für die EZB würde das die Schaffung von 340 Milliarden Euro neuen Zentralbankgeldes bedeuten. Ob die Bürger es so verwenden, wie man sich das so denkt in den Studierstuben, ist natürlich eine ganz andere Frage. Das Erbe des Mario Draghi jedenfalls ist nicht weiß noch schwarz, aber schon ziemlich dunkelgrau.

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