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Kinofilm "Born in Evin" - Ein Versuch, "sich dem Schweigen anzunähern"

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Maryam Zaree wurde im Evin-Gefängnis in Teheran im Iran geboren. Lange wusste sie das selbst nicht. In ihrem Regiedebüt "Born in Evin" geht sie nun ihrer Familiengeschichte nach.

Weil ihre Eltern im Iran politisch verfolgt und inhaftiert waren, wurde Maryam Zaree im Evin-Gefängnis in Teheran geboren – was in der Familie aber verschwiegen wurde. In ihrem Regiedebüt "Born in Evin", der am 17. Oktober in den deutschen Kinos anläuft, geht die 36-Jährige der Geschichte nach.

heute.de: Sie haben von Ihrer Geburt im Evin-Gefängnis zufällig erfahren. Ihre Tante sprach darüber, weil sie dachte, Sie wüssten dies. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Reaktion?

Maryam Zaree: Nur ganz fragmentarisch, weil es wie eine komische Botschaft aus einer anderen Realität war. Ich war damals etwa zwölf Jahre alt und konnte das überhaupt nicht einordnen. Politische Verfolgung und Gefangenschaft in einem Land, an das ich mich nicht erinnern konnte – das war für mich nicht greifbar. Ich habe es aufgenommen, etwas irritiert reagiert, dann irgendwie weggesteckt und ein paar Jahre nicht weiter darüber nachgedacht. Ich war einfach zu jung.

heute.de: Wie kam es dann zu dem Entschluss, den persönlichen und politischen Umständen Ihrer Geburt weiter nachzugehen und einen Film darüber zu drehen?

Zaree: Es gab mehrere Ansatzpunkte. Ich hatte ein Vorbild durch meinen Stiefvater, der sich als Psychoanalytiker mit den traumatischen Folgen für die zweite Generation der Shoa-Überlebenden auseinandersetzte. Außerdem hatte ich seit Jahren mit der israelischen Regisseurin Yael Ronen gearbeitet, die sich viel mit der Frage befasst, wann autobiografische Erlebnisse politisch sind. Ich hatte zu dem Thema auch schon ein Theaterstück geschrieben und in einer Inszenierung Ronens mitgespielt. Meine eigene Psychoanalyse lag bereits ein paar Jahre zurück, und ich wusste, ich bin so weit, von den jahrzehntelangen Konsequenzen von Folter- und Gewalterfahrungen filmisch zu erzählen.

heute.de: Die Recherche in der eigenen Familie war schwierig. Ihre Mutter spricht nicht über das Erlebte.

Es wurden Zehntausende politische Gefangene ermordet. Warum sind die Täter noch an der Macht? 
Maryam Zaree, Regisseurin

Zaree: Meine Mutter war von Anfang an Teil des Prozesses, sie hat mich unterstützt, auch wenn sie wusste, dass sie mir nur bedingt helfen kann. Sie ist selbst Überlebende und ihre Art, damit umzugehen ist, sich als Politikerin und Psychologin zu engagieren. Doch wie so oft ist das Sprechen in der eigenen Familie schmerzhafter. Sie wusste aber, dass unsere Geschichte nur das Instrument ist, um darüber hinaus etwas Universelleres zu erzählen. Man darf nicht vergessen: Es wurden Zehntausende politische Gefangene ermordet. Warum sind die Täter noch an der Macht? 

heute.de: Viele Fragen bleiben im Film auch offen.

Zaree: Der Film versucht, sich dem Schweigen anzunähern, nicht Antworten zu geben. Mir ging es darum, zu zeigen, dass die Sprachlosigkeit, das nicht darüber reden können, und die Verletzungen innerhalb der Beziehungen Folgen von Verfolgungs- und Gewalterfahrungen sind. Für mich selbst habe ich natürlich auch Antworten bekommen, die der Film nicht zeigt. Aber als Regisseurin war es für mich wichtig, dem Fragilen und Lückenhaften Raum zu geben. Trotzdem würde ich sagen, dass ich nach fast fünf Jahren Arbeit in vielen Punkten zu einem Abschluss gekommen bin. 

heute.de: Welche Bilanz oder Erkenntnis verbinden Sie mit diesem Abschluss?

Zaree: Die jüngste Festivaltour und die Publikumsgespräche haben mir noch mal gezeigt: Wir wissen alle ganz genau, worüber wir innerhalb unserer Familien nicht sprechen. Und dieses Schweigen wird weitergetragen und ist immer auch kollektiv. Wir als folgende Generation müssen aber den Mut haben, uns damit zu beschäftigen, egal wie schwierig es ist. Durch diese Auseinandersetzung kann Veränderung stattfinden. Das ist unabhängig vom spezifischen Kontext des Irans. Ich war mit dem Film inzwischen in vielen Ländern, von Bosnien bis Kanada, immer haben Menschen mir erzählt, wie sehr er mit ihrem Leben zu tun habe. Das war mein Ziel: Indem wir in den Mikrokosmos meiner Geschichte hineinschauen, geht ein Fenster auf für andere Menschen, sich auch mit dem zu befassen, worüber sie glauben nicht sprechen zu können. 

Das Interview führte Nadine Emmerich.

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