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Das Massaker von My Lai - "Dann schossen sie wahllos in die Menge"

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Es war ein Massaker, das US-Soldaten vor 50 Jahren im Dorf My Lai in Vietnam anrichteten. Der Ort ist ein Sinnbild für schlimmste Kriegsverbrechen. Überlebende berichten.

Archiv: Ein zerstörtes Gebäude am 08.01.1970 in My Lai (Vietmam)
Beispiellose Kriegsverbrechen: My Lai in Vietnam (Archivbild 1970) Quelle: ap

Was für ein Sonntag: Die Sonne blinzelt durch Kokospalmen, vom Meer her weht eine Brise über grüne Reisfelder, Wasserbüffel stehen auf Äckern, Grillen zirpen. Vor den Fenstern hängen Nationalflaggen. My Lai in Vietnam ist ein friedlicher Ort, eine Idylle. Doch vor 50 Jahren, am 16. März 1968, war My Lai für die Dorfbevölkerung die Hölle auf Erden. Marodierende Einheiten der amerikanischen Task Force Barker ermordeten dort 504 Bewohner in nur wenigen Stunden - die meisten von ihnen waren Kinder, Frauen und Greise. Erst mehr als ein Jahr später wurden die Gräuel publik. Es gab einen Aufschrei in den USA und der westlichen Welt. Die Berichte über das Massaker lösten einen Stimmungsumschwung gegen den Vietnamkrieg aus. My Lai steht seitdem als Sinnbild für Kriegsverbrechen.

Frau in Vietnam
Pham Thi Thuan Quelle: ZDF

Es gibt nur noch wenig Überlebende, die mitansehen mussten, wie ihre Geschwister, Eltern und Kinder niedergemetzelt, ihre strohgedeckten Häuser niedergebrannt, ihre Angehörigen vergewaltigt wurden. Pham Thi Thuan ist 80 Jahre alt. Ein paar Tage vor dem 50. Jahrestag des Massakers steht die Bäuerin auf dem Fundament ihres ehemaligen Hauses. Eine Blumenvase steht in der Mitte, darin ausgebrannte Räucherstäbchen. Pham Thi Tuan geht durch das, was früher einmal Räume waren: "Hier war der Flur, dort die Küche; hier war die Vorratskammer, wo ich Reis aufbewahrt habe."

"Dann stießen sie uns ins Wasser"

Dass Pham Thi Thuan überlebt hat, grenzt an ein Wunder. "Das ist der Kanal, wo sie uns massakriert haben", berichtet sie beim Gang durch das Dorf. Sie, das sind US-Soldaten, die die Dorfbewohner an dieser Stelle zusammentrieben und sie aufforderten, sich am Rand des Grabens hinzustellen. "Dann stießen sie mich, meine beiden Kinder und all die anderen ins Wasser und schossen mit Unterbrechungen drei Mal auf uns." Sie hätten ganz unten gelegen, schildert Pham Thi Thuan die Szene. Als die Soldaten gingen, seien sie aus dem Kanal gekrochen und weggerannt. 170 Einwohner My Lais starben allein bei diesem Gemetzel. Lediglich Pham Thi Tuan, ihre Kinder und zwei weitere Nachbarn blieben am Leben.

Frau in Vietnam
Truong Thi Le Quelle: ZDF

Ein paar Meter weiter sitzt Truong Thi Le auf dem Fundament ihres ehemaligen Häuschens. Sie und Pham Thi Tuan waren Nachbarn. Die heute 87-Jährige verlor bei dem Massaker ihre Mutter und Tochter sowie ihren Bruder. Vor 50 Jahren trieben die US-Soldaten sie, ihren sechsjährigen Sohn und 102 weitere Dorfbewohner zu einem nahegelegenen Reisfeld. "Es war morgens gegen 8 Uhr", erinnert sie sich. "Die Soldaten schrien 'Vietcong, Vietcong', schossen zunächst gezielt auf einzelne Personen, dann wahllos in die Menge." Truong Thi Le und ihr Sohn fielen ins Reisfeld und bedeckten sich mit Körpern und Blättern. Sie sagte ihrem Sohn, dass er nicht weinen und ruhig sein solle. Nach einer Weile schoben sie die leblosen Körper von sich und liefen davon. "Wir waren in Todesangst." Als Truong Thi Le die Ereignisse schildert, faltet sie ihre Hände und weint. "Diese Amerikaner waren einfach nur brutal. Wie sollte ich ihnen vergeben können?"

Beten für die Opfer des Massakers

Gedenkstätte in My Lai (Vietnam)
Gedenkstätte in My Lai Quelle: ZDF

Was hat das Massaker von My Lai mit Vietnam gemacht? Der Ort ist heute Gedenkstätte. Ein Monument steht hinter dem kleinen Museum am Rand der niedergebrannten Häuser. Es zeigt eine Frau, die die rechte Hand geballt in den Himmel streckt und mit der linken ein ermordetes Kind trägt. 200.000 Besucher finden jährlich den Weg nach My Lai, darunter 5.000 ausländische Touristen.

"Das Monument ist sehr wichtig für uns, denn dort beten die Besucher für die Opfer des Massakers", sagt Cao Thi Hong Hanh, die Museumsdirektorin. Vor allem amerikanische Veteranen seien sehr bewegt, äußerten ihr Bedauern für die Taten ihrer früheren Kameraden und hofften, dass sich derartiges nie wiederholen werde. Sie berichtet, dass Kenneth Hodges, einer der Täter, einmal nach My Lai zurückgekehrt sei und um Entschuldigung gebeten habe. "Die Menschen hier haben ihm vergeben, vergessen werden sie die Tat aber nicht."

Auch Pham Thi Thuan sagt, sie hasse die US-Besucher nicht. "Ich weiß, dass nicht sie es waren, die vor 50 Jahren auf uns geschossen haben. Ich bin mir sicher, dass Amerikaner ebenfalls den Frieden lieben." Die Porträts dreier US-Hubschrauber-Piloten hängen auch in dem Museum. Sie hatten elf Dorfbewohner gerettet und werden heute in My Lai als Helden verehrt. Doch ganz im Sinne der kommunistischen Staatsideologie steht My Lai heute für den friedliebenden Patriotismus und Überlebenskampf der Vietnamesen.

Nur einer stand vor Gericht

Und was wurde aus den Tätern? William Calley, der befehlshabende Offizier, stand in den USA vor Gericht und bekam lebenslänglich. Der ehemalige GI saß jedoch nur kurz im Gefängnis, wurde unter Hausarrest gestellt und schließlich von US-Präsident Richard Nixon begnadigt. Er ist der Einzige, der sich für die Morde vor Gericht verantworten musste. 2009 entschuldigte er sich erstmals öffentlich und halbherzig: "Ich empfinde Reue für die Vietnamesen, die umgebracht wurden, für ihre Familien, für die amerikanischen Soldaten, die beteiligt waren und deren Familien. Es tut mir sehr leid."

Pham Thi Thuan und Truong Thi Le haben überlebt. Sie haben ihre Kinder großgezogen, ihre Familien ernährt und das Geschehen - so gut das überhaupt geht - verarbeitet. Der Weg von ihrem alten zu ihrem neuen Zuhause ist für Truong Thi Le zu Fuß zu beschwerlich. Ihre Großnichte holt sie mit ihrem Motorroller auf dem Parkplatz des Museums ab. Die 87-Jährige müht sich auf den Rücksitz und knattert davon. Mit einer Hand winkt sie zum Abschied. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.

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