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Maßnahmen gegen das Waldsterben - Was den Wäldern wirklich hilft

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Mehr Urwälder, mehr Förster, mehr Laubbäume: Der BUND hat zehn Maßnahmen gegen ein "Waldsterben 2.0" vorgestellt. Die meisten sind sinnvoll, sagt Deutschlands oberster Förster.

Ein Walbrandbeauftragter blickt in einen Nadelwald, Uelzen, 24.06.19
Quelle: dpa

1. Klimakrise stoppen

Was der BUND fordert: "Die Bundesregierung muss endlich rascher und konsequenter die überfälligen Klimaschutzbeschlüsse herbeiführen", sagt der BUND in seinem Positionspapier. Dazu gehöre eine umwelt- und sozialverträgliche CO2-Abgabe sowie der "überfällige Einstieg in den Ausstieg der Kohle".

Was der Bund Deutscher Forstleute sagt: "Aus forstwirtschaftlicher Sicht ist das eine Kernforderung", sagt Ulrich Dohle. Der Bundesvorsitzende des Bunds Deutscher Forstleute sieht im Klimawandel die größte Gefahr für ein mögliches "Waldsterben 2.0".

Die Dürre seit Anfang 2018 dient ihm als Beweis. "Deutschlandweit haben wir ein großes Niederschlagsdefizit - und die Waldbäume kommen damit einfach nicht mehr zurecht." Der Wassermangel schwäche die Bäume und mache sie anfälliger für Insekten und Schädlinge wie den Borkenkäfer. Die Folge: "Wir haben sehr große Waldverluste im letzten, aber auch in diesem Jahr."

Besonders betroffen seien derzeit die Mittelgebirge, sagt Dohle. "Im Harz ist es ganz extrem", sagt Dohle. "Ich war wirklich geschockt, als ich die Wälder dort gesehen habe." Aber auch in der Rhön, im Sauerland, in der Eifel, im Weser Bergland oder im Frankenwald seien die Waldschäden bereits dramatisch.

Förster und Naturschützer schlagen Alarm: Die Schäden durch Trockenheit und Schädlingsbefall in deutschen Wäldern sind dramatisch. In Freising haben Wissenschaftler nun erforscht, dass Bäume gegen lang anhaltende Trockenheit resistenter sind als gedacht.

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2. Mehr Laubmischwälder

Was der BUND fordert: Deutschland müsse weg von naturfernen Fichten- und Kiefernwäldern - und wieder verstärkt auf Laubmischwälder setzen, fordert der BUND. Mit ihren tiefen Wurzeln könnten sie Stürmen und Trockenperioden besser standhalten als Fichten.

Was der Bund Deutscher Forstleute sagt: Auch diese Maßnahme sei "auf jeden Fall sinnvoll", sagt Dohle. "Das wird auch seit über 30 Jahren gemacht", betont er, "aber offensichtlich nicht schnell genug." Die Entwicklung der Wälder habe sich in einer Geschwindigkeit vollzogen, die auch Forstleute und Waldbesitzer überrascht habe. Um jetzt schnell handeln zu können, brauche es aber mehr Forstleute (siehe Punkt "Mehr Forstpersonal einstellen").

3. Waldfreundlicher jagen

Was der BUND fordert: Wildtiermanagement und Jagd sollen eine Verjüngung und Wiederaufforstung von Laubbäumen und Tannen ohne Zaun ermöglichen. Der BUND beklagt, dass "Bemühungen von engagierten Försterinnen und Förstern, junge Laubbäume in Nadelholz-Monokulturen hochzubringen, aufgrund von Versäumnissen bei der Jagd immer wieder von Rehen vernichtet werden."

Was der Bund Deutscher Forstleute sagt: "An einer gezielten und waldfreundlichen Jagd führt kein Weg vorbei", sagt Dohle, und fügt hinzu: "Ohne die Jagd funktioniert kein Waldumbau." Das Problem: In Deutschland gebe es allein etwa drei Millionen Rehe - andere Wildtiere noch nicht mitgerechnet. "Das ist einerseits toll, dass das in einem Industrieland funktioniert." Andererseits sei es problematisch, "weil sich diese Tiere vor allem von jungen Waldbäumen ernähren". Zumindest kurzfristig müssten die Wildbestände deutlich reduziert werden, "damit ein Wald über eine Phase von zehn bis 20 Jahren in Ruhe wachsen kann".

Was der Deutsche Jagdverband sagt: "Die Forstwirtschaft fordert Wald vor Wild - wir fordern ganz klar Wald mit Wild", sagt Anna Martinsohn. Die stellvertretende Pressesprecherin des Deutschen Jagdverbands argumentiert: "Es gibt Jagd- und Schonzeiten." Zwar könne zwischen September und Dezember vollumfänglich gejagt werden. "Aber wir sind auch überzeugt: Eine Rehmutter muss ungestört über den Sommer hinweg ihre Kitze großziehen können."

Eine Nulltoleranz gegenüber dem Wild helfe da nicht weiter. Im Gegenteil: "Rehe sind Feinschmecker, die ernähren sich von den Knospen, die in den Frühjahrsmonaten kommen" - genau dann also, wenn eine Jagd "aus gutem Grund" ohnehin nicht möglich sei. Ohne Einzelschutzmaßnahmen, zum Beispiel Hüllen um einzelne Bäume, und eine Schwerpunktbejagung in den Jagdzeiten sei eine Aufforstung deshalb gar nicht möglich. Außerdem sei die Zahl der erlegten Rehe in den vergangenen Jahren gestiegen. "Jeder Spaziergänger freut sich, wenn er im Wald ein Reh sieht. Ist das irgendwann nicht mehr der Fall, haben wir etwas falsch gemacht."

4. Mehr Forstpersonal einstellen

Was der BUND fordert: Die Naturschützer verlangen mehr Finanzmittel für mehr Forstpersonal. Das brauche es zum einen, um den Waldumbau zu meistern. Zum anderen aber auch, um einen möglichen Borkenkäfer-Befall frühzeitig zu erkennen.

Was der Bund Deutscher Forstleute sagt: Einen exakten Bedarf nennt der Bund Deutscher Forstleute nicht. Er schätzt aber, dass derzeit etwa 10.000 Fachkräfte in der Forstwirtschaft fehlen - "nicht wegen eines Fachkräftemangels", wie Dohle sagt, "sondern weil die Bundesländer die Stellen schlicht und einfach eingespart haben". Wald werde zu oft als selbstverständlich wahrgenommen. Außerdem würden sich die Bäume nicht wehren, wenn aus politischen Gründen der Rotstift angesetzt werde, etwa um eine schwarze Null zu erreichen. "Die einzigen, die dann protestieren, sind wir Forstleute." Und sie seien zu wenige, um wirklich gehört zu werden. "Mit den Waldschäden momentan bekommt die Politik dafür die Quittung", sagt Dohle.

Borkenkäfer
Gefährlicher Schädling: der Borkenkäfer.
Quelle: dpa

5. Waldumbau finanziell unterstützen

Was der BUND fordert: Unbürokratische finanzielle Unterstützung und Beratung: Der BUND will Anreize für Waldbesitzer und Kommunen schaffen, Nadelholz-Plantagen zu Laubmischwäldern umzubauen.

Was der Bund Deutscher Forstleute sagt: Ulrich Dohle begrüßt die Förderung. Der Grund: "Die Kosten zum Umbau sind für Waldbesitzer erheblich." Er rechnet mit Mindestkosten in Höhe von 10.000 Euro pro Hektar - also einem Euro pro Quadratmeter. Es könnten aber auch Kosten von bis zu 25.000 Euro entstehen, "wenn ich teurere Bäume pflanze und sie am Ende auch umzäune".

Für viele Waldbesitzer würden sich diese Maßnahmen nicht rechnen, sagt Dohle. "Etwa 50 Prozent der Wälder sind in Privatbesitz." Im Schnitt besäßen die insgesamt 1,8 Millionen Eigentümer einen Hektar Wald. "Da habe ich alle zehn bis 20 Jahre eine Einnahme im niedrigen vierstelligen Bereich", sagt Dohle. "Das ist defizitär, da kann keiner Geld mit verdienen. Deshalb muss der Staat den Waldumbau zwingend unterstützen."

6. Schonung nach Extremereignissen

Was der BUND fordert: Nach Waldbränden, Stürmen oder einem massiven Schädlingsbefall müssten Waldflächen so behandelt werden, "dass die Bodenfruchtbarkeit und die Feuchtigkeit erhalten bleiben", fordert der BUND. "Sie sind daher nicht oder nur eingeschränkt zu beräumen und mit der Zielstellung eines naturnahen Laubmischwaldes wiederzubegründen."

Was der Bund Deutscher Forstleute sagt: Dohle findet auch diese Forderung sinnvoll. In der Vergangenheit hätten vor allem Stürme einen enormen Schaden in Deutschland angerichtet - etwa die Orkane "Friederike" Ende Januar 2018 und "Kyrill" im Januar 2007. Da sei es zu sehr vielen Kahlschlägen gekommen, "die wir unbedingt vermeiden wollen". Dem Boden würden zu viele Nährstoffe entzogen, die Sonneneinstrahlung sei zu intensiv. "Deshalb muss dort auf jeden Fall schonend agiert werden."

Dohle sagt aber auch: "Nadelholz, wie beim Sturmtief 'Friederike', muss sofort raus." Im Januar 2018 sei das auch wegen des Personalmangels nicht möglich gewesen. Die Folge: "Das Holz blieb zu lange liegen, der Borkenkäfer konnte sich ausbreiten und auch auf die gesunden Bestände übergreifen - das war eine verheerende Ereigniskette." Deshalb komme es bei solchen Ereignissen manchmal auch auf die Geschwindigkeit an - und nicht nur auf einen schonenden Umgang.

Archiv: Durch den Orkan "Kyrill" entwurzelte Bäume  am 20.01.2007 in der Nähe von Wilmsdorf
Der Orkan "Kyrill" entwurzelte flächendeckend Bäume.
Quelle: dpa

7. Kein Gift mehr einsetzen

Was der BUND fordert: "Begiftungen von Nadelholz-Plantagen per Hubschrauber gegen Massenvermehrungen von Nonnen-Schmetterlingen und anderen Insekten" seien "ausnahmslos zu unterlassen", schreibt der BUND. Dadurch würden auch andere Insektenarten vergiftet, die "essenzielle Nahrungsgrundlage für Vögel und Fledermäuse" seien.

Was der Bund Deutscher Forstleute sagt: "Diese Forderung ist überflüssig", sagt Dohle. "Pflanzenschutzmittel spielen in Deutschland aus guten Gründen - und zum Glück - so gut wie gar keine Rolle." Sie seien viel zu teuer und würden zu stark ins Ökosystem Wald eingreifen. "Wenn wir als Förster eingreifen, dann nur ganz gezielt und in Ausnahmefällen, etwa in Siedlungsnähe beim Eichenprozessionsspinner. Und selbst dort agieren wir nur auf Anordnung des Gesundheitsamtes, damit keine Menschen zu Schaden kommen."

Unser Wald ist in Gefahr: Extremwetterlagen und Schädlinge hinterlassen ihre Spuren. Im Harz etwa sind ganze Berghänge kahl geschlagen, weil die Fichtenmonokulturen Opfer von Sturm und Borkenkäfern wurden.

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8. Schonender ernten

Was der BUND fordert: Die durch den Klimawandel gestressten Wälder müssen schonender bewirtschaftet werden, fordert der BUND. Die Gesellschaft müsse sich nach dem richten, was unsere Wälder nachhaltig leisten könnten - und nicht umgekehrt.

Was der Bund Deutscher Forstleute sagt: Auch hier ist sich Dohle sicher: Die deutsche Forstwirtschaft erfüllt die Forderungen des BUND längst. "Ich bin davon überzeugt, dass Nachhaltigkeit in deutschen Wäldern tatsächlich gelebt wird. Und das seit 300 Jahren." Grundsätzlich bekennt Dohle aber: "Luft nach oben gibt es immer." Er nehme unter Deutschlands Förstern eine große Bereitschaft wahr, immer die beste Lösung zu suchen.

Archiv: Ein Skidder hebt am 03.03.2017 in einem Wald bei Langenstein (Sachsen-Anhalt) den Stamm eine gefällten und entasteten Eiche
Wie nachhaltig muss Forstwirtschaft sein? Der BUND fordert mehr. Die Förster sagen: Wir machen das doch schon.
Quelle: dpa

9. Laubholz besser verarbeiten

Was der BUND fordert: "Forschung und Wirtschaft sollen das Potenzial für Laubholz weiterentwickeln und nutzen", sagt der BUND. Die Wirtschaft müsse sich stärker auf das heimische Laubholz spezialisieren - und dies als Wettbewerbsvorteil gegenüber der borealen Nadelwaldzone nutzen.

Was der Bund Deutscher Forstleute sagt: "Kein Baustoff hat eine bessere CO2-Bilanz als Holz", sagt Dohle. Die Forderung des BUND sei deshalb sinnvoll. "Bislang wird vor allem mit Kiefern und Fichten Geld verdient, weil deren Holz besonders gut zum Bauen geeignet ist", sagt Dohle. "Beim Laubholz ist das schwieriger, gerade bei der Buche: ein Dachstuhl aus Buchenholz würde nicht halten." Deshalb sei es enorm wichtig, innovative und technische Entwicklungen, die es zum Teil schon gebe, zu fördern. "Nur dann können wir verstärkt auf den nachwachsenden Rohstoff Holz bauen - und müssen nicht auf Stahl, Beton und Glas setzen, die in Sachen CO2-Bilanz eine Vollkatastrophe sind."

10. Zehn Prozent "Urwälder"

Was der BUND fordert: Der BUND fordert "Urwälder von morgen" - und zwar auf mindestens zehn Prozent der Waldflächen in Deutschland. Dort könnten seltene Tiere, Pflanzen und Pilze besonders geschützt werden. Zudem könne die Forschung wertvolle Erkenntnisse gewinnen, wie sich der Wald in der Klimakrise selbst helfen kann.

Was der Bund Deutscher Forstleute sagt: Das Argument mit der Forschung lässt Dohle gelten - die anderen nicht. Natürlich brauche es "Wälder mit natürlicher Entwicklung", sagt der Förster. Aber so einen "Urwald" müsse man fachlich begründen können. "Eine politisch gewollte Zahl reicht da nicht", sagt Dohle, und nennt den Nationalpark Hainich in Thüringen als Beispiel. "Das ist einer der wenigen Buchen- und Laubholz-Nationalparks in Deutschland", sagt Dohle. "Aber auch da stirbt die Buche flächendeckend ab. Warum? Weil sich auch ein Nationalpark dem Klimawandel stellen muss."

Naturpark Hainich
Der Baumkronenpfad bei Eisenach ermöglicht einen Spaziergang über die Baumgipfel im Naturpark Hainich.
Quelle: picture alliance / Rolf Wilms

Dohle glaubt: In Deutschland müsse viel stärker geschaut werden, wo ein der Natur überlassener Wald tatsächlich Sinn ergebe. "Es gibt ja seit 2007 eine Zielsetzung, die im Rahmen der nationalen Biodiversitätsstrategie von der Bundesregierung verabschiedet wurde." Dort sei festgelegt: Bis 2020 sollten fünf Prozent der Waldflächen der Natur überlassen werden. Derzeit stünde man bei 2,8 Prozent. Die fünf Prozent? "Werden verfehlt", sagt Dohle. Er rechnet mit zehn weiteren Jahren, bis die Fünf-Prozent-Marke erreicht werde - und findet das auch gut.

"Wir müssen doch erst einmal das eine Ziel erreichen und dann schauen: Was hat es uns gebracht? Reicht uns das - oder müssen wir mehr machen", sagt Dohle. Zu schnell würden zu hohe Ziele zu blindem Aktionismus führen. Bereits in der Vergangenheit seien Nationalparks gegründet worden, um einen schnellen politischen Erfolg zu erzielen. "Fachlich haben diese Flächen wahrscheinlich gar keinen Gewinn gebracht", mutmaßt Dohle.

Bedeutung der Wälder

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