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Beziehungskrise und Gegenwind - Der größte Feind des Boris ist - er selbst

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Boris Johnson, der Mann der einfachen Antworten, auch beim Brexit, ist der Favorit für den Posten des britischen Premiers. Doch jetzt könnte es nochmal eng werden. Eine Analyse.

Boris Johnson - Großbritannien
Boris Johnson - Großbritannien
Quelle: ap

Das Schlimmste für Boris Johnson ist vermutlich, dass seine Partnerin nirgendwo zu sehen ist. Carrie Symonds, die sich in der Nacht zu Freitag einen derart lauten Zoff mit dem Premier in spe geleistet hat, dass die Nachbarn die Polizei gerufen haben, ward seitdem nicht mehr gesehen oder gehört. Kein "War alles halb so schlimm" oder: "jedes Paar streitet sich mal". Nichts.

Warum will er nichts sagen?

Deshalb hat Johnson vermutlich auch zu der Sache nichts sagen wollen. Auf dem Podium der ersten Wahlkampfveranstaltung für die Stichwahl zwischen ihm und Außenminister Jeremy Hunt, wich er der Frage, was sich zwischen ihm und der 31-jährigen konservativen Umweltaktivistin abgespielt hat, mehrfach aus und behauptete, das interessiere die Leute nicht. Tatsächlich interessiert es natürlich alle brennend.

Was hat Boris, wie ihn bis vor kurzem selbst gestandene Journalisten kumpelhaft nannten, getan, dass Carrie Symonds ihn angeschrien hat, er solle sie in Ruhe lassen ("get off")? Warum ist er nicht gegangen, als sie ihn dazu aufgefordert hat ("get off my flat") und vor allem: warum will er zu alldem nichts sagen, er, der sonst um keine Antwort verlegen ist?
Die Lager im Land streiten darüber, ob sein Privatleben einfließen darf oder muss in die Frage, wie geeignet der Mann für den Top-Job ist. Und es wird wild spekuliert, ob der Zwischenfall Johnsons Ambitionen beenden, ob er also seinen erheblichen Vorsprung dadurch einbüßen könnte. Diejenigen, die nun darüber entscheiden, ob Johnson oder Hunt Premier wird, sind die konservativen Parteimitglieder (genaue Zahlen über ihre Stärke gibt es nicht, die Angaben schwanken zwischen 130.000 und 160.000).

Ein Skandal zu viel?

Mehrheitlich über 60, in weiten Teilen geradezu fanatisch pro-Brexit, sonst, wie der Name sagt: konservativ. Dass Johnson diverse Affären hatte, mindestens ein uneheliches Kind und dass er seine zweite Frau im vergangenen Jahr für die deutlich jüngere Symonds verließ, hätte die Basis in Kauf genommen. Aber dieser Skandal könnte nun einer zu viel sein.

Zumal: Wäre Boris Johnson wirklich der ideale Premier, die Lichtgestalt, die die konservative Partei aus ihrem Jammertal zieht und wieder wählbar macht, dann würden sie ihm sicher alles gerne verzeihen. Aber der 55-Jährige wirkte beim Auftritt am Samstag fahriger denn je, zeigte sich einmal mehr schlecht vorbereitet, bar jeden Detailwissens und begeisterte nur hartgesottene Fans. Seine Thesen zum Brexit werden inzwischen sogar von Parteifreunden innerhalb von Sekunden widerlegt. Nach wie vor glaubt er, "die richtige Energie und der richtige Einsatz" reichten aus, um bei Nachverhandlungen mit der EU erfolgreich zu sein.

Misstrauensantrag wahrscheinlich

Die Frage nach der nordirisch-irischen Grenze will er dabei einfach ausklammern und später bei den Verhandlungen zu einem Freihandelsabkommen lösen. Sollte die EU nicht mitspielen, droht er die noch offene Rechnung von 45 Milliarden Euro einfach nicht zu zahlen. Und seine Idee, im Notfall eben doch am 31. Oktober ohne Deal auszutreten, macht ihn bei den leidenschaftlichen Brexit-Anhängern der Basis zwar besonders beliebt, scheint aber reichlich unrealistisch. Mehrfach hat das Parlament deutlich gemacht, dass es diesen chaotischen Brexit nicht mittragen wird.

Wenn der neue Premier ankündigt, dass er das Land auf eine magische Wundertour mitnimmt, bei der wir am 31. Oktober aus der EU fallen, dann wird er wohl nicht lange überleben.
Dominic Grieve, Tory-Abgeordneter

Der pro-europäische Tory-Abgeordnete Dominic Grieve droht ganz offen: "Wenn der neue Premier ankündigt, dass er das Land auf eine magische Wundertour mitnimmt, bei der wir am 31. Oktober aus der EU fallen, dann wird er wohl nicht lange überleben." Heißt, er und andere Parteigenossen würden einen Misstrauensantrag von Labour unterstützen. Die Regierung verfügt nur mit der DUP über eine Mehrheit und auch die beträgt nur noch vier Stimmen. Angeblich plant die Opposition einen solchen Antrag schon für den 25 Juli, einen Tag, nachdem Theresa May das Amt an den Neuen übergeben soll.

Derweil in den anderen Parteien...

Labour bewegt sich in winzigen Schritten auf ein zweites Referendum zu, die Parteispitze um Jeremy Corbyn weigert sich aber weiterhin, den Verbleib in der EU zu ihrem politischen Programm zumachen. Die Liberaldemokraten warnen vor – allen anderen Parteien. Abgeordnete von Labour und den Konservativen, so der Kandidat für den Vorsitz der pro-europäischen Partei Edward Davey, machten sich massive Sorgen über ihre „radikalen Parteivorsitzenden“.
Und die Schottischen Nationalisten freuen sich. Umfragen zeigen, dass das Chaos in London Nicola Sturgeon den Rücken stärkt. 53 Prozent der Schotten geben an, sie wären jetzt bereit, das Königreich zu verlassen. Sturgeon nennt Johnson eine verhängnisvolle Katastrophe.

All das erhöht die Chancen für Jeremy Hunt, der am Samstag bei seinem Auftritt in Birmingham kurz nach Johnson eine vergleichsweise kompetente Figur abgab. Hunt würde den Austrittstermin noch einmal verschieben, wenn es dadurch eine Chance für einen Deal gäbe. Seine ebenfalls gewagte Idee ist, die Unternehmenssteuer drastisch zu senken und die EU so unter Druck zu setzen.
Dass das einer wirtschaftlichen Kriegserklärung gleichkäme, stört den Außenminister, der die EU mal mit der Sowjetunion verglich, nicht. Vergangene Woche noch fragten sich viele, warum er sich die vierwöchige Schmach antue, nur um sicher zu verlieren, nun hat er zumindest eine Chance. Wenn es auch nur die Chance ist, einen Kampf zu gewinnen, um sich in einer reichlich ausweglosen Situation wiederzufinden. Denn auch Hunt wird entweder an der EU oder seinem eigenen Parlament scheitern.

Abtauchen geht nicht mehr

Derweil geht der Streit um den Streit weiter. Die Nachbarn von Carrie Symonds, die die Polizei gerufen haben, nachdem sie den lauten Streit und das Fallen schwerer Objekte gehört und vergeblich an der Tür geklopft haben, werden von manchen Medien als Anti-Brexit-Paar ("Remainer-Couple") bezeichnet. Vorwurf: sie hätten aus einer Mücke einen Elefanten gemacht, weil sie Boris Johnson als Premier verhindern wollten. Beliebt ist Johnson in der Nachbarschaft seiner Freundin tatsächlich nicht. Diverse selbstgemachte Plakate in der Gegend tun kund: "wir ertragen ihn lieber als Nachbarn denn als Premier".

In den vergangenen Wochen hat Johnson den Vorsprung vor seinen Mitbewerbern konstant ausgebaut. Allerdings hat sein Team ihn da auch kaum an die Öffentlichkeit gelassen – eine Strategie, die angeblich auf seine Freundin zurückging. Abtauchen aber geht jetzt nicht mehr.

In den nächsten Wochen stehen 15 weitere Auftritte vor Parteimitgliedern im ganzen Land an. Ein Spaziergang durch begeistert jubelnde Fangemeinden, so konnte Johnson bisher glauben. 77 Prozent der Tories hatten kürzlich noch gesagt, sie glaubten, er werde den Job gut machen. Nur 56 Prozent nahmen das für Hunt an. Nun aber gilt einmal mehr: Die größte Gefahr für Boris Johnson ist er selbst.

Diana Zimmermann leitet das ZDF-Studio London.

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