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Gegen den Erinnerungskult - Medellin will Escobar-Fluch loswerden

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Kolumbiens Medellin ist eine pulsierende Handelsmetropole. Doch Internet-Serien über den Drogenbaron Pablo Escobar lassen die Vergangenheit nicht ruhen. Das soll sich jetzt ändern.

Escobars Sitz in Medellin soll abgerissen werden.
Escobars Sitz in Medellin soll abgerissen werden.
Quelle: Tobias Käufer

Das Gebäude mit dem Namen "Monaco" ist eine "Ikone des Terrorismus", ein Produkt des Drogenhandels - das schrieb die Stadtverwaltung Medellin vor einigen Tagen in einer Pressemitteilung. Darin gibt sie eine folgenreiche Entscheidung bekannt: Der ehemalige Sitz des Drogenimperiums von Pablo Escobar soll verschwinden. Stattdessen soll an der Stelle ein Park entstehen, der an die Opfer des Drogenterrors erinnert - unter der Zivilgesellschaft als auch unter den Sicherheitskräften.

Fernsehserie sorgt für nicht gewollte Aufmerksamkeit 

Vor ein paar Jahren noch lag der weiße Grabstein von Pablo Emilio Escobar Gaviria (1949 bis 1993) nahezu unbeachtet auf dem Friedhof Jardines Montesacro in Itagüí. Der Regen ließ die schwarze Inschrift verblassen. Kaum ein Besucher verirrte sich über den weiten grünen Rasen zu dem abseits gelegenen Grab. Es war nur eines von vielen.

Dann kam die Serie "Narcos" des Internet-Streamingdienstes Netflix. Und alles sollte sich ändern. Inzwischen ist "El Patron" umgebettet. Ein neues großes Grab mit grauer Umrandung lockt die Touristen an, fast täglich legen Verehrer Blumen nieder. Nicht alle in Medellin freuen sich über diesen Trend. Die Stadtverwaltung wird das Haus "Monaco" - Escobars Schaltzentrale für sein weltweit operierendes Drogenimperium, in dem er seine Opfer auch folterte - jetzt abreißen lassen.

Medellin - Stadt der zwei Gesichter 

Ohne Zweifel seien Medellin wichtige Schritte gelungen, die Stadt habe ihre gewaltsame Vergangenheit hinter sich gelassen, sagt Catalina Restrepo von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft ACI Medellin. Besonders deutlich wird dieser Strukturwandel an zwei "Titeln", mit denen die Hauptstadt des Departaments Antioquia in den letzten Jahren bedacht wurde.

Zur Hochzeit des Medellin-Kartells von Pablo Escobar kürte die "Washington Post" Medellin zur gefährlichsten Stadt der Welt. Es war die Zeit, als Escobar als Kokain-König 1,5 Millionen US Dollar am Tag verdiente und zu einem der reichsten und mächtigsten Männer der Welt aufstieg. Polizisten, Richter, Staatsanwälte oder Politiker, die sich nicht von ihm korrumpieren ließen oder mit der Konkurrenz des Cali-Kartells zusammenarbeiten, ließ er umbringen. Er zündete Sprengsätze und ließ ein Linienflugzeug abstürzen.

Doch es gibt eben auch das neue, das moderne Medellin, das vor ein paar Jahren sogar zur innovativsten Stadt gewählt wurde. Das mit Atletico Nacional Heimatstadt eines der populärsten und erfolgreichsten Fußall-Teams des Kontinentes, das Mode- und Kulturmetropole geworden ist. Und vor allem viel sicherer.

Escobar als ungewollter Touristen-Magnet 

Wir wollen die gewalttätige Vergangenheit hinter uns lassen und das neue Medellin zeigen, der Abriss ist ein Symbol für den Wandel.
Luis Carlos Villegas - Verteidigungsminister Kolumbiens

Medellins Bürgermeister Federico Gutiérrez Zuluaga will mit dem alten Image aufräumen, obwohl der Schauer von damals inzwischen eine neue Generation von Touristen in die Stadt lockt - Escobar-Fans, die Blumen am Grab des Drogenbarons niederlegen und sich der Geschichte berauschen und spezielle Touren buchen. Dem will die Stadt nun ein Monument der Opfer entgegensetzen. Im Beisein von Justizminister Enrique Gil Botero und Verteidigungsminister Luis Carlos Villegas gab es die ersten Hammerschläge, die den bevorstehenden Abriss einläuten sollen. "Wir wollen die gewalttätige Vergangenheit hinter uns lassen und das neue Medellin zeigen, der Abriss ist ein Symbol für den Wandel", sagte Villegas, als er mit Schutzbrille den Hammer kreisen ließ.

Ein paar Monate soll der Abriss des verwahrlosten Gebäudes dauern. In den Fluren ist der Atem der Geschichte immer noch zu spüren. Die Folterkammer im Keller, der riesige Geldtresor gleich neben dem Schlafzimmer. Hier explodierte im Januar 1998 die erste von vielen Autobomben, Legenden ranken sich um das Gebäude. Nach dem Tod Escobars glaubten Schatzsucher an geheime Verstecke und rissen die Wände des leerstehenden Gebäudes auf. All das soll weg.

Noch ein langer Weg für "Stadt des ewigen Frühlings" 

Wir haben immer noch viele Aufgaben, aber wir hören nicht auf, das Beste zu geben.
Catalina Restrepo - Medellins Stadtmanagerin

Ein Symbol der Illegalität soll in ein Symbol der Hoffnung verwandelt werden, versprechen die Kommunalpolitiker. Gewalt gibt es auch heute noch in der Stadt, aber längst ist Medellin aus der Liste der weltweit gefährlichsten Städte verschwunden. Touristen genießen das Leben in der wegen ihres Klimas sogenannten "Stadt des ewigen Frühlings". Aber die Stadtverwaltung weiß auch: "Wir haben immer noch viele Aufgaben, aber wir hören nicht auf, das Beste zu geben", verspricht Stadtmanagerin Catalina Restrepo. Und eines davon ist, auf den Trümmern der Vergangenheit ein Mahnmal für die Zukunft zu errichten. Damit auch die, die Escobar heimlich bewundern, ins Grübeln kommen.

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