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Medienwissenschaftler Pörksen - "Wir müssen alle medienmündig werden"

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Die aktuelle Stimmung in Deutschland wirkt oft gereizt. Medienwissenschaftler Pörksen sagt, das liege auch an der digital vernetzten Welt. Die überfordere den Menschen noch.

Viele haben das Gefühl: Es verändert sich was in Deutschland! Angst und Verunsicherung wachsen. Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat darüber geforscht. Er kommt zu dem Ergebnis: die Menschen sind noch nicht bereit für die global vernetzte Welt!

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Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat über die aktuelle Stimmung geforscht - und seine Eindrücke im ZDF-Interview geschildert.

ZDF: Woher kommt diese Gereiztheit, die alle spüren? Was ist da schief gelaufen?

Bernhard Pörksen: Es gibt immer wieder ganz konkrete Reizthemen: die Flüchtlingsdebatte, die Ukraine-Krise, Kriege und Krisen überall auf der Welt, Anschläge und Attentate. Aber jenseits dessen erleben wir die Effekte einer veränderten Medienwelt. Wir bekommen alles sofort auf unser Smartphone gespielt, ganz schnell und sehr rasch. Oft viel zu schnell, um uns überhaupt einen Reim darauf zu machen.

Uns erreicht alles in einer neuartigen Direktheit, Unmittelbarkeit und Geschwindigkeit. Das berührende, das Banale, das entsetzliche Geschehen, das Bestialische - all das erreicht uns sofort. Und in diesem Sinne gilt die Vernetzung der Welt verstört. Wir sind als Menschen schlicht noch nicht darauf vorbereitet, in einem global vernetzten Dorf zu leben.

ZDF: Zum Beispiel am Montag haben wir das gespürt: Da haben wir uns in der Redaktion die Köpfe heiß geredet über die Frage: Sollen wir sagen, dass dieser Täter vom Frankfurter Bahnhof aus Eritrea war? Da gibt es eine alte Regel, die sagt: Wir sagen das nur, wenn die Nationalität für die Tat eine Rolle spielt. Heute wissen wir: Die Nationalität hat keine Rolle gespielt. Der Mann war psychisch krank. Trotzdem haben wir die Nationalität gesagt, weil wir das überall in der Debatte wahrgenommen haben. Ist jetzt überhaupt keine Zeit mehr für eine faire, ausbalancierte Überlegung?

Pörksen: Das ist genau das Problem. Die Hochgeschwindigkeit bedroht im Grunde genommen die genaue Abwägung, das Nachdenken. Peter Glaser hat mal gesagt, Information ist im digitalen Zeitalter wahnsinnig schnell - Wahrheit braucht aber Zeit. Und in diesem Fall hätte es die Zeit der Abwägung, der Recherche, des genauen Ausleuchtens der Umstände gebraucht.

Aber da liefen schon längst die Gerüchte in den sozialen Netzwerken heiß. Und viele Medien haben sich so entschieden wie Sie - und dann die Nationalität genannt, obwohl der Pressekodex in dem Fall sagt: Es gab keinen begründeten Sachbezug bei einem psychisch kranken Mann.

ZDF: In dieser schnellen, kurzen Zeit kam schon der erste Tweet von der AfD, der sich wünschte, dass Merkel nie geboren worden wäre, weil sie indirekt schuld sei, an diesem furchtbaren Ereignis in Frankfurt. Wo bleibt die Chance, dann heute vernünftig und in Ruhe zu überlegen?

Pörksen: Ich glaube, man darf sich als Medienmacher, als Journalist, da nicht zum Teil dieses Instrumentalisierungs-Geschäftes machen. Natürlich: Hier versucht jemand sofort, politisches Kapital aus einem solchen Verbrechen, wie wir das in Frankfurt gesehen haben, zu schlagen. Und das passiert eigentlich, so muss man leider sagen, jedes Mal. Jedes Mal nach einem Anschlag, einem Amoklauf, einem Attentat - sofort die ersten Tweets, sofort die ersten Nachrichten, heiß laufende Debatten.

Hier gilt es aus meiner Sicht, sich Zeit zu nehmen, einen Moment lang abzuwägen und zu fragen: Was ist tatsächlich passiert? Das Problem ist ja, das wir im Moment erleben: Bevor die Fakten klar sind, bevor die Fakten auf dem Tisch liegen, sind die Interpretationen und Deutungen schon da. Wir haben es in anderen Fällen erlebt, denken Sie an die Amokfahrt von Münster: Ein psychisch kranker Mann, der in eine Gruppe von Menschen hineinrast mit seinem Auto.

ZDF: Was muss in einer Berichterstattung anders laufen, wenn Millionen Menschen die Grundthesen zum Beispiel der AfD für erwägenswert und möglicherweise sogar richtig halten?

Pörksen: Auf jeden Fall muss eine Berichterstattung in diesen aufgeheizten, in diesen extrem gereizten Zeiten, zweierlei sein: Möglichst transparent, möglichst offen - und möglichst dialogorientiert. Das heißt: Man muss offenlegen, warum berichtet man auf die eine oder andere Weise. Warum nennt man die Nationalität eines Täters - oder warum nennt man sie gerade nicht?

Diese Transparenz ist das Gebot der Stunde, gerade in einer Zeit des Medienmisstrauens. Und man muss, auch wenn es schwer fällt und anstrengend ist und unendlich mühsam, den Dialog mit dem Publikum suchen. Einem Publikum, das nicht mehr am Ende des Kommunikationskanales sitzt und einfach nur empfängt. Sondern das selbst medienmächtig geworden ist, das sich zuschalten kann, auf die unterschiedlichste Art und Weise - mal kritisch und konstruktiv, mal aber auch hasserfüllt und aggressiv.

ZDF: Hat man denn überhaupt eine Chance in Ruhe zu diskutieren, wenn inzwischen in den USA einige der größten Konzerne der Welt, mit den besten Programmierern der Welt, daran arbeiten, dass ich möglichst emotional angesprochen werde? Dass ich möglichst emotionale Tweets raus sende, und heftig reagiere, weil ich in derselben Zeit denen dann die Daten liefere und ihre Werbung anschaue?

Pörksen: Das ist genau das Problem. Wir sehen - und darauf zielen die Plattformbetreiber - eine Überhitzung des Kommunikationsklimas im öffentlichen Raum. Emotionalität funktioniert. Hier gilt es, einen Schritt zurückzutreten, und eigentlich zu sagen: In dieser aktuell laufenden Medien-Revolution, die an vielem etwas Fantastisiches hat - auf einmal hat jeder eine Stimme, das ist eigentlich eine gute Nachricht - in dieser aktuell laufenden Medien-Revolution steckt ein großer, noch unverstandener Bildungsauftrag.

Weil jeder zum Sender geworden ist, müssen wir nun alle, und das ist eine Aufgabe von Schulen und Hochschulen, medienmündig werden. Und diese Aufgabe gilt es überhaupt erst politisch zu verstehen und politisch zu entziffern.

ZDF: Das heißt, wir sind in so einer Art digitaler Pubertät und müssen langsam heranreifen, um damit überhaupt fertig zu werden?

Pörksen: Unbedingt, das ist eine Hoffnungs-Metapher, die digitale Pubertät. Zu sagen: Es ist eine Phase des Übergangs - und wir müssen lernen, mit diesen neuen Medienmöglichkeiten umzugehen, und sie auf eine gute, produktive Weise zu nutzen. Und das ist eine Aufgabe der Schulen und eine Aufgabe von Bildung. Und all das findet im Moment noch viel zu wenig statt auf dem Weg zu einem ausreichend respektvollen Diskurs, einer ausreichend respektvollen Debatte.

Das Interview führte heute journal-Moderator Claus Kleber.

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