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Bootsunglück im Mittelmeer - Über Hundert Tote befürchtet

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Nach dem Bootsunglück mit Migranten befürchten Organisationen über Hundert Tote. Italiens Innenminister Salvini lehnt weiter Hilfe ab, andere Politiker fordern mehr Seenotrettung.

Keiner glaubt mehr an Überlebende nach dem Bootsunglück vor der libyschen Küste, die vermutlich schlimmste Tragödie im Mittelmeer in diesem Jahr. Italien will indess seine Gesetze noch verschärfen. "Gesetze gegen die Menschlichkeit" sagen Kritiker.

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Das schwere Bootsunglück vor der Küste Libyens hat international Bestürzung ausgelöst und die Debatte über Rettungseinsätze im Mittelmeer befeuert. Zudem wurde am Freitag vor der Kriminalisierung der privaten Seenotretter gewarnt. Während Italiens Außenminister Salvini hart bleibt und ein Schiff der heimischen Küstenwache mit 153 Geretteten nicht anlegen lässt, fordern UN und deutsche Politiker ein Aufnahmesystem für Geflüchtete.

Nach dem womöglich schwersten Bootsunglück im Mittelmeer in diesem Jahr werden nach Angaben der libyschen Küstenwache 115 Migranten vermisst. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) und das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) sprechen von rund 150 Vermissten. Die Hoffnung Überlebende zu finden, schwindet.

Italiens Innenminister bleibt hart

Unterdessen bleibt die italienische Regierung bei ihrer strikten Flüchtlingspolitik. Italiens Innenminister Matteo Salvini will die 135 geretteten Migranten erst an Land gehen lassen, sobald die EU-Staaten sich bereit erklären, die Menschen aufzunehmen. Die Regierung in Rom habe sich in der Sache an die EU-Kommission in Brüssel gewandt, verlautete aus dem Innenministerium.

Zudem hat Italien den Druck auf die privaten Seenotretter immer weiter erhöht. Am Donnerstag hatte die Abgeordnetenkammer bereits einen Gesetzentwurf abgelehnt, der Strafen bis zu einer Million Euro vorsieht, wenn Kapitäne mit einem Schiff unerlaubt in die italienischen Territorialgewässer fahren. Der Entwurf muss noch durch den Senat.

Retter wollen Strafandrohung trotzen

Einige Seenotretter zeigten sich von den geplanten hohen Strafen unbeeindruckt. Der Mitgründer der Hilfsorganisation Mission Lifeline, Axel Steier, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, solche Drohungen würden seine Organisation nicht von Rettungsfahrten abhalten. "Wir gründen dann einfach einen neuen Verein, sammeln Spenden und kaufen wieder ein Schiff." Auch der Sprecher von Sea-Eye, Gorden Isler, fügte hinzu: "Man kann uns mit finanziellen Strafen nicht davon abhalten, Menschen vor dem Ertrinken zu retten."

In der Debatte um die Migration über das Mittelmeer stehen die Hilfsorganisationen im Fokus. Allerdings legten die meisten Menschen, die dieses Jahr Italien erreichten, diesen Weg ohne die Hilfe von Rettern zurück. Die Schlepper haben ihre Strategie geändert und schicken sogenannte Geisterboote in Richtung Italien, die Migranten an Bord haben, aber unbegleitet sind. Nach Angaben des Innenministeriums in Rom von Anfang Juli kamen fast 2.500 Migranten direkt in Italien an - rund 590 Migranten wurden gerettet.

Unterschiedliche Zahlen von Opfern und Geretteten

Unklar ist bislang, wie viele Menschen bei dem aktuellen Boots-Unglück ums Leben kamen, gerettet wurden oder sich selbst retten konnten. Die IOM erklärte in Genf, 30 Leichen seien bis Freitagfrüh geborgen worden. Zuvor hatte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) berichtet, im Wasser seien mindestens 70 Leichen gesichtet worden. Am Abend hieß es, die Organisation "Roter Halbmond" habe bereits über 60 Tote geborgen.

Ärzte ohne Grenzen berichtete außerdem, dass 135 Menschen gerettet und in den Hafen der libyschen Stadt Al-Chums gebracht worden seien. Laut UNHCR seien manche Migranten nach dem Unglück, dass sich fünf Kilometer vor der libyschen Küste ereignete, zurück an Land geschwommen. Einige seien von Fischern gerettet worden. Nach Angaben der libyschen Marine stammten die meisten Bootsinsassen aus Eritrea. Auch Palästinenser und Sudanesen waren demnach unter den Geretteten.

UNHCR fordert Wiederaufnahme der Seenotrettung

Der Chef des UN-Flüchtlingshilfswerks, Filippo Grandi, sprach von der "schwersten Tragödie im Mittelmeer" des laufenden Jahres. Die Seenotrettung müsse "jetzt" wieder aufgenommen werden, "sonst ist es für viele weitere verzweifelte Menschen zu spät".

Eine Sprecherin der EU-Kommission in Brüssel bezeichnete die Tragödie als "eine schreckliche Erinnerung daran", welches Risiko die Migranten auf ihrem Weg nach Europa eingingen. Der Vorfall sei "eine Erinnerung daran, dass es dringend vorhersehbare Regelungen" für die Verteilung von aus Seenot geretteten Menschen brauche, sagte die Sprecherin: "Jedes verlorene Leben ist eines zu viel."

Die EU-Staaten ringen allerdings seit langem um eine Lösung bei der Verteilung der Bootsflüchtlinge. Und eine Einigung ist nicht in Sicht, auch nicht nach der jüngsten Tragödie. Italien und Malta verwehrten privaten Seenotrettern zuletzt immer wieder die Einfahrt in ihre Häfen. Die beiden Mittelmeerländer bestehen auf eine Einigung der EU-Länder zur Verteilung geretteter Migranten - vorher wollen sie ihre Häfen nicht öffnen. Auch der jüngste Versuch Deutschlands und Frankreichs, eine gemeinsame Lösung mit anderen EU-Staaten auf den Weg zu bringen, war zuletzt gescheitert.

Deutsche Politiker fordern dringend Seenotrettung

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, rief Italien auf, die "Behinderung und die Kriminalisierung der zivilen Seenotrettung" unverzüglich zu beenden. "Als Einzige retten die zivilen Seenotretter derzeit die Menschen und versuchen, diese in einen sicheren Hafen zu bringen", erklärte der Bischof.

Es sei einmal mehr deutlich geworden, "wie dringend eine staatlich finanzierte Seenotrettung im Mittelmeer gebraucht wird", sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt der "Augsburger Allgemeinen" (Samstagsausgabe). "Um das Sterben von Menschen im Mittelmeer zu verhindern, brauchen wir endlich ein gemeinsam getragenes Aufnahmesystem und eine faire Verteilung von Geflüchteten auf die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union", fügte sie hinzu. Der Obmann der Fraktion der Linken im Menschenrechtsausschuss des Bundestags, Michael Brandt, nannte eine staatliche Seenotrettung "dringend erforderlich".

Die Fluchtroute über das zentrale Mittelmeer zwischen Italien und Libyen gilt als die gefährlichste der Welt. Vor dem Unglück hatten IOM und das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR mitgeteilt, dass seit Jahresbeginn mindestens 426 Flüchtlinge beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, ums Leben gekommen seien. Erst Anfang Juli ertranken 68 Migranten, als ihr Boot vor Tunesien unterging.

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von Lucas Eiler
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