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"Grünes Abitur" - Mehr Frauen gehen auf die Jagd

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Immer mehr Frauen jagen. In einer Zeit, in der die Themen Nachhaltigkeit und Fleischkonsum große Aufmerksamkeit bekommen, ein Widerspruch? Im Gegenteil, sagen die Jägerinnen.

Friederike Meyer geht am Morgen mit dem Gewehr über der Schulter aus dem Haus. Die 23-Jährige hat es nicht weit, sie braucht kein Auto. Der umliegende Wald gehört ihrer Familie, seit vielen Generationen schon. Eine kleine Allee mit Kopfsteinpflaster führt durch den Buchenwald zu dem Gutshof bei Natendorf südlich von Lüneburg, eine kleine Zeitreise, so scheint es, mit Efeu und Fachwerk, nur die Kutsche fehlt. Die zierliche Studentin ist auf der Jagd an diesem kalten Wintertag. Wie sie machen seit Jahren immer mehr junge Frauen den Jagdschein und ziehen los - warum eigentlich?

Jagd ist "direkter Weg zur Natur"

Archiv: Die Jägerin Friederike Meyer steht am 01.11.2019 im Wald in Nattendorf (Niedersachsen).
Die Jägerin Friederike Meyer.
Quelle: DPA

"Mich hat das Wissen und die Jagd gleichermaßen gelockt", sagt die Jungjägerin. So werden die Jägerinnen in den ersten drei Jahren nach der nicht eben einfachen Prüfung genannt, wenn sie denn bestanden haben. Meyer hat im vergangenen Mai das "Grüne Abitur" gemacht. "Eine große Rolle spielt die Natur. Ich kannte so wenig Bäume und so wenig Tiere", erklärt sie, während es durch den Wald zum nächsten Hochsitz geht. "So finde ich den direkten Weg zur Natur."

Auch die Tradition habe eine Rolle gespielt, sagt Friederike Meyer. "Mein Vater ist auch Jäger, ich bin schon damit groß geworden", berichtet sie. "Der Auslöser war mein Freund - er hat den Jagdschein gemacht. Da bin ich auch eingestiegen." Eine wichtige Rolle spiele zudem das Wildbret, also das Fleisch des erlegten Wilds. "Wir kochen gemeinsam. Man merkt, dass das hochwertiges Fleisch ist."

Die "rote Arbeit", also das Zerteilen des erlegten Wildes, fällt Friederike Meyer nicht schwer. "Schon durch das Studium habe ich weniger Berührungsängste", sagt Meyer. Sie studiert Medizin im 9. Semester. Auch schießen kann sie mit ruhiger Hand: "Ich habe gleich beim ersten Versuch fünf Mal die Zehn getroffen - die Männer waren nicht begeistert."

Mehr Frauen machen den Jagdschein

Lange war die Jagd eine Männerdomäne, doch das hat sich gründlich geändert. "Der Anteil der Jägerinnen steigt stetig an", sagt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdverband (DJV) in Berlin. "Vor 25 Jahren waren nur ein Prozent der Jagdscheininhaber Frauen, heute sind es sieben Prozent der bundesweit rund 384.000 Jagdscheininhaber - und in den vom DJV befragten Jägerkursen waren es bereits 24 Prozent."

Was bewegt die angehenden Jungjäger dazu, auf die Jagd zu gehen? "Beide Geschlechter geben als Hauptmotiv an, gerne in der Natur zu sein", sagt Torsten Reinwald vom DJV. Das habe eine Verbandsumfrage ergeben. "Dann kommt der angewandte Naturschutz auf Platz Zwei." Das hätten 55 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen angegeben. Jägerinnen und Jäger schießen nicht nur, sie pflegen auch Nistkästen, legen Hecken und Blühstreifen an. Auch schlichte Freude an der Jagd sei ein wichtiger Grund, sagt Reinwald.

Doch die Motive seien bei Männern und Frauen nicht ganz gleich. Er sieht einen entscheidenden Unterschied: "Auf Platz Fünf kommen bei den Frauen mit 36 Prozent die Jagdhunde." Mehr als jede dritte Frau in einem Jagdkurs gebe an, den Schein für die Ausbildung eines Jagdhundes zu machen. "Bei den Männern sind das nur zwölf Prozent." Und: "Für Männer steht die Geselligkeit bei der Jagd weiter im Vordergrund."

Für manch einen ist der Jagdschein beruflich wichtig, wie für angehende Land- und Forstwirte. Auch Familientradition und Interesse an Waffen sind Argumente, die bei der im vergangenen Jahr vorgelegten Studie angegeben wurden. Befragt wurden insgesamt knapp 2.400 Teilnehmer von Jagdkursen.

Jägerin Steinbach: Wildbret ist "nachhaltig"

Ich bin fünf Jahre Vegetarierin gewesen. Dann habe ich überlegt, wie ich auf ethisch vertretbare Weise an Fleisch komme.
Jägerin Alena Steinbach

Das Fleisch ist auch für Alena Steinbach ein ganz wichtiger Faktor. Die 29-Jährige beschreibt sich als leidenschaftliche Jägerin und hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. Sie gibt das Online-Magazin "Wir jagen" heraus, ist Hundeführerin und hat im Oktober ein Kochbuch mit dem Titel "Wild kochen" veröffentlicht. "Ich bin fünf Jahre Vegetarierin gewesen. Dann habe ich überlegt, wie ich auf ethisch vertretbare Weise an Fleisch komme", sagt Steinbach. "Ich komme aus einer Jägerfamilie, da kam ich zur Jagd."

"Besonders wichtig war mir, dass die Tiere frei leben und nicht in Ställen eingesperrt sind", sagt Steinbach. Sie hat Umweltmanagement studiert und ihre Bachelorarbeit über Wildbret geschrieben. "Das Wildbret ist nachhaltig und auf natürliche Weise nachwachsend", betont sie. "Außerdem kann man sich sein Fleisch kaum auf klimaneutralerem Weg verschaffen." Und ausgesprochen lecker sei es auch noch.

Friederike Meyer sitzt unterdessen auf ihrem Hochsitz zwischen einem abgeernteten Kartoffelacker und einer heute ungenutzten Pferdeweide, an deren Rand alte Eichen stehen. Die Vogelrufe und andere Naturgeräusche scheinen ganz langsam lauter zu werden, während in Wirklichkeit nur das sonst vom Alltagslärm geplagte Ohr aufmerksamer zuhört. "Diese Momente der Ruhe möchte ich nicht missen", sagt sie.

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