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Zunahme der Keuchhusten-Fälle - Mehr als nur "ein bisschen erkältet"

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Die Zahl der Keuchhusten-Fälle in Deutschland steigt. Ein Grund ist die Erfassung. Experten warnen aber hauptsächlich vor größer werdenden Impflücken.

Archiv: Eine Schülerin führt in einer Schule in Flensburg ihre Hand beim Husten vor den Mund
Es beginnt wie eine Erkältung: Keuchhusten Quelle: dpa

Es ist keine 100 Jahre her, da starben in Deutschland jedes Jahr rund 10.000 Säuglinge an Keuchhusten. In den 1930er Jahren wurde eine Impfung eingeführt, dank der die hochansteckende Krankheit ihren Schrecken verlor. Doch seit gut einem Jahr sind die Mediziner aufgeschreckt: Die Zahl der Infizierten steigt stetig. Waren 2013 zu Beginn der Meldepflicht für Keuchhusten noch etwa 12.000 Fälle erfasst worden, erkrankten 2016 bereits mehr als 22.000 Menschen daran. Drei Säuglinge starben an der Infektion - das war lange nicht mehr geschehen.

Nahezu jeder Kontakt führt zur Ansteckung

Ein trockener Reizhusten, Schnupfen, leichtes Fieber - die ersten Symptome von Keuchhusten erinnern an eine Erkältung. Die Kinder werden ins Bett gepackt, mit Tee, Taschentüchern und einer guten Geschichte versorgt. Erwachsene ignorieren die Anzeichen der Krankheit meist und schleppen sich angeschlagen ins Büro. Bis die Symptome - bei Klein und Groß - schlimmer und die Hustenattacken so heftig werden, dass man sich erbricht.

Das ist im besten Falle einfach nur unangenehm. Für Säuglinge und Menschen mit einem schwachen Immunsystem oder einer schweren Grunderkrankung kann Keuchhusten jedoch schnell lebensgefährlich werden: Sie leiden unter Atemaussetzern und die Lunge kann sich entzünden oder dauerhaft geschädigt werden. "Die Erkrankungszeichen sind anfangs häufig noch untypisch, sodass die Diagnose zu dem Zeitpunkt oft nicht gestellt wird. Gleichzeitig sind die Erkrankten genau dann schon hochinfektiös", sagt Cornelia Feiterna-Sperling von der Klinik für Pädiatrie an der Charité Universitätsmedizin Berlin.

"Therapie so früh wie möglich"

So werden Kranke, die den Keuchhusten selbst gut wegstecken und ihn als hartnäckige Erkältung oder Bronchitis fehldeuten, zur Gefahr für andere. Denn Betroffene sind mindestens drei Wochen lang ansteckend und infizieren in dieser Zeit durchschnittlich 17 weitere Personen. Nahezu jeder Kontakt zwischen einem erkrankten und einem gesunden Menschen führt zur Ansteckung. Hinzu kommt, dass Keuchhusten sehr häufig atypisch verläuft, die bekannten Stadien also überhaupt nicht in dieser Form auftreten.

Der Keuchhusten, sagt Ulrich Heininger, ist auf vielen Ebenen kompliziert. Der Professor und Leitende Arzt am Universitäts-Kinderspital beider Basel ist Fachmann für Pertussis - so der medizinische Name für Keuchhusten. "Eine Therapie muss so früh wie möglich begonnen werden - dann, wenn man eigentlich noch gar keinen Verdacht hat, dass es Keuchhusten sein könnte", sagt Heininger.

Kechhusten: Fakten, Fragen und Antworten

Der Wirkungsgrad des Impfstoffes beträgt nur 85 Prozent

Immerhin: Es gibt wirksame Impfstoffe, die gut verträglich sind. Diese sogenannten azellulären Keuchhustenimpfstoffe erreichen einen Wirkungsgrad von 85 Prozent. Das heißt, von sechs Geimpften bleibt einer ungeschützt. Um einen Erreger, der nur bei Menschen vorkommt, vollständig auszurotten, bräuchte man einen Wirkungsgrad des Impfstoffes von 95 Prozent und gleichzeitig eine Impfquote von 95 Prozent.

Tatsächlich hat die Wissenschaft bereits in den 1940er-Jahren einen Impfstoff gegen Keuchhusten entwickelt, der einen höheren Wirkungsgrad hat als die heutigen Varianten. Doch dieser sogenannte Ganzkörperimpfstoff war deutlich schlechter verträglich: Viele Kinder bekamen nach der Impfung Fieber, Schwellungen und Schmerzen. In den 1990er-Jahren kam sogar der Verdacht auf, die Pertussis-Impfung sei Ursache für schwere Hirnschäden oder Todesfälle bei kleinen Kindern. "Das wurde intensiv untersucht, und heute weiß man, dass dem nicht so ist. Doch das alles war Anlass genug, um neue Impfstoffe zu entwickeln", sagt Heininger.

Kontaktpersonen von Neugeborenen sollten sich schützen

Heute werden Kinder und oft auch Erwachsene mit Ausnahme von Polen in ganz Europa mit den azellulären Impfstoffen immunisiert. Die Mediziner haben damit eine bessere Verträglichkeit gegen eine etwas schlechtere Wirksamkeit eingetauscht. Das hat zur Folge, dass der Erreger weiter in der Bevölkerung zirkuliert und mal hier, mal dort Ausbrüche registriert werden. "Wir haben keinen nationalen Notstand, doch das Tückische am Keuchhusten ist, dass es jederzeit zu einem größeren Ausbruch kommen kann und plötzlich in einem Jahr 15 Säuglinge daran sterben können", mahnt Heininger.

Das größte Risiko besteht darin, dass nicht Geimpfte den Erreger weitergeben an Menschen, für die der Keuchhusten lebensgefährlich werden kann. Da Neugeborene erst nach dem vollendeten zweiten Lebensmonat geimpft werden können, ist es umso wichtiger, dass sich Kontaktpersonen gegen Keuchhusten schützen: Das sind neben Eltern und Geschwistern auch Oma und Opa, Tanten, Onkel oder Erzieher der älteren Geschwister.

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