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Steigende Sozialausgaben - Hebammen-Misere bleibt schwere Geburt

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80 Prozent der Sozialleistungen werden für Geburt, Krankheit, Alter, Tod ausgeben. 2016 waren das 720 Milliarden Euro. Viel Geld. Doch da, wo Leben beginnt, ist es zu wenig. Hebammen sind rar, Geburtsstationen auch. Das soll sich ändern, aber wie? Nicht mehr nur die Hebammen machen mobil.

Deutschland hat im vergangenen Jahr trotz Rekordbeschäftigung 918 Milliarden Euro für Sozialleistungen ausgegeben. Die Ausgaben stiegen gegenüber 2015 um 3,7 Prozent. Besonders Ausgaben für Krankenversicherung und Rente schlugen zu Buche.

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Reisewarnung für deutsche Inseln und die Küsten. Berlin ist auch schwierig, München sowieso. "Schwangere Frauen sollten sich gut überlegen, welche Gebiete innerhalb Deutschlands sie für ihren Urlaub wählen", sagt Katharina Desery von der Berliner Elterninitiative Mother Hood, die mit Beginn der Sommerferien eine Pressemitteilung inklusive Deutschlandkarte mit tiefrot eingefärbten Regionen herausgab. Guter PR-Gag, könnte man meinen. Wenn es nicht so ernst wäre.

Mehr Geburten bei weniger Beleghebammen

In vielen Gegenden Deutschlands empfiehlt es sich, die Suche nach der Hebamme gleich mit positivem Schwangerschaftstest zu beginnen. Und auch dann ist eine erfolgreiche Suche nicht sicher. München hat deswegen seit dieser Woche eine Hebammen-Hotline geschaltet für die, die niemanden finden. Gründe dafür gibt es viele: Weil in den vergangenen Jahren so viele Kinder wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr geboren werden. Und weil gleichzeitig die Zahl der Hebammen, die sich tatsächlich um die Geburt und nicht nur um Vor- oder Nachsorge kümmern, stetig kleiner wird. Nur noch etwa 2.400 der 24.000 Hebammen leisten tatsächlich freiberufliche Geburtshilfe. Und weil eine Geburt lange dauern kann und sich damit so schlecht in Vorgaben des Fallpauschalensystems pressen lässt, sinkt auch kontinuierlich die Zahl der Geburtsstationen in Kliniken. Seit 2004 von 952 auf 709 Stationen.

Da wundert einen das nicht mehr: Weil der Kreißsaal voll ist, wird in Berlin vorige Woche eine 34-Jährige mit ihrem Freund zum nächsten Krankenhaus geschickt. Mit dem Auto, die Geburt dauert noch, hieß es. Doch ihre Tochter ist schneller - und kommt noch auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus zur Welt. Ohne Hebamme, ohne Arzt, zum Glück gesund.

Zähe Verhandlungen seit einem Jahr

Dabei hat jede Frau laut Sozialgesetzbuch "Anspruch auf ärztliche Betreuung sowie auf Hebammenhilfe". Die Lage sollte eigentlich längst besser sein. Dass sie es nicht ist, liegt auch an einem zähen Streit ums Geld. Seit Sommer vorigen Jahres schon verhandeln die Hebammenverbände und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) um eine bessere Bezahlung der freiberuflichen Hebammen, die als Teil eines Krankenhausteams oder ihre Patientinnen als Beleghebamme in einer Klinik betreuen. Weil sich beide Seiten nicht einigen konnten, wurde im März eine Schiedsstelle einberufen.

Sitzung im Mai: keine Lösung. Sitzung im Juli: keine Lösung. Der nächste Versuch sollte Anfang August sein, eine Einladung zur nächsten Runde gibt es aber immer noch nicht. Noch hat sich der Schlichter nicht geäußert, ob er überhaupt auf neue Verhandlungsrunden setzt. Und wie er die beiden Seiten zu einer Einigung bewegen will.

Streitpunkt: Leistungskatalog, Berufshaftpflicht

Wie immer in solchen Fällen gibt es völlig unterschiedliche Sichtweisen auf das, was auf dem Verhandlungstisch liegt. Die Gesetzlichen Krankenkassen wollen eine Steigerung der Honorare für die freiberuflichen Hebammen an Krankenhäusern mit einer qualitativen Verbesserung der Geburtshilfe verbinden. Die Vergütung soll um 30 Prozent steigen. Nach Ansicht der Hebammenverbände ist das zu wenig, weil das Niveau seit Jahren zu niedrig sei. Und weil die Kosten für die Freiberuflichen in den vergangenen Jahren enorm gestiegen sind. Sie fordern, "eine Erhöhung der Vergütung auf ein Niveau, das dem Aufwand und der Verantwortung der Tätigkeit der Hebammen entspricht", so der Deutsche Hebammenverband.

Beispiel Berufshaftpflichtversicherung für die Geburtshilfe: Sie stieg in den vergangenen zehn Jahren von 1.587 auf seit Juli mehr als 7.639 Euro pro Jahr. Zwar gibt es seit 2014 die Möglichkeit, sich dreiviertel der Prämie zurückerstatten zu lassen. Der bürokratische Aufwand sei aber zu hoch, kritisieren die Verbände. Der GKV hält dagegen: "Freiberufliche Tätigkeit birgt Chancen und Risiken, die individuell zu tragen sind." Hebammen könnten sich auch nur monatlich versichern, so dass diejenigen, die nur wenige Geburten hätten, nicht benachteiligt seien.

Zweites Problem: Der Tarifvertrag soll um Leistungsanforderungen ergänzt werden. Künftig soll zum Beispiel die Zahl, wie viele Frauen die Geburtshelferin betreuen darf, beschränkt werden. Darin lauert nach Ansicht der Hebammenverbände eine Gefahr: Die Geburtsthelferinnen bekämen nicht mehr ihre tatsächliche Arbeit entlohnt. Entweder die Hebamme bleibt auf Kosten sitzen, weil beispielsweise die dritte Geburt nicht mehr von den Kassen bezahlt wird. Oder sie muss sie der Frau privat in Rechnung stellen, was diese wiederum wenig erfreuen wird.

Mütter und Hebammen hauen auf den Tisch

Den Müttern und Hebammen reicht dieses Hin und Her schon längst. Die sozialen Netzwerke sind voll von Erfahrungsberichten und Videos. Meistens wackeln die Bilder etwas, der Ton ist nicht ganz klar, die Botschaft dagegen schon. "Es kann nicht sein, dass wir vor und während der Geburt alleine gelassen werden", sagt eine Frau mit Kind auf dem Schoß. "Es kann nicht sein, dass Geburtskliniken schließen", sagen sieben Frauen im Chor vor einem Krankenhaus. "Es kann nicht sein, dass nur noch Kaiserschnitte gemacht werden, weil sie weniger zeitaufwändig und günstiger sind." Und am Ende ihrer Forderung hauen die Frauen mit der Faust auf den Tisch. Der WDR hatte mit der Aktion #aufdenTischhauenfürHebammen auf all die Missstände aufmerksam gemacht. Hebammenschülerinnen aus dem Emsland haben sie jetzt wiederbelebt.

"Es geht nicht nur um die Haftpflichtversicherung", sagt Kea Jacobs, 20 Jahre alt und im zweiten Lehrjahr. Hebammen betreuten schließlich die Familien vom positiven Schwangerschaftstest bis zum ersten Geburtstag des Kindes. Darauf müsse die Gesellschaft aufmerksam gemacht werden. "Denn stell dir vor dein Kind kommt und niemand ist da", heißt es in einer Petition, die Jacobs und ihre Mitschülerinnen aufgesetzt haben. Darin fordern sie: akzeptabele Verdienstmöglichkeiten, flächendeckende Versorgung, niedrigere Prämien der Berufshaftpflicht und ein Einstiegsgehalt von 3.000 Euro brutto für angestellte Hebammen in Kreißsäalen.

Hebamme jetzt auch digital

Mehr als 5.000 Unterstützer hat die Petition mittlerweile, fehlen noch 45.000, damit sie im Petitionsausschuss des Bundestages behandelt wird. Für Jacobs ein großes Ziel, denn von Parteien und dem Bundesgesundheitsministerium gab es bislang nur Standardmails auf ihre Forderungen. Die Schülerinnen bleiben dran. "Hebamme ist ein so schöner Beruf", sagt Jacobs. "Man muss etwas verändern, und wir können etwas verändern."

Andere haben damit schon angefangen. Sabine Kroh ist Hebamme in Berlin. Seit gut einem Jahr vermittelt sie über die Plattform Call a Midwife die digitale Hebamme. Probleme beim Stillen, Schlafrhythmus, Hautpflege, Schwangerendiabetes - alles wird via Skype oder Whatsapp behandelt. Die Frauen buchen vorher ein Betreuungspaket mit Standby-Rufbereitschaft, einem bestimmten Minutenpaket Gesprächszeit oder SMS-Anzahl. Zehn Hebammen, die mehrere Sprachen sprechen, vermittelt Kroh so ins In- und Ausland. Manchmal hat schon eine Krankenkasse die Rechnung übernommen. "Wir sind kein Ersatz für die Hebamme vor Ort, aber eine Ergänzung", sagt Kroh. Die ganze Welt sei digital, die Frauen seien es. "Also müssen wir es auch sein."

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