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"Alles kaputt machen und sich dann verpissen"

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Barley über Populisten - "Alles kaputt machen und sich dann verpissen"

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Erstwähler treffen auf Spitzenpolitiker: Das neue ZDF-Gesprächsformat "Mein erstes Mal" zeigt, wie wenig politikerverdrossen junge Wähler sind. Und entlockt den Profis klare Worte.

Ihren "Schicksalstag" - so nennt Naomi Holdaway den 23. Juni 2016. An diesem Tag stimmten in einem Referendum knapp 52 Prozent der britischen Wähler dafür, dass das Vereinigte Königreich die EU verlassen soll. "Was haben wir uns selbst angetan? Ich habe nur noch geweint", sagt die Münchnerin mit britischen Wurzeln.

Seit klar ist, dass Großbritannien die EU verlässt, interessiert sich Naomi verstärkt für Politik. Und nimmt deswegen auch teil an dem neuen ZDF-Format "Mein erstes Mal", bei dem Erstwähler mit Spitzenpolitikern diskutieren und ihnen Fragen stellen, die ihnen unter den Nägeln brennen. Sie will von den Politikern wissen: "Mit dem Anstieg von Populismus: Muss die EU reformiert werden, um weiter relevant zu bleiben?"

Moderatorin Aminata Belli mit Naomi
Naomi Holdaway zum Brexit: "Was haben wir uns selbst angetan?"
Quelle: ZDF

Grünen-Spitzenkandidat hat über Brexit-Votum "so geheult"

Sven Giegold, Spitzenkandidat der Grünen, gesteht zunächst: "Ich habe so geheult, als diese Abstimmung kam. Ich finde, da ist Europa gescheitert." Europa müsse man jetzt verändern, man brauche "mehr Demokratie und mehr Handlungsfähigkeit in den europäischen Institutionen". Vor den rund 50 Erstwählern fordert er in der ersten der beiden Ausgaben von "Mein erstes Mal" ein sozialeres Europa, "denn ohne faire Steuern und gemeinsame Investitionen werden Leute leicht das Gefühl haben, was bringt Brüssel mir, was bringt Europa mir".

Großbritannien werde "nicht untergehen, wenn sie die Europäische Union verlassen", entgegnet AfD-Spitzenkandidat Jörg Meuthen und stellt gleichzeitig klar: "Ich halte den Brexit nicht für klug. Ich habe nur nicht geweint. Sondern ich sage: Es ist der Briten gutes Recht, so zu entscheiden und sie haben mit einer Mehrheit derer, die abgestimmt haben, so entschieden. Das ist zu respektieren."

Arbeitnehmerrechte "plattgemacht"

Auch Katarina Barley, Spitzenkandidatin der SPD, plädiert für ein soziales Europa. Arbeitnehmerrechte seien "plattgemacht" worden, die Gewerkschaften existierten fast nicht mehr in Großbritannien. Barley - selbst auch britische Staatsbürgerin - macht ihrem Ärger über die Populisten Luft: "Das ist das Wesen der Populisten. Die sagen: 'Ich hau' alles kurz und klein' - haben aber keinen Plan, wie sie es wieder aufbauen. Und das sieht man in Großbritannien wirklich, die haben keinen Plan. Nigel Farage hat sich verpisst - Entschuldigung, wenn ich das so sage - nach dem Referendum. I want my life back. Ja, klar. Was ist das denn für ein Mist? Der macht alles kaputt. Und das ist Populismus: Alles kaputt machen und sich dann verpissen. Entschuldigung."

In der zweiten Sendung - diesmal mit den Spitzenpolitikern Daniel Caspary (CDU/CSU), Nicola Beer (FDP) und Özlem Demirel (Die Linke) - spricht Erstwähler David Cuervo Müller von seiner Angst vor der Zukunft. Der 20-Jährige ist im Dreiländereck Deutschland-Luxemburg-Frankreich aufgewachsen, direkt gegenüber von Schengen. Die EU liege ihm sehr am Herzen und er beobachte mit Sorge, wie sich Menschen von der EU entfremdet hätten und wie populistische Bewegungen an Zuwachs gewönnen. Auf die Frage, was die Politik dagegen tun wolle, entgegnet Spitzenkandidatin Nicola Beer (FDP): "Ich glaube, dass es viel Enttäuschung darüber gibt, dass die Europäische Union lange, lange, lange redet, bis tief in die Nacht, aber nachher wird nichts entschieden und noch weniger umgesetzt. Das merken die Leute auch in ihrem Alltag. Sie erwarten einfach mehr Lösungskompetenz von der Europäischen Union."

Vor allem für die Situation in Ungarn interessiert sich die 19-jährige Eszter Toldi: "Wie kommt es, dass die ungarische Fidesz-Partei innerhalb der EVP lediglich suspendiert wurde, obwohl sie ganz offensichtlich gegen EU-Werte verstößt?" Eszter lebt in Heidelberg, ist in Ungarn geboren und sieht die aktuelle Politik dort sehr kritisch: "Ich denke, die EU könnte noch viel mehr Druck auf Orban und die Fidesz-Partei ausüben."

Schwarze Schafe, überall

Im März hatte sich die Europäische Volkspartei (EVP) dazu entschlossen, die Mitgliedschaft der Fidesz-Partei des ungarischen Ministerpräsidenten auszusetzen. Ein Grund dafür waren deren Provokationen mit einer Anti-Brüssel-Kampagne. Würde man Orban und die Fidesz "bei uns rausschmeißen", dann wäre die "Stimmung in Deutschland uns gegenüber einfacher und besser, aber in Europa und vor allem in Ungarn wird nichts besser", so Daniel Caspary, Vorsitzender der deutschen CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament. Schwarze Schafe gebe es leider in allen europäischen Parteienfamilien, man dürfe den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen.

Politik müsse ehrlich sein, so der Einwand von Özlem Demirel, der Spitzenkandidatin der Linken: "Wenn Herr Caspary ehrlich wäre, würde er sagen: Wir brauchen die Stimme von seiner (Orbans, Anm. d. Redaktion) Partei, damit Manfred Weber Kommissionspräsident wird." Das sei der wahre Hintergrund, politisch habe sie da kein Verständnis für.

"Der Brexit war ein Weckruf"

Die große Mehrzahl der Erstwähler bei "Mein erstes Mal" will bei der Europawahl ihre Stimme abgeben: Allen voran Naomi Holdaway. Mit ihren 24 Jahren hätte sie eigentlich schon einmal die Gelegenheit gehabt, bei einer Europawahl ihr Kreuzchen zu setzen. Aber sie hat damals ihr Wahlrecht nicht wahrgenommen. Heute ist sie deswegen untröstlich. Denn der Schock des Brexit, der unter anderem auch auf eine niedrige Wahlbeteiligung bei den jungen Briten zurückzuführen ist, sitzt nach wie vor tief: "Der Brexit war ein Weckruf - das kann eben passieren, wenn man nicht abstimmt."

"Mein erstes Mal"

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