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Studie des Potsdam-Instituts - "Wir haben das Klima nie stärker beeinflusst"

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Selbst wenn es gelingt, die Erderwärmung auf zwei Grad zu reduzieren - der Meeresspiegel wird bis 2300 trotzdem steigen. Das rechnen Potsdamer Klima-Forscher vor.

Die südpazifischen Fidschi-Inseln am 14.02.2016
Die südpazifischen Fidschi-Inseln am 14.02.2016 Quelle: picture alliance / Jürgen Schwenkenbecher

Heute.de: Dass der Meeresspiegel durch höhere CO2-Emissionen steigt, ist ja bekannt. Was ist jetzt der Neuigkeitswert ihrer jüngsten Studie?

Matthias Mengel: Es ist ja so, dass wir noch nicht genau wissen, wie die Zukunft aussehen wird. Man kann sich eine Welt vorstellen, in der die CO2-Ausstöße stark ansteigen oder eine Welt, in der wir starke Klimaschutzmaßnahmen haben. Die Annahme dieser Studie ist, dass das Pariser Klima-Abkommen durchgesetzt wird. Innerhalb dieser Bedingung haben wir uns den Meeresspiegelanstieg angeschaut. Vor allem ist neu, dass wir einen großen Zeitrahmen betrachtet haben, nämlich bis 2300. Das ist wichtig, denn der Meeresspiegelanstieg ist ein sehr langsamer Prozess. Das heißt, man sieht Auswirkungen nicht so schnell, sondern eher in der ferneren Zukunft.

heute.de: Was haben Sie herausgefunden?

Matthias Mengel
Matthias Mengel ist Forscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Leitautor der jüngsten Studie zum Anstieg des Meeresspiegels. Quelle: privat

Mengel: Wir haben herausgefunden, dass der Meeresspiegel unter der Bedingung, dass das Klima-Abkommen eingehalten wird, um 0,7 bis 1,2 Meter bis 2300 ansteigen wird. Durch die klare Definition der Bedingung bekommen wir einen Fokus auf die nähere Zeit. Wir können also sehen, was die Emissionen der nächsten 30 Jahre für den Meeresspiegel bedeuten. Wenn die globalen Emissionen nur fünf Jahre später ihr Maximum erreichen, kann das im Jahr 2300 einen Anstieg von zusätzlichen 0,2 Metern des Meeresspiegels ausmachen. Wir schreiben also gerade Meeresspiegel-Geschichte.

Heute.de: Selbst wenn das Pariser Klima-Abkommen eingehalten wird, könnte der Meeresspiegel Ihren Erkenntnissen zufolge bis 2300 extrem steigen. Wie kommen Sie darauf?

Mengel: Die hauptsächlichen Meeresspiegel-Komponenten sind die thermische Ausdehnung des Meerwassers, das Abschmelzen der Gletscher und die Eisverluste der großen Eisschilde von Grönland und der Antarktis. Wir fangen ja gerade erst an, die Systeme richtig zu verstehen. Wir versuchen aber, diese Unsicherheiten auch mit abzubilden. Dadurch ergeben sich verschiedene Pfade, von denen einige stark abweichen. Es könnte also auch im schlimmsten, sehr unwahrscheinlichen Fall zu einem Meeresanstieg von bis zu drei Metern kommen. Das ist nicht wahrscheinlich, aber möglich.

In den letzten drei Jahren gab es zudem neue Erkenntnisse zu den Eisschilden. Sie reagieren viel sensibler auf Klimaänderungen, als wir bisher dachten. Auch diese Faktoren müssen wir einrechnen, daher kann der Anstieg selbst im Szenario von nur moderater Klimaerwärmung drei Meter betragen. Die Gefahr ist, dass wir in den nächsten Jahrzehnten wenig von den Auswirkungen unserer CO2-Emissionen mitbekommen werden und deswegen unsere Klimaziele übergehen. Der Meeresspiegel ist sensibel für die jetzigen Emissionen, wir können es halt nur noch nicht sehen. Vor 50 Jahren haben wir weniger als halb so viele Emissionen ausgestoßen wie heute. Jetzt ist unser Einfluss auf den Meeresspiegel also mehr als doppelt so groß. Wir haben unser Klima nie stärker beeinflusst als gerade jetzt, die CO2-Emissionen sind so hoch wie nie.

Heute.de: Für Küstenregionen wäre ein solcher Anstieg dramatisch. Was kann die Bundesregierung tun?

Mengel: Ihre Klimaziele einhalten. Ich finde es besorgniserregend, dass das Klima in der Agenda mittlerweile so weit nach unten gerutscht ist. Klimawandel ist ein Problem, das bleibt. Man könnte zum Beispiel darüber nachdenken, einen CO2-Preis einzuführen. Damit könnte man die Verursacher unserer Klimaprobleme dazu bewegen, Emissionen einzusparen. Schade, dass so etwas bisher nicht wirklich diskutiert wird.

Heute.de: Die CO2-Emissionen von neu zugelassenen Fahrzeugen stiegen 2017 erstmals wieder an. Wäre die Autoindustrie ein guter Anwärter für den CO2-Preis?

Mengel: Natürlich wäre sie. Alle, die CO2 ausstoßen, sollten ihren Preis dafür bezahlen. Man könnte aber im Gegensatz die Steuern auf Benzin senken. Ein CO2-Preis würde wesentlich mehr Gerechtigkeit bringen. Man würde endlich den wirklichen Verursacher für Klimawandel direkt besteuern - nämlich CO2-Emissionen. Und man könnte viele andere komplizierte Regelungen abschaffen.

Heute.de: Was kann der Einzelne tun, um zur Verringerung der Treibhausgase beizutragen?

Mengel: Weniger zu fliegen und lange Fernreisen zu vermeiden wäre ein erster Schritt. Ein weiterer Punkt könnte es sein, weniger Fleisch zu essen. Das Haus dämmen. Regionale Lebensmittel verzehren. Die einzelnen Personen kann man aber nicht so sehr für den Klimawandel verantwortlich machen. Eigentlich sind es die politischen Rahmenbedingungen, die anders gesetzt werden könnten, um das Problem anzupacken. Erneuerbare Energien sind in den letzten Jahren so viel billiger geworden. Wir bräuchten da von der Politik einfach einen großen Umschwung. Da liegt das große Potenzial, etwas zu verändern.

Das Interview führte Elisa Kart.

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