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Ex-Parteichefin kritisiert CDU - Merkels kleine Lehrstunde

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Angela Merkel in der Offensive: Sie kritisiert, wie sich die CDU präsentiert und gibt Tipps, wie es laufen müsste. Die Freude im Adenauer-Haus dürfte sich in Grenzen halten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, M.) nimmt an einer Schülerdiskussion in der Kaiserpfalz teil, aufgenommen am 19.06.2019 in Goslar
Ex-CDU-Chefin Angela Merkel (M) mit Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel in Goslar.
Quelle: dpa

Zittrig? War gestern. Sorgen um die Gesundheit? Iwo. Als Angela Merkel am Mittwoch durch das Harz-Städtchen Goslar tourt, wirkt es so, als sei die heftige Zitter-Attacke, die die Kanzlerin am Vortag durchgerüttelt hat, längst kein Thema mehr. Merkel schüttelt Hände, badet in einer begeisterten Touristen-Menge, lässt sich von einer Gruppe Jugendlicher aus Mexiko feiern und diskutiert angeregt mit Schülern. Begleitet wird Merkel von ihrem Ex-Vizekanzler und Minister Sigmar Gabriel. Der ist Ehrenbürger der 50.000-Einwohner-Stadt am Rande des Harzes und hat seine kleine Tochter Marie zum hohen Besuch aus der Hauptstadt mitgebracht.

Ungewöhnlich kritische Worte

Richtig interessant wird es bei Merkels Goslar-Visite aber gerade dann, als Gabriel nicht an ihrer Seite ist: Bei einer Diskussion mit gut 200 Schülern in der ehrwürdigen historischen Kaiserpfalz findet die Kanzlerin ungewöhnlich kritische Worte zur aktuellen Politik der CDU und zu deren Umgang mit dem CDU-kritischen Video des Youtubers Rezo. Bisher hat sich die Kanzlerin hier zurückgehalten, wohl auch aus Rücksicht auf ihre Wunschnachfolgerin als Parteivorsitzende, Annegret Kramp-Karrenbauer - doch das scheint jetzt vorbei.

Selbst wenn Merkel AKK nicht beim Namen nennt - der neuen Chefin im Adenauerhaus, der Parteizentrale, dürften die Tipps nicht wirklich gefallen, die sie von Merkel ziemlich unverklausuliert serviert bekommt. Als die Kanzlerin von einer Schülerin auf die miesen Ergebnisse bei der Europawahl und auch darauf angesprochen wird, dass die CDU ja gegenwärtig irgendwie bröckele, wird Merkel deutlich. "Ich glaube, dass im Augenblick uns etwas fehlt, und daran müssen wir arbeiten: Dass wir nicht positiv genug in die Zukunft schauen." Wozu brauche man Politiker überhaupt, fragt Merkel rhetorisch in den Raum - und gibt selbst die Antwort: "Wenn Politiker mir erklären, was alles gerade schlimm ist und was nicht geht und was schwer ist - dafür brauche ich keine Politiker. Das wissen die Menschen selber."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, M.) nimmt an einer Schülerdiskussion in der Kaiserpfalz teil, aufgenommen am 19.06.2019 in Goslar
Bundeskanzlerin Angela Merkel diskutiert in der Kaiserpfalz mit Schülern.
Quelle: dpa

Grüne als Vorbild

Dann zieht die Kanzlerin eine Schleife zu jenem Satz, für den sie parteiintern in der Migrationsdebatte schwer gescholten worden war. Es seien vielmehr Politiker nötig, die sagten: "Wir schaffen das", verlangt Merkel. Sie habe damals gewusst, dass der Umgang mit den Flüchtlingen eine große Aufgabe in einer Ausnahmesituation sei. "Aber ich war immer davon überzeugt: So eine große Aufgabe stemmt man besser, wenn man sagt: wir schaffen das." Will heißen: So eine Einstellung erwarte sie sich bitte schön jetzt von der Partei.

Dann zieht Merkel auch noch die Grünen als positives Beispiel heran, die in Umfragen teils deutlich an der Union vorbeigezogen sind. Die Grünen würden ziemlich froh in die Zukunft schauen und beim Klimaschutz sagen: "Wir haben dafür Konzepte, und das ist 'ne harte Anstrengung. Aber wir können das hinkriegen." Merkel weiter: "Das muss die CDU auch wieder machen: Sie muss die Themen aufnehmen der Menschen. Sie darf nicht irgendwie den Eindruck erwecken, als würden wir uns mit den Themen nicht auseinandersetzen."

Retourkutsche für AKK?

Die CDU müsse sagen: "Ja, wir haben schon ganz andere Dinger hingekriegt." Nun müsse es endlich heißen: "An die Arbeit und in die Hände gespuckt." Ob das eine Retourkutsche gegen Kramp-Karrenbauer ist? AKK hatte jüngst im Zusammenhang mit Vorwürfen, sie selbst und ihre CDU hätten ja weder Personen noch Rezepte gegen den Klimawandel, deutlich durchblicken lassen, wen sie dafür in der Verantwortung sieht: die frühere Klimakanzlerin Merkel.

Auch beim Thema Rezo und dem allgemein kritisierten Umgang der Parteispitze mit dessen "Zerstörung der CDU"-Video auf Youtube bekommt das Adenauerhaus und damit indirekt auch AKK von Merkel eine Lehrstunde präsentiert. "Das eigentliche Manko - und das wissen wir aber inzwischen auch - war, dass man es zu abwehrend gesehen hat", urteilt die Kanzlerin schnörkellos. Schade, dass man sich "nicht einfach mal drauf eingelassen hat und gesagt hat: Damit gehe ich jetzt mal locker um". Merkel meint: "Das müssen wir lernen."

Mehr Selbstbewusstsein wünscht sich die Kanzlerin von ihrer Partei: Sie selbst überlege sich ja auch, was sie tue und sei "nicht gleich eingeschüchtert, wenn mir einer sagt, das war aber jetzt alles nix". Sie habe Gegenargumente, "und da muss man sich austauschen". Das Wichtigste sei, "dass man erst mal offen darauf reagiert und nicht gleich abwehrt und sagt, ist alles nichts". Es sei doch durchaus bemerkenswert, dass sich ein junger Mensch wie Rezo über so viele Minuten mit Politik auseinandersetze. "Das sollten wir aufnehmen. Auch als CDU oder als Politik insgesamt." Die Sätze dürften AKK in den Ohren klingen.

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