Sie sind hier:

Wandel in Portugal - Ein Land im Aufschwung - erst einmal

Datum:

Kanzlerin Merkel besucht Portugal - ein Land, das sich rasant verändert. Firmen investieren, Fachleute sind gefragt, der Tourismus boomt. Doch nicht jede Entwicklung hilft allen.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) besucht zum ersten Mal seit dem Ende der Eurokrise Portugal.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

"Ich sehe hier nach meinen Pflanzen und treffe meine früheren Nachbarn. Das hier ist ein Paradies, ein Paradies mitten in Lissabon." Jeden Tag kommt  Carla da Cunha zurück. Dorthin, wo sie bis vor sechs Monaten mit ihrer Familie gelebt hat; in der historischen Altstadt von Lissabon, der Alfama.

Lissabon ist hipp geworden, der Tourismus boomt - vor allem in der Altstadt. Ströme von Touristen schieben sich durch die engen Gassen. Und nicht nur bei Touristen steht die Alfama hoch im Kurs. Immer mehr "Zu verkaufen"-Schilder hängen an den Häusern. Immer mehr Häuser werden verkauft - entweder an Portugiesen, die sie in gewinnbringende Air BnB’s umwandeln. Oder an reiche Ausländer. Auch Hollywood-Stars haben sich hier eingekauft, Madonna soll einen Palast besitzen, Monica Belluci ebenfalls. Der Preis pro Quadratmeter liegt inzwischen bei 3.000 Euro.

Das Viertel verändert sich: Schicke Weinbars statt Bäckern und Lebensmittelläden. Auch Carla da Cunha wurde ihre Wohnung gekündigt. Sie soll von Grund renoviert und dann an Touristen vermietet werden - das bringt mehr Geld. Möglich macht das eine Liberalisierung des Mietrechts.

Wirtschaft erholt sich langsam

Der Tourismus spült viel Geld in die Kassen Portugals. Und die Wirtschaft erholt sich langsam. 2017 betrug das Wachstum fast drei Prozent. Die Arbeitslosigkeit ist gesunken. Die Zeiten des extrem harten Sparkurses scheinen vorbei. Die Linksregierung unter Premierminister Costa hat auf Steigerung der Kaufkraft gesetzt. Ist Portugal, das einstige Euro-Krisenland, nun der Musterschüler in Sachen wirtschaftlicher Erholung?

João das Neves, der die Wirtschafts-Fakultät der Katholischen Universität in Lissabon leitet, ist nicht überzeugt: "Wir sind in der Schwebe, in einem sehr fragilen Zustand. Die Schuldenfrage wird uns noch lange erhalten bleiben." Die Staatsverschuldung liegt bei fast 130 Prozent. Sollten die Zinsen ansteigen, so warnt das Neves, "sind wir wieder in riesigen Schwierigkeiten - und das wird kommen".

Premierminister Antonio Costa ist stolz auf die boomende Hightech-Industrie. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird nun in Braga in Nordportugal Boschs Entwicklungs- und Technologiezentrum einweihen. Hier werden Bauteile für fahrerlose Autos entwickelt. Bis Ende 2018 sollen 200 Hardware-Ingenieure eingestellt werden. Vor wenigen Jahren sah das noch anders aus: Hunderttausende junge, oft gut ausgebildete Fachkräfte, wanderten aus. Keine Jobs, keine Perspektiven im Land. Heute ist der Nachwuchs an IT-Spezialisten und Ingenieuren gefragt. Denn internationale Unternehmen rekrutieren und produzieren verstärkt in Portugal.

Start-ups machen Hoffnung

Sao Pedro da Alcantara, ein ehemaliger Konvent in der historischen Oberstadt von Lissabon. Überall wird gebaut, renoviert. Es riecht nach frischer Farbe. Das riesige Gebäude gehört der Santa Casa da Misericordia, einer gemeinnützigen Einrichtung, die unter anderem Lotterie-Einnahmen verwaltet. Hier sollen Start-ups einziehen. Eins ist schon aktiv. Ein großer Saal, einige Schreibtisch-Reihen mit Computern, viele große bunte Kissen. Entspannte Stimmung.

Domingos Folque Guimares hat hier 2014 das Start-up "Code for all" gegründet. In einem 14 Wochen dauernden Crahskurs werden Programmierer ausgebildet. Voraussetzung: Sie müssen einen sehr strengen Test bestehen, Englisch sprechen und ohne Job sein - also entweder direkt von der Universität kommen oder arbeitslos sein. 300 Kandidaten bewerben sich jedes Jahr um einen der 20 begehrten Plätze. 15.000 freie Stellen gebe es für Programmierer, sagt Guimares.

Diana Peixoto ist eine der Glücklichen in diesem Jahr. Die 21-Jährige hatte studiert, irgendwann abgebrochen und dann als Kellnerin gearbeitet. Das Land verlassen wollte sie nicht - wegen ihrer Eltern. Doch ein Leben lang kellnern - auch keine Alternative. Also hat sie gespart und Geld zur Seite gelegt. "Ich habe keine Karriere - aber ich kann mit den Ohren wackeln" - diesen Post-it hat sie an ihren Computer geklebt. Und Karriere wird sie wohl auch machen – 96 Prozent der bei "Code for all" Ausgebildeten finden sofort einen Job.

Caterine Campino, die die Bewerbungsgespräche mit den Kandidaten führt, sagt: "Stellen Sie sich mal vor, was das für die jungen Leute bedeutet: Immer und immer wieder haben sie Bewerbungsschreiben geschickt, nie eine Antwort erhalten. Und jetzt fühlen sie sich plötzlich wie Rockstars."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.