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Merkels letzte Rede als Parteichefin - "Wir haben uns nicht geschont"

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Ihre letzte Rede als CDU-Parteichefin ist eine ihrer humorvollsten und emotionalsten. Und Angela Merkel erlaubt sich etwas, was ihr sonst schwer über die Lippen kommt: Selbstlob.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bedankt sich nach ihrer Rede bei den Delegierten, aufgenommen am 07.12.2018
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bedankt sich nach ihrer Rede bei den Delegierten.
Quelle: dpa

So gemocht wurde Angela Merkel von ihrer Partei noch nie. Fast zehn Minuten lang Applaus der 1.001 Delegierten, viele halten Schilder hoch "Danke Chefin". Merkel scheint es zu genießen. Immer wieder geht sie vor zur Bühne, winkt, schreitet die ganze Länge des Saals ab, bedankt sich. Bis es ihr dann doch etwas unheimlich wird und sie noch einmal ans Mikro geht: "Denkt daran, wir haben heute noch viel vor!" Sie klatschen trotzdem noch eine Weile weiter. Dann gibt es noch einen kurzen Film mit emotionalen Bildern zu flotter "Those were the days"-Musik, einen Präsentkorb und den Taktstock von Kent Nagano, als er in Hamburg beim G20-Gipfel in der Elbphilharmonie Beethovens Neunte dirigierte.

 "Wir haben es allen gezeigt"

Ein Taktstock, ein bisschen Wein, keine Blumen, ein kurzer Film: Zwischen nüchterner Bilanz und emotionalen Momenten schwankt auch Merkels Abschiedsrede. Sie dankt ihren Mitarbeitern vom "ganzen, ganzen Herzen". Der Dank für Unterstützung, für Ideen und Beistand an Parteimitglieder, Vorstand und Präsidium. Selbstironisch sagt Merkel, dass sie ihre Mitarbeiter oft "in den Wahnsinn getrieben" habe, das Parteitagsmotto erst immer in letzter Minute festzulegen. "Zur Sache" hieß ihr erstes Motto, als die Partei nach der Spendenaffäre am Abgrund stand. "Wir haben nicht klein beigegeben", sagt Merkel. "Wir haben es allen gezeigt", dass die Partei nach dem Übervorsitzenden Kohl und nach der Spendenaffäre nicht in der Versenkung verschwunden sei.

Schilder mit der Aufschrift "Danke Chefin für 18 Jahre CDU-Vorsitz" beim CDU-Parteitag am 07.12.2018
Schilder mit der Aufschrift "Danke Chefin für 18 Jahre CDU-Vorsitz" beim CDU-Parteitag
Quelle: Reuters

"Wir haben es allen gezeigt" soll auch heißen: Ich habe es allen gezeigt. Vor allem denjenigen, die ihre Wahl vor 18 Jahren als einen "Unfall" bezeichnet hatten. 72 Wahlabende, sagt Merkel, habe sie als Vorsitzende erlebt. 50 Jahre habe die Union die Kanzlerin, den Kanzler gestellt. Dass dies so bleibe, dafür müsse der Parteitag heute die Weichen stellen. Und weil Merkel weiß, dass vielen bei dieser Bilanz auch die Wahlniederlagen einfallen, spricht sie von den Wahlerfolgen in Hessen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen. Alles Bundesländen mit Unterstützern ihrer potenziellen Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Eine kleine Entschuldigung und große Aufgaben

Dass Merkel heute als Vorsitzende nicht mehr antritt, hat eben auch mit der Unzufriedenheit ihrer Partei mit ihr zu tun. Merkel schont ihre Kritiker aber zum Abschied nicht. Sie verteidigt die Abschaffung der Wehrpflicht und erwähnt spitz, dass jetzt weniger darüber klatschten, als damals auf dem Parteitag der Abschaffung zugestimmt hatten. "Wir haben uns gegenseitig nicht geschont", sagt Merkel. Auch dass sich manche im Saal öfter gewünscht hatten, dass sie mit der Faust auf den Tisch haut, dass sie nicht schweigt und Dinge aussitzt. "Ich habe das Florett gewählt", sagt sie, damit habe sie der Partei viel zugemutet. Es klang fast wie eine Entschuldigung.

Aber Merkel gibt ihrer Nachfolgerin, ihrem Nachfolger auch einiges mit. Sie zählt die Aufgaben auf: Globalisierung, Digitalisierung, Brexit und so weiter. Und sie hat Wünsche. Der größte Wunsch hat mit ihrer größten Niederlage zu tun: ihrer Flüchtlingspolitik. Ohne sie explizit zu erwähnen, sagt sie: Sie wünsche sich, "dass wir in schwersten Stunden nie unsere christdemokratische Haltung" ablegen.

Kein Friede-Freude-Eierkuchen

Für Merkel schließt sich in Hamburg ein Kreis. Hier ist sie geboren, vor 28 Jahren fand in der Hansestadt der Vereinigungsparteitag zwischen Ost und West-CDU statt und damit ihr politischer Aufstieg. Als Parteivorsitzende endet er heute in der Hansestadt. Merkel sagt, sie habe ihre Arbeit immer mit "Fröhlichkeit im Herzen" gemacht. Diese Fröhlichkeit wünsche sie ihrer Partei nun zum Abschied auch. Der Parteivorsitz sei ihr "eine große Freude" gewesen. "Es war mir eine große Ehre."

Friede-Freude-Eierkuchen? Das dann doch nicht. Merkel selbst erwähnt, dass sie ja noch immer Bundeskanzlerin sei. In der üblichen Aussprache nach der Rede der Parteivorsitzenden, die auch diesmal nicht ausgespart wird, ist ständig davon die Rede, wie sehr die Regionalkonferenzen und der parteiinterne Wahlkampf um den Vorsitz die Partei wiederbelebt habe. Aufbruch überall, ganz toll, heißt es. Ein Parteimitglied aus Baden-Württemberg sagt auch, wie auf jedem Parteitag, dass Merkels Amtsführung die Partei inhaltlich an den Abgrund geführt habe. Da sitzt die Noch-Vorsitzende immer noch auf ihrem Platz. Liest SMS und Mails, tuschelt und lacht mit der Noch-Generalssekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer. Eine der beiden Frauen kann die Tasche schon mal packen.

Merkel hat nach ihrer Rede einen minutenlangen Applaus bekommen, eine Rede mit Emotionen und Selbstkritik - sehen Sie hier die gesamte Rede:

Angela Merkel hat in ihrer letzten Rede als CDU-Vorsitzende Bilanz gezogen - von der CDU-Spendenaffäre bis zur Weltpolitik. Sehen Sie hier ihre Rede in voller Länge.

Beitragslänge:
37 min
Datum:

Ein historischer Tag für die CDU: Viele Delegierte reagierten sehr emotional auf Merkels Abschied, sagt ZDF-Politikexperte Matthias Fornoff im Video:

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