Sie sind hier:

Mexiko wählt - Wahltag im Land der Bürgerwehren

Datum:

Eine Woche sind wir durch Mexiko gefahren. Eine Reise durch eine Nation, die tief verunsichert und gebeutelt von der Gewalt ist. Diesen Sonntag wird ein neuer Präsident gewählt.

Bürgerwehr in Mexiko
Bürgerwehr in Mexiko Quelle: ap

Er wird Präsident eines Landes werden, das immer mehr droht, ein "failed state" zu werden, ein Staat, der die Kontrolle verloren hat. In Teilen des Landes herrscht nicht mehr der Staat, sondern es haben Bürgerwehren die Macht und Kontrolle übernommen. Nach mehr als zehn Jahren Drogenkrieg und mehr als 250.000 Toten haben viele Mexikaner die Hoffnung aufgegeben, dass ihnen eine neue Regierung hilft. Zu oft sind sie enttäuscht wurden. Deshalb organisieren sie ihre Sicherheit und ihren Schutz selber.

Kampf um das grüne Gold

Die Reise beginnt in Tancítaro, im Bundesstaat Michoacán, gelegen im westlichen Zentralmexiko. Eine wunderschöne, bergige Landschaft. Hier wächst das grüne Gold, wie die Einwohner die Avocado nennen. Die Superfrucht wird immer beliebter auf der ganzen Welt. Die Nachfrage steigt und so produzieren sie auf den gigantischen Plantagen, die die Hügel um die Stadt umringen, jeden Tag Avocados im Wert von einer Million Dollar. Soviel Geld lockte die Kartelle an, die versuchten, den Bewohnern und Bauern von Tancítaro das grüne Gold zu stehlen.    

Wir treffen einen Avocado-Farmer. Am Gürtel trägt er eine Pistole. Er will nicht, dass wir seinen Namen nennen. Denn er hat Angst. Avocado-Bauer in Mexiko ist ein gefährlicher Beruf, seit das organisierte Verbrechen es auf die weltweiten  Einnahmen durch den Verkauf der beliebten Frucht abgesehen hat.

"Ich wurde zweimal entführt", erzählt er uns. "Mir wurden die Rippen gebrochen und die Fingernägel rausgerissen. Einen Monat hielt mich die Bande fest. Zwei meiner Brüder haben sie getötet." Seine Farm ist eine von vielen in der Region um Tancítaro. Es ist das wichtigste Anbaugebiet in Mexiko. In einer Gegend, die voller Gewalt ist. Das organisierte Verbrechen terrorisierte die Stadt. Auf Hilfe vom Staat warteten sie hier vergebens. "Unsere Regierung war so korrupt, dass sie mit dem organisierten Verbrechen gemeinsame Sache gemacht hat", erinnert sich unser Farmer. "Wenn wir uns nicht wehren, bringen sie uns alle um."

Bürger nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand

Und sie wehrten sich in Tancítaro und gründeten eine schwer bewaffnete Bürgerwehr. Unser Farmer zeigt uns seine Ausrüstung. Sturmmaske und Sturmgewehr, dazu zwei Ersatzmagazine und eine kugelsichere Feste. Pistole, Messer. Aus dem Bauern ist ein Soldat geworden.

Knapp 70 Kontrollpunkte sind um die Stadt gebaut, ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem. Jedes Auto wird kontrolliert. Die Bürgerwehr passt auf, wer reinkommt. Seitdem haben sie das organisierte Verbrechen verdrängt. Es herrscht Frieden in der Stadt und die Ernte ist sicher. Etwas Besonderes in Mexiko.

Tancítaros Antwort auf die Gewalt der Kartelle ist eine typische in Mexiko. Wer durch das Land fährt, trifft immer wieder auf Grenzkontrollen. Bürger in Uniformen nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Die staatliche Autorität schwindet, das ist eine gefährliche Entwicklung, die die Identität des Landes bedroht. Seine Bürger zu schützen, ist die erste Pflicht des Staates. Wenn er das nicht garantieren kann, dann ist er in seiner Existenz bedroht.

Sechs verlorene Jahre

Die Amtszeit von Präsident Enrique Pena Nieto waren sechs verlorene Jahre. Korruption und Gewalt konnte er nicht eindämmen. Die Schere zwischen Arm und Reich wächst. Immer weniger Menschen vertrauen den politischen Eliten. Sie sehnen sich nach einer radikalen Lösung.

Ankunft in Mexiko-Stadt. Der Machtzentrale des Landes. Überall Plakate der Kandidaten. Sie versprechen wieder einmal einen Neuanfang und die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Alles soll besser werden. Am Sonntag wird der neue Präsident bestimmt, in einem Wahlkampf, der blutig gewesen ist. Mehr als 120 Politiker wurden ermordet.

Am Sonntag wird in Mexiko ein neuer Präsident gewählt. Wird es Obrador?

Beitragslänge:
4 min
Datum:

Mehr Geld für die Armen, mehr Gerechtigkeit

In den Umfragen liegt Andrés Manuel Lopez Obrador weit vorne. Er lässt sich im Wahlkampf im Azteken-Stadion auf einer riesigen Kundgebung von seinen Anhängern feiern. 70.000 brüllen "presidente", als er die Bühne betritt und die Arme ausbreitet, als wollte er alle 70.000 umarmen. Es ist der dritte Versuch Obradors, das Präsidentenamt zu erobern. Und diesmal könnte es klappen.

Der linke Politiker verspricht eine soziale Revolution. Mehr Geld für die Armen. Bessere Schulen, bessere Gesundheitsversorgung, mehr Gerechtigkeit. Wie er das bezahlen will, sagt er nicht. Er will verführen, nicht mit Konzepten überzeugen. Er klingt manchmal wie ein linker Mini-Trump, wenn er sagt, dass er der einzige sei, der Mexiko retten kann. Seine Feinde sind die gesellschaftlichen Eliten, weil sie den Staat ausraubten.

"Das Hauptproblem Mexikos ist die Korruption", brüllt er den Menge entgegen. "Das ist der Ursprung unserer sozialen Ungleichheit." Die Masse jubelt, vor allem als er verspricht, die korrupten Politiker einzusperren. Irgendwie erinnert auch das an den US-Präsidenten Trump, der im Wahlkampf immer wieder gefordert hatte, Hillary Clinton ins Gefängnis zu stecken. Seine Anhänger riefen dann immer: "Lock her up" - sperrt sie ein.

Obrador will Trump die Stirn bieten

Überhaupt spielt der US-Präsident eine Rolle in diesem Wahlkampf. Die Mexikaner vereinen zwei Dinge. Ihre Leidenschaft für Fußball und ihre Verachtung für Donald Trump. Die Kandidaten streiten sich über alles, aber alle haben versprochen, den Mann im Weißen Haus in die Schranken zu weisen.

Sollte Obrador die Wahl gewinnen, dann treffen zwei Populisten aufeinander. Das Verhältnis zwischen den beiden Ländern könnte noch schwieriger werden, wenn es um Handels- und Einwanderungsfragen geht. Obrador hat seinen Landsleuten "Mexiko first" versprochen. Er wird Trump die Stirn bieten. Darauf freut sich ganz Mexiko.

Egal, wer der neue, mexikanische Präsident wird. Er steht vor einer Mammutaufgabe. Denn die Zentralregierung hat Einfluss und Macht eingebüßt. Und Orte wie Tancítaro, in denen sie den Glauben an den Staat verloren haben, gibt es viele in Mexiko.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.