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Vor Urteil gegen "El Chapo" - "Ein Show-Prozess"

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Der Prozess gegen "El Chapo" neigt sich dem Ende zu, die Jury berät das Urteil. Strafverteidiger Vinoo Varghese über Amerikas Drogenkrieg und die "Gefängnishauptstadt der Welt".

Drogenschmuggel und Geldwäsche in Milliardenhöhe – dazu Mord und Folter. Dem mexikanischen Drogenboss "El Chapo" droht ein hartes Urteil im Prozess vor dem Bezirksgericht in Brooklyn. Eine Todesstrafe ist jedoch ausgeschlossen.

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heute.de: Wie ist die juristische Lage in den USA bezüglich der Drogenkriminalität?

Vinoo Varghese: Amerika ist sozusagen die Gefängnishauptstadt der Welt. Über zwei Millionen Menschen in den USA sitzen im Gefängnis. Das sind mehr als in Russland, mehr als in China. Und die meisten dieser Leute sitzen im Gefängnis aufgrund von Drogenkriminalität. Sowohl auf staatlicher, als auch auf bundesweiter Ebene. Und wenn man sich die gesamte Situation anschaut, denkt man sich: Naja, wenn die Regierung Drogen legalisiert hätte, dann hätten wir diese Gewalt in Mexiko nicht. Und wir hätten auch diese Gewalt in Amerika nicht.

heute.de: Inwieweit hat sich die jahrelange Jagd auf "El Chapo" gelohnt?

Varghese: Ich persönlich denke, dass das ein Show-Prozess war. Ich denke nicht, dass es notwendig war, "El Chapo" nach Amerika zu bringen - die enormen Geldmengen, die es gebraucht hat, um ihn herzubringen. Das geht alles auf Kosten der Steuerzahler. Die Brooklyn Bridge wurde geschlossen, um ihn vom Gefängnis in den Gerichtssaal zu bringen. Das ist eine enorme Ressourcenverschwendung. Ich denke, in 20 bis 30 Jahren wird die nächste Generation auf diesen Prozess zurückblicken und denken: Was war das nur alles für eine Verschwendung. Das ganze Geld in den Drogenkrieg in Mexiko und Kolumbien zu pumpen, anstelle es für Behandlungen und Präventivmaßnahmen zu verwenden.

heute.de: Wie sollten Mexiko und die USA mit der Drogenkriminalität umgehen? Welche Fehler wurden gemacht?

Varghese: Grundsätzlich muss es in Zukunft noch mehr Kooperation zwischen den amerikanischen und den mexikanischen Behörden geben. Mexiko hat sich zu dem entwickelt, was Kolumbien vor 20 Jahren war. In vielen Teilen Mexikos herrscht rohe Gewalt. Die Kartelle regieren. Da muss man sich fragen, wie man die vorhandenen Ressourcen am besten nutzt. In Amerika haben wir eine Gefängnishochburg. Die Gefängnisse hier sind riesig und natürlich muss man da weiter Leute reinstecken. So werden Arbeitsplätze geschaffen, vor allem im Norden New Yorks, in den ländlicheren Gegenden. So läuft das Gefängnis-Geschäft. Es wird noch sehr lange dauern, bis sich das ändert.

heute.de: Wie muss sich die US-Regierung jetzt verhalten?

Varghese: Die Einstellung bezüglich Drogen muss sich grundlegend ändern. Man darf Drogenkonsum nicht länger als Verbrechen, sondern sollte ihn als ein Gesundheitsproblem ansehen. Viele Staaten verfügen über deutlich bessere Behandlungsprogramme als New York. New York hatte mitunter die strengste Drogenpolitik. Wer einen kleinen Beutel Kokain auf der Straße verkauft hat, konnte früher dafür ein Leben lang ins Gefängnis kommen. Viele Menschen sind deswegen eingesperrt worden. Diese Gesetze wurden während der letzten zehn Jahre dramatisch geändert. Man hat versucht, mehr Leute in Richtung Therapie zu bewegen. Vor kurzem gab es einen Beschluss bezüglich kleinerer Drogendelikte. Beide Parteien waren bemüht, das Strafmaß zu mildern beziehungsweise den Richtern mehr Handlungsspielraum bei Verurteilungen von kleineren Drogendealern zu gewähren.

Je mehr Geld in Ausbildung und Prävention investiert wird, umso weniger Probleme wird es schlussendlich geben. Insbesondere da Marihuana mittlerweile in weiten Teilen des Landes legalisiert wird. Ich denke, der nächste Schritt wird sein, dass der Staat diesen Konsum reguliert und besteuert.

Das Interview führte Susanne Lingemann.

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