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Klima und Kommunikation - "Menschen nicht als Klimasünder beschimpfen"

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Der Klimawandel fordert globale Kraftanstrengungen. Aggressive Polemik helfe da nicht weiter, sagt Kommunikationsexperte Brüggemann. Wichtig seien Alternativen - etwa zum Auto.

SUV im Straßenverkehr
Feindbild SUV im Straßenverkehr - Es bringt nichts, Menschen als Klimasünder zu beschimpfen.
Quelle: dpa

heute.de: In New York erleben wir eine globale Klima-Bewegung. Kennen Klima-Debatten nationale Grenzen?

Michael Brüggemann: Greta ist eine globale Figur, aber der Klima-Diskurs hat auch nationale Besonderheiten. Es gibt zwei große Lager: Im ersten bestreiten Teile der politischen Elite, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht ist. Diese Argumentation wird von Teilen der USA angeführt und ist auch noch in anderen englischsprachigen Ländern salonfähig.

heute.de: Und das zweite Lager?

Brüggemann: Hier gilt der Klimawandel als existentielle Bedrohung für unseren Planeten. Der Mensch ist der Hauptverursacher. So argumentieren die Medien nicht nur in Europa, sondern auch in arabischen Staaten, Indien, China oder in Südafrika.

heute.de: Was ist typisch deutsch?

Jedes Land kennt Tabus. In Deutschland sind das die Autos. In der Mentalität der Deutschen ist es wichtig, tolle Autos zu bauen.
Michael Brüggemann

Brüggemann: Jedes Land kennt Tabus. In Deutschland sind das die Autos. Die Regierung gibt sich zwar klimafreundlich, hat auf EU-Ebene aber strengere CO2-Normen verhindert, um die Auto-Industrie zu schützen. In der Mentalität der Deutschen ist es wichtig, tolle Autos zu bauen. Von daher haben auch die Medien vor einer zu kritischen Argumentation mit dem Verbrennungsmotor lange Zeit gekuscht. Ähnliche Tabus sehen wir auch in anderen Ländern, zum Beispiel in Argentinien und Brasilien: Dort ist der Fleischkonsum heilig.

heute.de: Dominiert die Klimadiskussion die Medien - ähnlich wie 2015 das Thema Flüchtlinge?

Brüggemann: Das kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen. Die Flüchtlingszahlen waren eine lösbare Herausforderung und stellen für Deutschland kein gravierendes Problem dar. Der Klimawandel hingegen bedroht unseren Planeten. Von daher kann man nicht oft genug über den Klimawandel berichten. Laut unserem Klima-Monitoring ist zwar der Anteil der Berichterstattung zum Klimawandel gestiegen - auf etwa vier bis sechs Prozent aller Artikel. Es gibt aber noch viel zu tun. Die Wissenschaft warnt schon seit Jahrzehnten vor den negativen Folgen. Doch Politik und auch die Journalisten haben sich lieber auf das Thema Flüchtlinge gestürzt und das Thema Klima lange Zeit vernachlässigt.

heute.de: Seit wann besteht in der Wissenschaft Konsens, dass der Klimawandel ein gravierendes Problem darstellt?

Brüggemann: Eigentlich schon lange. Seit dem vierten Bericht des Weltklimarates 2007 war es wirklich jedem klar. Damals ging der Friedensnobelpreis an Al Gore und den UN-Klimarat. Spätestens von diesem Moment an hätten Politik und Medien mehr machen müssen.

heute.de: Doch dann kam die Wirtschaftskrise - und statt ökologisch zu handeln, beschloss die Bundesregierung die Abwrackprämie.

Brüggemann: Die Politik hat der Autoindustrie falsche Anreize gesetzt. Die deutschen Autobauer haben aber auch verschlafen, die Technologie voranzutreiben. Wichtiger als Innovation war ihnen offenbar der Bau und Verkauf von SUVs. Toyota zeigte mit seinen Hybrid-Modellen, wie es ökologischer geht.

heute.de: Werbung setzt auf positive Botschaften. In der Klima-Debatte geht es vor allem um Einschränkungen und Verbote. Ein Fehler?

In der Schweiz kann man die Menschen viel leichter überzeugen, Bahn zu fahren – weil die Bahn attraktiv, pünktlich und zuverlässig ist.
Michael Brüggemann

Brüggemann: Bestimmte Verbote sind notwendig, weil wir sonst die Klimaziele nicht erreichen. Aber besser als Verbote sind gute Alternativen. In der Schweiz kann man die Menschen viel leichter überzeugen, Bahn zu fahren - weil die Bahn attraktiv, pünktlich und zuverlässig ist.

heute.de: Politiker reden sich oft raus - nach dem Motto: "Wir können keinen radikalen Schritt machen, wir müssen die Menschen mitnehmen."

Brüggemann: Das ist doch gar nicht das Problem. Den Menschen liegt der Umweltschutz am Herzen. Die Leute sind schon viel weiter als die Politik. Deswegen gehen ja so viele auf die Straße: um den Druck zu erhöhen.

heute.de: Sie sprechen von Fallen der Klimakommunikation. Was meinen Sie damit?

Es wird SUV-Fahrer nicht überzeugen, wenn wir sie als Klima-Sünder beschimpfen. Wir müssen das Gespräch suchen.
Michael Brüggemann

Brüggemann: Eine Gefahr ist die gesellschaftliche Polarisierung. Wenn ich andere Leute beschimpfe, weil sie SUVs fahren, vergifte ich die Diskussion. Auch wenn SUV-Fahren zweifellos dem Klima schadet und auch wenn SUVs in Städten fehl am Platze sind: Es wird SUV-Fahrer nicht überzeugen, wenn wir sie als Klima-Sünder beschimpfen. Wir müssen das Gespräch suchen. Denn sonst bricht unsere Gesellschaft auseinander. Wir brauchen ein breites Bündnis für weitreichende Reformen.

heute.de: Polemik und Emotionen haben bislang doch keiner Debatte geschadet.

Brüggemann: Man muss emotional kommunizieren, um die Menschen zu erreichen. Aber die drastischen Risiken des Klimawandels wecken schon Emotionen genug! Die Bewegung "Fridays for Future" ist deshalb stark, weil sie friedlich ist, den Dialog sucht und keine Schaufenster kaputt macht. Sie erreicht so die Mitte der Gesellschaft. Es gibt nun auch "Parents for Future" oder "Scientists for Future".

heute.de: Manche Klimaaktivisten fordern radikalere Mittel.

Brüggemann: Davon rate ich ab, denn eine Polarisierung der Gesellschaft dient nicht dem Klimaschutz. Von einer Radikalisierung profitieren die politisch extremen Akteure auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Wir müssen nicht die Wähler der Grünen, sondern die übrigen überzeugen, dass jetzt gehandelt werden muss.

Das Interview führte Raphael Rauch. Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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