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Ausstellung zu Michael Jackson - "Wir sind keine Juristen"

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In der Bundeskunsthalle öffnet die Ausstellung "Michael Jackson: On the Wall". Im Vorfeld gab es Diskussionen. Eine Absage wurde gefordert. Die Macher stellen sich den Debatten.

Seit Tagen steht das Museum im Zentrum einer öffentlichen Debatte: Ab heute läuft die Ausstellung "On the Wall" zu Michael Jackson in der Bundeskunsthalle in Bonn.

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In seinem Werk gehe es nicht um Celebrities, erklärte der US-Künstler Mark Flood, als er in den 80er Jahren mehrere Collagen aus Fotos von prominenten Persönlichkeiten schuf. "Es handelt von uns und der Frage, warum wir Bilder von Leuten mögen, die uns anstarren." Diese Frage drängt sich in der neuen Ausstellung der Bonner Bundeskunsthalle geradezu auf. Mal winzig, mal überlebensgroß, in Kaleidoskopen, als Fotografie oder von einer Art Grabtuch: Michael Jackson (1958-2009) beobachtet den Besucher auf Schritt und Tritt.

Das hat etwas Gespenstisches, und das hätte es vielleicht sogar ohne die aktuelle Debatte. Der Verdacht des Kindesmissbrauchs gegen Jackson, der erstmals 1993 aufkam, wird seit dem Dokumentarfilm "Leaving Neverland" neu diskutiert. Der Kurator von "On the Wall", Nicholas Cullinan, ist Direktor der National Portrait Gallery in London, wo die Schau erstmals zu sehen war. Er hat Jacksons musikalisches Schaffen nach eigenen Worten immer verfolgt - und bekennt nun, er sehe die Ausstellung angesichts der erneuten Vorwürfe mit anderen Augen.

"Über ethisch-moralische Fragen sprechen"

Dasselbe sagt der Intendant der Bundeskunsthalle, Rein Wolfs. Es sei wichtig zu beobachten, wie sich persönliche und gesellschaftliche Sichtweisen verschieben, fügt er hinzu. In Bonn ist der Ausstellung ein Statement vorangestellt: "Es ist wichtig, dass über die Gefahr von sexueller Gewalt und sexuellem Missbrauch gesprochen wird", heißt es darin. Während der Öffnungszeiten steht jeweils ein Kunstvermittler als Ansprechpartner bereit. Am 7. April ist eine Diskussion über "Anbetung, Macht, Missbrauch" geplant; weitere sollen folgen.

Porträt "American Jesus: Hold me, carry me boldly" von David LaChapelle
"Wir haben ihn verurteilt, obwohl er unschuldig war" sagte der Künstler David LaChapelle. Er schuf 2009 das Porträt "American Jesus: Hold me, carry me boldly".
Quelle: ap, martin meissner

Seit der Ausstrahlung von "Leaving Neverland" in den USA spielen verschiedene Radiosender keine Songs von Jackson mehr. Das Modehaus Louis Vuitton hat einige von ihm inspirierte Stücke aus der aktuellen Kollektion genommen, die Macher der "Simpsons" wollen eine Episode mit seiner Stimme nicht mehr zeigen. Die Bundeskunsthalle sah sich mit Vorwürfen konfrontiert bis hin zur Forderung, die Schau abzusagen. Wolfs sieht sie jedoch als "Plattform, um über ethisch-moralische Fragen zu sprechen", wie er betont.

Porträt "The King of Pop" von Mark Ryden
Das Porträt "The King of Pop" von Mark Ryden ist noch bis zum 14. Juli in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen.
Quelle: ap, martin meissner

"Ikone" mit besonderem Effekt

Jacksons Werk habe sich "atomisiert" und sei in "Spurenelementen" der Popkultur allgegenwärtig, schrieb die "Rheinische Post" im Vorfeld der Ausstellung. Es sei also kaum möglich, ihn aus dem kulturellen Gedächtnis zu schneiden. Wolfs geht einen Schritt weiter: "Wir können es uns nicht erlauben, diesen Teil der Kulturgeschichte auszuradieren." Es gehöre zur Realität der vergangenen 30 Jahre, dass Jackson zur "ersten großen Ikone des Medienzeitalters" geworden sei - mit Millionen von Fans, unter ihnen andere Künstler.

Der Beginn eines Konzerts ist immer ein emotionaler Augenblick. Kaum ein Künstler hat diesen Effekt so genutzt wie Jackson, wenn er zunächst zwei, drei Minuten reglos dastand - unter nicht enden wollendem Jubel. Eine Video-Installation dieses Show-Moments in Bukarest (1992) ist Teil der Ausstellung. Ähnliche Aufnahmen aus demselben Jahr gibt es von Jacksons Halbzeit-Auftritt beim Superbowl, der als Höhepunkt seines Erfolgs gilt. Weiterhin faszinierend oder nur noch beklemmend? Über solche Fragen "denken wir alle nach", sagt Cullinan. Wolfs betrachtet es als Aufgabe seines Hauses, auch diesen "Teil der Kulturgeschichte" sichtbar zu machen. "Wir sind keine Juristen", sagt er. Ästhetische mit moralisch-ethischen Fragen zu verbinden, sei eine gesellschaftliche Aufgabe, die Museen und Ausstellungshäuser relevant mache.

Objekt der Faszination für andere Künstler

Die Ausstellung belegt vor allem die Faszination vieler Künstler von dem Phänomen Michael Jackson. Entscheidend für seine Adelung als Ikone war die Begegnung mit Andy Warhol, der den Popstar bei Auftritten fotografierte und 1984 eine Serie von Siebdruckporträts von ihm anfertigte. 25 Jahre später schuf Warhols früherer Mitarbeiter David LaChapelle als Reaktion auf Jacksons Tod ein großformatiges Triptychon unter dem Titel "American Jesus". Dort erscheint der Popstar etwa als Erzengel Michael. LaChapelle sieht Jackson nach eigenen Worten als engelsgleiches Geschöpf. Er zieht eine Parallele zwischen Jackson und Jesus. "Wir haben ihn verurteilt, obwohl er unschuldig war." - Angesichts der neuen Vorwürfe ein pikantes Statement.

Porträt von Michael Jackson als Erzengel Michael, geschaffen von David LaChapelle
Das umstrittene Porträt von Michael Jackson als Erzengel Michael. Der Maler David LaChapelle schuf das Bild nach Jacksons Tod 2009.
Quelle: ap, martin meissner

Maske der Selbstinszenierung

Besonders eindrücklich nachvollziehbar wird die künstlerische Rezeption Jacksons als Pop-Ikone am Beispiel von Jeff Koons "Michael Jackson and Bubbles". Koons Arbeit, eine weiß-goldene Skulptur nach einem Foto von Michael Jackson und seinem Haus-Schimpansen Bubbles, ist nicht im Original zu sehen. Das Werk sei zu fragil gewesen, sagt Wolfs. Aber es ist präsent in einer Fotografie Louise Lawlers mit dem Titel "Michael". Auch Paul McCarthy griff das Motiv auf und schuf eine überlebensgroße goldene Skulptur von Jackson mit seinem Schimpansen.

"Michael Jackson and Bubbles" - Skulptur von Paul McCarthy
Die Skulptur "Michael Jackson and Bubbles" von Paul McCarthy zeigt Michael Jackson mit seinem Schimpansen.
Quelle: ap, martin meissner

Die Ausstellung belegt vor allem eines: Die Pop-Kultur-Ikone Michael Jackson schlug auch viele Künstler in ihren Bann. Aufgebrochen wird die Maske der Selbstinszenierung jedoch nur in wenigen Arbeiten. Eine der Ausnahmen ist Lorraine O'Gradys Fotoserie "The First and Last of the Modernists", die Jackson und den französischen Poeten Charles Baudelaire gegenüberstellt. Hier erscheint Jackson auf einem späten Foto zerbrechlich und vom Star-Leben gezeichnet.

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