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Die Kinder von Mayotte - Ein französisches Problem vor Madagaskar

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Mayotte liegt vor Afrika, gehört aber zu Frankreich. Frauen von den Komoren bringen dort ihre Kinder zur Welt, damit die später Franzosen werden. Das führt zu Elend und Problemen.

Kinder spielen an einem Autowrack in Tsingoni, Mayotte
Kinder spielen an einem Autowrack in Tsingoni auf Mayotte.
Quelle: picture alliance/imageBROKER

Verhutzelt und in ein buntes Tuch gehüllt schläft das Neugeborene in seinem Babybett aus Plexiglas. Einen Namen hat der kleine Junge noch nicht. Seine Mutter Fakria Ahmed liegt erschöpft im Bett neben ihm. Sie hat ein Tuch in denselben Farben um den Kopf gewickelt, im Stil der Komoren, wo sie herkommt. Es ist ihr erstes Kind, und sie hat es auf Mayotte zur Welt gebracht, einer Nachbarinsel, die zu Frankreich gehört. 

Die junge Mutter wünscht sich vor allem, dass ihr Sohn später Franzose wird. "Dann braucht er nicht vor der Polizei wegzulaufen", flüstert Fakria, die von der Geburt noch ganz erschöpft ist. Die 20-Jährige ist selber als Kind von den Komoren mit einem Fischerboot nach Mayotte gekommen. Seitdem lebt sie ständig in Gefahr, wieder abgeschoben zu werden.

Geburtsklinik in Mamoudzou ist die größte Europas 

In dem französischen Übersee-Département kommen jährlich knapp 10.000 Kinder zur Welt, umgerechnet etwa eine Schulklasse pro Tag. Die Geburtsklinik im Hauptort Mamoudzou ist damit die größte Europas. Und etwa zwei Drittel der Mütter sind mit Fischerbooten illegal auf die Insel gekommen. Was für Europa das Mittelmeer ist, ist für Mayotte die 70 Kilometer breite Meerenge bis zur Nachbarinsel Anjouan.

Die Gesellschaft auf Mayotte hat sich wegen der vielen Einwanderer von den Komoren stark verändert. Unter ihnen: 4.000 alleingelassene Minderjährige, berichtet Präfekt Sorain.

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Auf der Insel wächst der Unmut gegen die Einwanderer, die etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Und deren Kinder leiden darunter am meisten. Mehrere Tausend wachsen ohne ihre Eltern auf, weil diese abgeschoben wurden. Und viele gehen nicht zur Schule, weil diese überfüllt sind. Die Folge: Zahlreiche Jugendlichen driften in die Kriminalität ab und schließen sich zu marodierenden Banden zusammen. 

Das ist Mayotte:

"Ich mag gerne Französisch und Mathe", sagt Faïrouze Djanfari, eine Neunjährige mit einem beige-schwarzen Kopftuch und wachen Augen. Ihre Eltern haben das Mädchen allein zu Verwandten nach Mayotte geschickt, damit sie dort zur Schule gehen kann. Da sie aber keinen Platz bekommen hat, geht sie vorerst in eine Freiluftklasse, die eine Hilfsorganisation auf einem verwahrlosten Picknickplatz am Strand organisiert. 

Der ehrenamtliche Lehrer kommt morgens mit einer Tafel unter dem Arm auf dem Fahrrad angefahren und versammelt etwa ein Dutzend Schüler um sich. Manche von ihnen sind erst seit Kurzem auf Mayotte und sprechen kaum Französisch. Faïrouze hört aufmerksam zu und reißt als erste den Arm nach oben, wenn der Lehrer eine Frage stellt. "Ich möchte später Ärztin werden", sagt sie und lächelt. 

Faïrouze Djanfari (2. vr), ein neun Jahre altes Mädchen, das von den Komoren nach Mayotte geschickt wurde
Faïrouze (zweite von rechts) in ihrer Freiluftklasse.
Quelle: ZDF/Ulrike Koltermann

Die meisten der illegalen Einwanderer auf Mayotte leben in schäbigen Wellblechsiedlungen ohne fließend Wasser. Wenn es Strom gibt, dann ist er auf abenteuerliche Weise irgendwo abgezapft. Der 14 Jahre alte Said Islameddin wohnt in Kawéni, dem größten Slum der Insel, der sich die steilen Hänge an der Küste hinaufzieht. 

Wenn Said und seine Freunde Fußball spielen wollen, dann pusten sie einen löchrigen Plastikball auf und kicken so lange herum, bis die Luft wieder entwichen ist. Oder sie lassen ihre Drachen steigen, die sie aus dünnen Zweigen und Plastiktüten gebastelt haben. 

Französisches Elend

Said zeigt uns die fensterlose Hütte, in der er mit seiner Familie lebt. Im Halbdunkel liegt ein nacktes Baby auf einer Schaumstoffmatratze, die schon lange keinen Überzug mehr hat. Es ist eine Elendsszene, die typisch für Afrika zu sein scheint. Aber das hier ist Frankreich - und der Regierung im 8.000 Kilometer entfernten Paris fällt wenig ein, wie sie die Probleme der ehemaligen Kolonie in den Griff bekommen soll. 

In den vergangenen Jahren hat Frankreich jährlich etwa 20.000 Migranten auf die Komoren abgeschoben. Dabei würden häufig die Rechte der Betroffenen verletzt, kritisieren Hilfsorganisationen. 2017 waren auf Mayotte fast 2.500 Kinder in Abschiebehaft. Derzeit blockieren die Komoren die Abschiebungen, was die Lage auf der Insel noch weiter verschärft.

Anfang August hat das Parlament zudem eine Ausnahmeregelung beim Geburtsortprinzip für Mayotte verabschiedet. Künftig kann ein auf Mayotte geborenes Kind nur dann Franzose werden, wenn ein Elternteil seit drei Monaten legal im Land ist. Kritiker sehen darin einen Verstoß gegen das Verfassungsprinzip der Gleichheit. Fakria Ahmeds namenloses Baby hat dennoch Aussicht auf einen französischen Pass: Es wurde ein paar Tage vor der Abstimmung geboren. 

Auf Mayotte, der französischen Insel im Indischen Ozean, ist knapp die Hälfte der Bevölkerung unter 14 Jahre alt. Nirgendwo anders in Frankreich kommen so viele Kinder zur Welt. Gut zwei Drittel der Mütter sind illegal von den benachbarten Komoren …

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