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Ein Syrer flieht nach Ghana - "Ich wollte nicht im Meer ertrinken"

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Mahmoud Al Fawal ist vor dem Krieg geflohen – nicht nach Deutschland oder Frankreich, sondern nach Ghana. Hier wird er nicht als Flüchtling gesehen, sondern als Fachmann verehrt.

Straßenszene im Zentrum von Accra
Straßenszene im Zentrum von Accra
Quelle: imago/UIG

Als ein Bekannter fragte, ob Mahmoud Al Fawal nicht nach Ghana auswandern wolle, musste er erst einmal im Internet nachlesen, wo Ghana eigentlich liegt. "Ich hatte keine Ahnung, ich war noch nie in Westafrika."

Wenn man Al Fawal fragt, ob er je nach Europa fliehen wollte, schüttelt er vehement den Kopf. "Ich wollte nicht im Meer ertrinken", sagt Al Fawal dann. "Und ich wollte einer fremden Gesellschaft auch nicht zur Last fallen."

Von Syrien, über Libanon nach Ghana

Und vor allem wollte er nicht länger der Flüchtling sein. Als in seiner Heimat Syrien im Jahr 2011 der Krieg ausbrach, floh er zunächst in den Libanon. In der Hauptstadt Beirut war er einer von Tausenden Syrern. Aber wohl einer der wenigen, der sich entschloss, nach Afrika weiterzuziehen.

Der Libanon hat bislang 1,3 Millionen Geflüchtete aus dem Nachbarland Syrien aufgenommen. Jetzt aber geht die libanesische Regierung verstärkt gegen deren Siedlungen vor – die Syrier sollen sich nicht dauerhaft im Libanon einrichten.

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Vier Jahre lebte er im Libanon mit einigen Verwandten. Seine Mutter lebt noch heute dort, seine Schwester in Schweden. Al Fawal bekam im Libanon keine Arbeitserlaubnis, musste sich mit verschiedenen Jobs über Wasser halten. Ein Bekannter bot Al Fawal einen Job in Ghana an. Al Fawal sagte zu. Ein Visum zu bekommen, sei kein Problem gewesen.

Seit zwei Jahren leitet Al Fawal einen Elektroshop in Ghana

Mahmoud Al Fawal
Mahmoud erzählt, wie er von Syrien nach Ghana kam
Quelle: ZDF

Es ist Freitag. Mahmoud Al Fawal kommt gerade aus der Moschee, in die er jede Woche zum Freitagsgebet geht. Hier trifft er ghanaische Muslime, ein paar Libanesen und Syrer.

Die Moschee liegt nur wenige Autominuten von Al Fawals Shop entfernt, im belebten Stadtteil Osu, in Ghanas Hauptstadt Accra. "Cell 4 Sell" steht in leuchtenden, grünen Buchstaben an der Hauswand – ein Laden für Elektrotechnik. Draußen tobt das Chaos, es ist staubig, Autos hupen, die Sonne brennt. Der kleine Laden hinter der Glasfront ist angenehm klimatisiert und sauber. In den Regalen stehen Lautsprecher, Ladekabel und Handyhüllen.

Hier ist Al Fawal nicht der Flüchtling, sondern der Fachmann

Seit zwei Jahren leitet Al Fawal den Shop. Al Fawal ist 34 Jahre alt, hat Sommersprossen, trägt Dreitagebart und zurückgegeltes Haar. Hier in Ghana ist er nicht der Flüchtling. Hier ist er der Fachmann, der weiß, wie man technische Geräte repariert. Auf ihn ist Verlass, das schätzen die Kunden, sagt Al Fawal. "Ich bin in der Gegend der Einzige, der weiß, wie man bestimmte Dinge an technischen Geräten repariert. Oft kommen Kunden zu mir, weil sie von Freunden von mir gehört haben oder weil andere Elektroshops an der Straße die Kunden an mich verweisen, wenn sie selbst nicht weiter wissen."

Schon als Siebenjähriger fing Al Fawal an zu arbeiten. Er half seinem Vater, Kronleuchter zu restaurieren. Mit 18 Jahren machte Al Fawal in Syrien seinen ersten eigenen Laden auf. Man hört den Stolz in seiner Stimme, wenn er über seine Fertigkeiten redet, wie er Handys und Laptops repariert, ohne je aufzugeben. "Manchmal mag es etwas länger dauern, aber ich finde das Problem – und dann behebe ich es." 

Diese Liebe zum Job, sei ihm auch das Wichtigste bei seinen Mitarbeitern. Al Fawal hat fünf junge, ghanaische Angestellte – drei Frauen, zwei Männer. Seine Kunden sind vor allem Ghanaer, Syrer und Libanesen. Er bestellt und verarbeitet Original-Ersatzteile aus dem Ausland. 

Ein neues Zuhause

Al Fawal lernte erst in Ghana Englisch zu sprechen. Wenn ihm die passenden Worte fehlen, zeigt er Fotos auf seinem Handy. Etwa von seinem früheren Shop in Syrien, der heute in Trümmern liegt. "Als ich die Bilder zum ersten Mal sah, musste ich weinen", sagt Al Fawal mit leiser, benommener Stimme. 

Heute lebt Al Fawal mit seiner Frau in einem kleinen Haus mit Garten. Das Leben in Accra sei teuer – die Miete, das Auto, das Essen. Aber es gehe ihnen gut. Sie leben in einem friedlichen Land, er hat einen Job, den er liebt. Er habe es nie bereut, hierher gekommen zu sein.

Es war wohl Zufall, dass Al Fawal heute in Ghana lebt, in einem Land das ihm manchmal noch immer fremd ist. Aber er schätzt die Hilfsbereitschaft, die Gastfreundschaft und Lebensfreude der Ghanaer. "Die Menschen hier sind freundlicher als Araber", sagt Al Fawal. Seine Heimat, sagt Al Fawal, existiert nicht mehr. Aber in Ghana habe er ein neues Zuhause gefunden.

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