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Mikroplastik in der Arktis - "Polyethylen ist inzwischen überall"

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Forscher haben im arktischen Meereis Rekord-Konzentrationen an Mikroplastik entdeckt. Die Biologin Ilka Peeken weiß, wie es dort hinkam.

Forschungsergebnisse zeigen eine alarmierende Menge an Plastikmüll in den Ozeanen. Nur ein geringer Teil davon ist an der Oberfläche zu sehen.

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heute.de: Was ist das Neue an dieser Untersuchung?  

Ilka Peeken: Mit einer neuen Technik können Proben automatisch ausgewertet werden. So lässt sich herausfinden, welches Material in welcher Größe vorhanden ist. Das Besondere an dieser Studie ist, dass man damit Teilchen erkennt, die das menschliche Auge nicht mehr wahrnehmen würde. Mehr als die Hälfte der von uns im Eis nachgewiesenen Mikroplastik-Teilchen ist kleiner als ein Zwanzigstel-Millimeter.

heute.de: In einer der Proben fanden sich 12.000 Kunststoff-Teilchen in einem Liter Meereis. Weshalb ist die Konzentration gerade dort so hoch?

Peeken: Grundsätzlich ist das Meereis ein eigenes Biotop, in dem kleine Organismen wie Eis-Algen leben. Da diese Algen beim Gleiten durch die Salzkanäle klebrige, zuckerhaltige Substanzen ausscheiden, liefern sie die Grundlage, damit sich Plastikpartikel besonders gut anlagern können. Auch wenn sich Meereis bildet, streicht es wie ein Sieb durch das Wasser, was ebenfalls zu einer sehr hohen Ansammlung von Teilchen führen kann.     

heute.de: Welche Stoffe konnten Sie nachweisen und wo kommen sie her?

Peeken: Insgesamt haben wir 17 verschiedene Kunststofftypen im Meereis gefunden. Etwa die Hälfte davon sind Polyethylen und Polypropylen, Lacke, Nylon, Polyester und Cellulose Azetat, das in Zigarettenfiltern steckt. Wir haben die Wanderung der beprobten Eisschollen zurückverfolgt und können aufzeigen, dass sowohl die Ursprungsregion, in der das Meereis gebildet wird, als auch die Wassermassen, in denen die Schollen durch die Arktis treiben, einen gravierenden Einfluss auf die Zusammensetzung und Schichtung der eingeschlossenen Plastikpartikel haben. Zum Beispiel enthalten Eisschollen aus dem Pazifik besonders viel Polyethylen. Wir vermuten, dass es sich dabei um Überreste des nordpazifischen Müllstrudels handelt, der ja hinlänglich bekannt ist.

heute.de: Gibt es ein Material, das in der Untersuchung insgesamt hervorsticht?

Peeken: Tatsächlich finden wir hauptsächlich Polyethylen. Es ist das weltweit am meisten produzierte Plastik, ist sehr leicht und wird vor allem für Verpackungen wie Flaschen verwendet. Auch bei Eiskernen, die vom Atlantik beeinflusst sind, gibt es einen hohen Anteil dieses Stoffes. Ich denke, dass Polyethylen inzwischen schon eine Art Hintergrundsignal ist: Es ist überall und kann deshalb auch in entsprechend hohen Konzentrationen nachgewiesen werden.

heute.de: Konnten Sie auch an anderen Orten Mikroplastik nachweisen?

Peeken: Wir haben mit der gleichen Methode in einer Studie von Frau Dr. Bergmann extrem hohe Konzentrationen auch im Meeresboden gefunden. Früher ging man davon aus, dass sehr kleine Plastikpartikel von selbst nicht sinken können. Inzwischen wissen wir, dass sich auch diese kleinsten Teilchen in Aggregaten ansammeln und zum Meeresboden absinken können.

Mikroplastik

heute.de: Die Plastikpartikel sind so winzig, dass sie selbst von Kleinstlebewesen gefressen werden können. Wie gefährlich ist das für uns Menschen?

Peeken: Die Gefahr besteht natürlich darin, dass es zu einer Anreicherung in der Nahrungskette kommt. Dann geht es von Kleinstlebewesen im Eis wie den Wimperntierchen zu den Krebsen, die von Fischen gefressen werden. Und irgendwann landet es eben bei uns auf dem Tisch. Welche Auswirkungen das haben könnte, ist noch nicht bekannt. Die Forschung steht da noch am Anfang. Ich würde sagen, Makroplastik ist zurzeit noch das größere Problem. Wir wissen, dass viele Seevögel und auch große Tiere wie Schweinswale verhungern, weil ihr Magen voller Plastik ist.

heute.de: Wie können wir dieses Problem langfristig lösen?

Mikroplastik-Untersuchung im arktischen Meereis
Mikroplastik-Untersuchung Quelle: Alfred-Wegener-Institut / Tristan Vankann

Peeken: Es muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass Kunststoff Fluch und Segen ist. Es ist zwar sehr praktisch und beständig, aber wir werden es auch nicht wieder los, wenn wir es nicht bewusster einsetzen. Es gibt viele Möglichkeiten, wie jeder etwas dagegen tun kann. Das fängt schon damit an, dass Raucher ihre Zigarettenkippen nicht überall hinschmeißen und geht weiter mit der Plastik-Einkaufstüte. Aber die Verbraucher müssen auch Zugang zu weniger beziehungsweise abbaubar verpackten Waren bekommen, was vermutlich nur durch politische Intervention erreicht werden könnte.

Das Interview führte André Madaus.

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