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Mindestens 200 Morde - Wenn der Kampf für die Umwelt tödlich endet

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Wer sich für die Umwelt einsetzt, lebt in vielen Teilen der Welt gefährlich. Allein im vergangenen Jahr wurden mindestens 200 Aktivisten ermordet, weil sie sich Wilderern oder anderen Kriminellen in den Weg stellten. Besonders bedrohlich ist die Situation dabei in Lateinamerika.

Menschrechtsorganisationen werfen dem Schweizer Unternehmen Glencore vor, in Südamerika Umweltverschmutzung und Gesundheitsschäden in Kauf zu nehmen. Doch Glencore wehrt sich gegen Boykottaufrufe und droht seinen Kritikern mit Schadenersatzansprüchen.

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"Sie bedrohen dich, damit du die Klappe hältst. Aber ich kann nicht schweigen angesichts dessen, was meinem Volk zustößt. Wir kämpfen um unser Land, unser Wasser, unser Leben", sagt Jakeline Romero. Die kolumbianische Indio-Führerin engagiert sich gegen El Cerrejón, den größten Kohletagebau Lateinamerikas. Sie weist auf Wassermangel und die Vertreibung der Anwohner hin. Seit Jahren wird sie deshalb bedroht und eingeschüchtert.

Wer sich für die Natur oder die Landrechte indigener Gruppen einsetzt, lebt gefährlich: Im vergangenen Jahr wurden mindestens 200 Umweltschützer, Landaktivisten und Wildhüter getötet. Die gefährlichste Region war Lateinamerika, mit Brasilien und Kolumbien an der Spitze, wie aus einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht der Organisation Global Witness hervorgeht.

Zahl der getöteten Umweltschützer steigt

"Diese Welle der Gewalt wird ausgelöst von einem heftigen Kampf um Ländereien und natürliche Ressourcen. Unternehmen aus den Bereichen Bergbau, Holzwirtschaft, Wasserkraft und Landwirtschaft treten in ihrem Streben nach Gewinnen Menschen und die Umwelt mit Füßen", heißt es in dem Bericht.

In Brasilien wurden im vergangenen Jahr 49 Umweltaktivisten getötet, damit hält das südamerikanische Land den traurigen Rekord. Auf die Einwohnerzahl umgerechnet ist Nicaragua mit elf Morden das gefährlichste Land für Umweltaktivisten. "Naturschützer und Landaktivisten stehen häufig politischen, wirtschaftlichen und kriminellen Interessen im Weg, die sich zusammentun, um natürliche Ressourcen auszubeuten", schreiben die Experten von Global Witness.

Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der getöteten Umweltschützer 2016 um fast zehn Prozent. Auch geografisch dehnte sich die Gewalt gegen Aktivisten aus: In 24 Ländern wurden im vergangenen Jahr Umweltschützer getötet, 2015 waren nur 16 Länder betroffen. Die meisten Taten stehen im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen Bergbau- und Ölprojekte, gefolgt von illegalem Holzeinschlag, Landwirtschaft und Wilderei. In der Demokratischen Republik Kongo beispielsweise wurden im vergangenen Jahr neun Wildhüter getötet.

Kaum Aufklärung

Die Verbrechen werden häufig nicht aufgeklärt. Laut der Untersuchung von Global Witness waren für die Angriffe auf Umweltschützer allerdings vor allem paramilitärische Gruppen, Polizei, Großgrundbesitzer, private Sicherheitsfirmen und Wilderer verantwortlich. "Mutige Aktivisten werden getötet, angegriffen und kriminalisiert von jenen, die sie eigentlich schützen sollten", sagt Ben Leather von Global Witness. "Regierungen, Unternehmen und Investoren haben die Pflicht zu garantieren, dass Anwohner zu Projekten gehört, Aktivisten vor Gewalt geschützt und Täter zur Verantwortung gezogen werden."

Aus Kolumbien kamen zuletzt vor allem gute Nachrichten. Nach über einem halben Jahrhundert des internen Konflikts hat die linke FARC-Guerilla die Waffen niedergelegt. Die Wirtschaft boomt. Gleichzeitig stieg allerdings die Zahl der getöteten Umweltaktivisten um 42 Prozent auf 37. Während Kleinbauern und indigene Gruppen ihre bislang von den FARC besetzte Ländereien zurückfordern, wittern auch paramilitärische Gruppen und Unternehmen ihre Chance, die Gebiete unter ihre Kontrolle zu bringen. Das schürt Konflikte.

Im Dezember erhielt die Aktivistin Jakeline Romero eine Nachricht: "Kümmere dich nicht um Dinge, die dich nichts angehen. Deine Töchter sind sehr hübsch. Selbst deine Mutter könnte verschwinden, wenn du nicht aufhörst zu reden." Die Indio-Frau vom Volk der Wayúu im Nordosten von Kolumbien hatte zuletzt immer wieder ihre Stimme erhoben: gegen Umweltverschmutzung, Vertreibung und die Umleitung von Flüssen rund um den Tagebau El Cerrejón.

Kolumbianische Kohle auch in Deutschland

Die Mine wird von den Bergbaukonzernen Anglo-American, BHP Billiton und Glencore betrieben. Im vergangenen Jahr wurden 32,4 Millionen Tonnen Steinkohle gefördert. Ein Teil davon wird auch in deutschen Kraftwerken verfeuert. Nach Russland ist Kolumbien der wichtigste Kohlelieferant Deutschlands.

Der Bergbau hat die Region rund um El Cerrejón im Department La Guajira in einem Mondlandschaft verwandelt. Überall liegt Kohlestaub, das Trinkwasser ist häufig verschmutzt. Das Betreiberkonsortium hingegen verweist auf die hohen Umweltstandards, Aufforstungsprojekte und Hilfsprogramme für die umliegenden Dörfer.

"Das Volk der Wayúu zahlt mit seinem Leben. Wir bezahlen mit unserer Kultur. Wir sehen uns der Bedrohung gegenüber, ausgelöscht zu werden", sagt Aktivistin Romero. "Nur weil wir das kleine Stück Land verteidigen, das uns einst genug zu essen gab."

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