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Qualitätslogo ab 2020 - Kritik an Klöckners Schweinefleisch de luxe

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2020 soll es in der Theke liegen: Schweinefleisch mit staatlichem Tierwohllabel. Marke: von Geburt bis Schlachtung besonders wertvoll. Kritiker sagen: Dafür braucht es mehr.

Ein Zuchteber am 21.04.2017 in einem Schweinezuchtbetrieb in Mecklenburg-Vorpommern
Mehr Platz im Schweinestall, weniger Stress bei Schlachtung und Transport: Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) hat Kriterien für das neue staatliche Tierwohlkennzeichen vorgestellt.
Quelle: dpa

Lange war darüber diskutiert worden. Jetzt hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) die Kriterien für eine staatliche Auszeichnung für besonders gutes Schweinefleisch vorgelegt, das ab 2020 in den Handel kommen soll. Es soll Tierhaltern zu Vorschriften von der Geburt bis zur Schlachtung machen, die sie freiwillig einhalten können. Wer sich an die Kriterien über dem gesetzlichen Mindeststandard dann hält, bekommt vom Staat das Label zur besseren Vermarktung. Verbrauchern sollen dann "auf den ersten Blick" erkennen, sagte Klöckner heute, dass "mehr Tierwohl" in dem Fleisch steckt. Denn bislang sei der Preis nicht unbedingt ein Kriterium für Qualität.

Wer trägt die Mehrkosten?

Klöckner plant deswegen nun eine dreistufige Kennzeichnung, die aufeinander aufbaut. In fast jeder Stufe werden insgesamt 13 Kriterien für unter anderem Haltung, Futter, Schlachtung strenger. Auch die Kontrollen. Die viel kritisierte betäubungslose Kastration von Ferkeln, die kürzlich bis 2021 noch einmal verlängert wurde, ist in alle drei Stufen verboten. Nach Berechnungen des Ministeriums könnten sich die Kosten für ein komplettes Schwein laut Klöckner so auf zehn bis zwölf Euro erhöhen. Es seien aber auch Förderprogramme für die Tierhalter geplant. Dies sei Klöckner zufolge gerechtfertigt, da diese eine "gesellschaftliche Erwartung" damit erfüllten. Schätzungen, wie viele der Mehrkosten beim Verbraucher hängen bleiben, wollte sie heute nicht.

Die wichtigsten Kriterien des Staats-Logos:

  • Stufe eins: 20 Prozent mehr Platz für jedes Schwein als bislang gesetzlich vorgeschrieben. Ständiger Zugang zu Raufutter, Angebot von organischem Beschäftigungsmaterial mit Wühlmöglichkeit. Die Buchten müssen strukturiert werden, dass heißt, es muss unterteilt werden in Fressen, Schlafen, Bewegung, höhere Ebenen wie "Balkone", verschiedene Lichtverhältnisse, Scheuer- und Liegemöglichkeiten. Ständiges Angebot von Nestbaumaterial. Ende der Säugephase von Ferkeln frühestens nach 25 statt 21 Tage. Betäubungslose Ferkelkastration nicht erlaubt. Die Tiere dürfen höchstens acht Stunden auf dem Lkw transportiert werden.
  • Stufe zwei: 47 Prozent mehr Platz für jedes Schwein. Raufutter und Beschäftigungsmaterial wie Stufe eins. Buchten wie Stufe eins plus geschlossene, weiche oder leicht eingestreute Liegefläche sowie Außenklimareiz oder Buchten mit unterschiedlichen Klimareizen. Ständiges Angebot von Nestbaumaterial. Säugephase mindestens 28 Tage. Kupieren der Schänze nicht erlaubt. Betäubungslose Ferkelkastration nicht erlaubt. Transport wie Stufe eins.
  • Stufe drei: 91 Prozent mehr Platz für jedes Schwein, ab 30 Kilogramm Auslauf verpflichtend, Raufutter und Beschäftigung wie Stufe zwei. Buchten wie Stufe zwei, zudem müssen sie zusätzlich Auslauf gewährleisten, überwiegender Teil der Bucht muss eine geschlossene Bodenfläche haben, der Liegebereich eingestreut sein. Ständiges Angebot von Nestbaumaterial. Säugephase mindestens 35 Tage. Kupieren der Schwänze nicht erlaubt. Betäubungslose Ferkelkastration nicht erlaubt. Transport wie Stufe eins.

Damit das staatliche Tierwohllabel umgesetzt werden kann, müssen noch ein Gesetz und eine Verordnung durch den Bundestag. Das soll nach Angaben Klöckners im Laufe des Jahres passieren. Erst dann soll entschieden werden, wie das Label aussehen wird. Die CDU-Ministerin geht davon aus, dass es einen Marktanteil von etwa 20 Prozent erreichen kann. So sei es jedenfalls in Dänemark und den Niederlanden, den einzigen Ländern in der Europäischen Union mit einem staatlichen Tierwohllabel. Klöckner kündigte an, dass die Kennzeichnung auch auf andere Fleischsorten wie Geflügel ausgeweitet werden soll.

Greenpeace: Label greift "viel zu kurz"

Was Greenpeace von Klöckners Label hält, hat die Umweltorganisation schon gestern deutlich gemacht. An das Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin brachte sie ein Schild an, das der Steuerverschwendungsuhr des Bund der Steuerzahler ähnelt: "Julia Klöckners Tierleidzähler" steht darauf. Eine digitale Uhr zählt "Gequälte Ferkel in Deutschland". Jährlich werden, sagt Greenpeace, 40 Millionen Ferkel gequält. Klöckners Label greife deswegen insgesamt "viel zu kurz", sagt Dirk Zimmermann, der in der Organisation für nachhaltige Landwirtschaft zuständig ist. Das Label beruhe auf "absoluter Freiwilligkeit" statt die Tierquälerei generell zu beenden. Der Lebensmittelhandel sei zudem mit seiner eigenen Kennzeichnung der Ministerin "weit voraus", so Zimmermann.

Supermarktketten wie Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny und Rewe wollen ab 1. April einheitliche Packungsaufdrucke mit der Aufschrift "Haltungsform" für Rinder- und Schweinefleisch sowie Geflügel in die Läden bringen. Dabei geht es um vier Stufen: Stallhaltung (rot), Stallhaltung Plus (blau), Außenklima (orange) und Premium (grün).

"An vielem Stellen noch Klärungsbedarf"

Ein Label-Wirrwarr, das auf Kosten der Bauern ausgetragen werden könnte. Das befürchtet zumindest die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), in der viele Ökobauern vertreten sind. "Wir fordern die Handelsketten also auf, mindestens die Vorgaben aus dem Ministerium hier zu übernehmen - damit die Schweinehalter Planungssicherheit für die notwendigen Verbesserungen in den Ställen bekommen", so AbL- Sprecher Ulrich Jasper.

Unterm Strich begrüßt der Verband Klöckners Eckpunkte. Es gebe aber "an vielen Stellen im Detail noch Klärungsbedarf für die praktische Umsetzung". Vor allem fehlten konkrete Förderprogramme: Der Umbau der Schweinhaltung werde Milliarden Euro kosten. "Es braucht höhere Preise für das Fleisch und es braucht auch eine gezielte staatliche Unterstützung für die höheren Tierwohlstandards von Bund und Ländern."

Auch der Deutsche Bauernverband spricht von einem "ersten Schritt". Die Kriterien seien das eine, sagt Generalsekretär Bernhard Krüsken. Viel wichtiger sei, "wer macht die Kontrollen, wer schließt die Verträge, wer steht dafür gerade, dass das Tierwohl auch da honoriert wird, wo es gemacht wir: nämlich beim Landwirt", fragt Krüsken. Da sei "man sehr gespannt", wie es umgesetzt werde. Wenn es mit anderen Labeln nicht verzahnt werde, sei es "im Markt nicht umsetzbar".

Andreas Winkler von der Verbraucherschützerorganisation Foodwatch spricht dagegen von einem "weiteren PR-Gag" der Ministerin Klöckner. "Gegen Krankheit und Elend von Millionen Tieren hilft kein weiteres freiwilliges Siegel, es braucht vielmehr klare gesetzliche Vorgaben für bessere Tiergesundheit in allen Ställen", teilt die Organisation mit. Eine "simple und verpflichtende Kennzeichnung wie bei den Eiern", fordert auch Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. Klöckners Logo trage eher zur Verwirrung bei. Es gebe bereits "ein Dschungel von Kennzeichen in den Supermärkten".

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