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Auf der Flucht aus Libyen - Miracle: Ein Wunder an Bord

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Ein Baby ist am Samstag auf dem Flüchtlingsschiff Aquarius geboren. Ein Funke Hoffnung in einem Meer aus Leid, das die Geretteten vor allem in Libyen erlebt haben.

Dem Tod auf dem Meer sind sie entkommen: 68 Flüchtlinge, die über Libyen und übers Mittelmeer nach Europa flüchten. In Libyen haben sie Folter, Vergewaltigung und Menschenhandel als grausamen Alltag erlebt.

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Er wiegt 2,7 kg und trägt eine winzige rote Mütze. Sein Erscheinen an Deck der Aquarius hat am Samstag Begeisterungsstürme hervorgerufen. Miracle, das Wunder, heißt der kleine Mann der um 15h45 auf dem Mittelmeer das Licht der Welt erblickte. Seine Mutter, Joy, eine 20-jährige Nigerianerin war erst 48 Stunden vorher an Bord der Aquarius gekommen. Zusammen mit 68 Flüchtlingen aus Westafrika.

Die Geburt so kurz nach der Rettung hat sie alle einen Moment vergessen lassen, welch langer Weg hinter und auch noch vor ihnen liegt. Manche wollten gar nicht unbedingt nach Europa, keiner weiß genau was ihn dort erwartet.

Misshandelt, versklavt, gefoltert und prostituiert

Laut Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration leben 700.000 bis eine Million afrikanischer Flüchtlinge in Libyen. Viele sind dorthin verschleppt worden, oder auf der Suche nach Arbeit dort gelandet. Fast alle sind Freiwild für bewaffnete Gruppen, werden misshandelt, versklavt, gefoltert und prostituiert. Der Weg über das Mittelmeer scheint der einzige Ausweg aus der Hölle.

"Ich wollte nie nach Europa, auch als ich noch in Nigeria war", erzählt der 22-jährige Jeffrey im ZDF-Interview. Er war 2016 in der Hoffnung Geld für seine kranke Mutter zu verdienen nach Libyen gekommen. Alles was er vorfand war unbezahlte Arbeit, Schläge, und nach einem gescheiterten Fluchtversuch, das Gefängnis in Sabratha.

"Da haben sie mich am meisten mit Elektroschocks gefoltert", so Jeffrey. Nach den Schocks hätten sie ihn festgebunden und aufgehängt. "Sie haben mich geschlagen und geschlagen, jeden Tag geschlagen." Manchmal hätten sie ihn in eine Zelle gesperrt, drei Tage ohne Essen, ohne Wasser. "Wenn ich Wasser wollte haben sie mir Wasser aus der Toilette gebracht. Ich wusste nicht ob es Urin oder Wasser war, ich habe es getrunken. Ich bin verletzt worden."

Schwanger zurückgelassen ohne Nahrung oder Wasser

Jeffrey zeigt seine Verletzungen, klagt über Rückenschmerzen und Gedächtnisverluste. Er redet fast 30 Minuten, ohne Punkt und Komma. Als müsse er seine lange Odyssee loswerden. "Alles was ich euch erzählt habe, ist mir aufgezwungen worden, weil ich kein Geld habe zurück zu gehen. Ich habe keine Freiheit", sagt er am Ende, bevor er weinend zusammenbricht.

Die Aquarius: Leben retten ist ihre Mission

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Miracles Mutter Joy hat laut eigener Ansagen auch ein Jahr in Libyen verbracht, wo sie gefangen, geschlagen und erpresst wurde. Anfang des Jahres sei ihr mit Hunderten anderen die Flucht gelungen und sie habe sich versteckt gehalten, bis sie letzten Donnerstag die gefährliche Überfahrt nach Europa angetreten habe.

Eigentlich hätte ihr Boot am Mittwoch losfahren sollen, doch nach wenigen Minuten habe der Motor aufgegeben und sie wurden an Land zurückgebracht, berichtet die Krankenschwester von Ärzte ohne Grenzen, Aoife Ni Mhurchu, die der Entbindung beiwohnte. "Die Schmuggler haben ihnen gesagt sie sollen sich am Strand verstecken und sind dann für 24 Stunden verschwunden. Sie hinterließen Joy in großer Angst, schwanger, ohne Nahrung oder Wasser."

Kein Weg zurück

Viele solcher Geschichten haben wir in den letzten Tagen auf der Aquarius erzählt bekommen. Das reiche Libyen war immer ein Einwanderungsland für andere afrikanische Länder. Das hat sich auch nach dem Fall von Diktator Muammar al-Gaddafi nicht geändert. Aber der Zerfall des Staates hat ihre Verhältnisse dramatisch verändert. Die Bedingungen in den Hafteinrichtungen wurden Anfang 2017 in einer internen Korrespondenz des Auswärtigen Amts als "KZ-ähnlich" beschrieben.

"Ich wusste dass es schlimm ist, aber ich dachte, dass nicht alle Menschen böse sein können", antwortet ein junger Nigerianer auf die Frage, ob man in Afrika nicht über die Situation informiert sei. Der Weg zurück ist für alle ausgeschlossen. Libyen ist eine Sackgasse.

"Ich will lieber auf dem Meer sterben, als in Libyen leben." Diesen Satz hören die Retter von SOS Méditerranée und das Team von Ärzte ohne Grenzen auf der Aquarius immer wieder. Und er ist Grund genug für sie ihre Tätigkeit fortzuführen, trotz aller Kritiken. Der Vorwurf: Durch die Anwesenheit vor der libyschen Küste ermuntern die Rettungsboote die Schmuggler dazu ihren Menschenhandel fortzuführen.

Voller Hoffnung in eine ungewisse Zukunft

"Ich wäre nicht auf der Aquarius, wenn ich den leisesten Zweifel daran hätte dass wir die Schmuggler irgendwie ermuntern oder die Menschen dazu ermuntern aufs Meer zu fahren", bekräftigt Loic Glavany, der die Rettungsaktionen an Bord koordiniert. "Was wir hier machen ist das Richtige. Wir sind auf der richtigen Seite."

"Man lässt Leute nicht im Meer verrecken", unterstreicht auch Francois Redon, der Logistiker von Ärzten ohne Grenzen an Bord. "Tatsache ist, dass Menschen flüchten und dass sie im Meer sterben würden wenn wir nicht eingreifen. Unsere Arbeit ist es zu helfen. Das ist alles".

Gestern Morgen sind Miracle, seine Mutter und ihre 68 Weggefährten von der Aquarius in Catania abgesetzt worden und den italienischen Behörden übergeben worden. 1.300 weitere Flüchtlinge sind auch gestern an Bord von Booten der italienischen Marine und Küstenwache in Sizilien gelandet. Voller Hoffnung, aber mit einer ungewissen Zukunft.

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