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Missbrauch in der Evangelischen Kirche - Der jahrelange Kampf um Gerechtigkeit

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Nicht nur die Vorfälle bei den Domspatzen zeigen, wie wichtig die Aufklärung von Misshandlungen und sexuellem Missbrauch innerhalb der Kirche ist. Doch was heißt es für die Opfer, mit ihren Vorwürfen an die Öffentlichkeit zu gehen?

In Bad Lauchstädt in Sachsen-Anhalt missbrauchte ein Pfarrrer vor mehr als 40 Jahren seine Schützlinge. Die persönliche und rechtliche Aufarbeitung der Taten ist für die Opfer einer langer, harter Weg.

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"Unterdrückt keuchend, stark schwitzend und penetrant stinkend presst sich der alte Mann an meinen jungen Körper. Die wollüstigen Grunzlaute, die er kurzatmig ausstößt, sind leise, klingen aber dennoch laut in meinen Ohren." Mit diesen Worten beschreibt Joachim Schwarze in seinem Tagebuchroman "Der Trümmermann", was der Pfarrer ihm angetan hat. Die Übergriffe liegen mehr als 40 Jahre zurück, sie ereigneten sich in Bad Lauchstädt, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt.

Vor gut einem Jahr befand das Disziplinargericht der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland den Pfarrer für schuldig. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Pfarrer E. mehrfach Kinder und Jugendliche missbrauchte, um sich sexuell zu befriedigen. Der Kirchenmann ging in Berufung. Die wurde jetzt abgelehnt, damit ist das Urteil rechtskräftig. Das heißt: "Der Pfarrer darf damit nicht mehr als Pfarrer tätig sein, er verliert seine Ordinationsrechte und erhält aus kirchlichen Mitteln kein Ruhestandsgeld mehr", so Oberkirchenrat Michael Lehmann von der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland.

Sieben Jahre Ungewissheit

Joachim Schwarze ist nicht das einzige Opfer des Pfarrers, es war sein Mit-Konfirmand und Freund, Andreas Müller, der im April 2010 als erster bei der Kirche Anzeige gegen den Pfarrer erstattete. Sieben Jahre vergingen, bis es ein Urteil gab und dieses rechtskräftig wurde - für die Opfer eine nur schwer erträgliche Zeit der Ungewissheit. Entsprechend groß ist jetzt die Erleichterung: "Ich bin froh, dass das Urteil rechtskräftig ist. Weitere Jahre hätte ich einen Prozess nicht durchgestanden", sagt Andreas Müller.

Ihr Wunsch nach Gerechtigkeit mündete in einen verzweifelten und schmerzhaften Kampf um Glaubwürdigkeit. Immer wieder - schriftlich, mündlich, vor Gericht und vor Gutachtern - mussten sie erklären, was damals genau passiert ist. Immer wieder mussten sie die Ereignisse, die mit Gefühlen von Scham, Erniedrigung und Hilflosigkeit verbunden sind, detailliert schildern. Und immer wieder mussten sie dabei das Erlebte erneut durchleiden, begleitet von der Angst, dass man ihnen nicht glaubt. "Sehr schwer auszuhalten waren die peinlichen Vernehmungen und Gutachten, denen wir uns mehrfach unterziehen mussten. Was glauben Sie, wie man sich fühlt, wenn man von einem Forensiker, der sonst Schwerverbrecher beurteilt, auf seine Glaubwürdigkeit hin durchleuchtet wird?" - so beschreibt es Joachim Schwarze.

Mangelnder Aufklärungswille innerhalb der Kirche

Als Andreas Müller 2010 Anzeige erstattete, ging es zunächst schnell. Nur Tage später traf sich Oberkirchenrat (OKR) F. mit ihm und hörte sich die Vorwürfe an. Er verspricht Andreas Müller kurz darauf per E-Mail: " Ich sorge dafür, dass Pfarrer E. nie wieder als Pfarrer mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt kommt und so sein Amt missbrauchen kann." Doch der Oberkirchenrat handelt nicht entsprechend. Als Andreas Müller einige Monate später nachfragen möchte, ist OKR F. plötzlich nicht mehr erreichbar, geht nicht ans Telefon und reagiert nicht auf E-Mails.

Die vorerst letzte E-Mail an den Oberkirchenrat schreibt Andres Müller am 26. Mai 2011, darin spricht er konkret von sexuellen Übergriffen und bittet um Hilfe, weil er mit dem Pfarrer Kontakt aufnehmen möchte. Auf dem Verteiler stehen etliche Mitglieder der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland, doch keiner reagiert, niemand wird hellhörig - schließlich ging die Mail ja an den Oberkirchenrat, so die Begründung später. Von einer aktiven Vertuschung kann man nicht ausgehen, aber ein echter Wille zur Aufklärung sieht anders aus.

Es vergehen mehr als zwei Jahre. Erst als Joachim Schwarze über die Pressestelle der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland nachhakt, was aus der Anzeige seines Freundes geworden ist und angibt, als Kind selbst Opfer des Pfarrers gewesen zu sein, kommt die Aufarbeitung ins Rollen.

Täter werden zu Opfern gemacht - und Opfer zu Tätern

Mit der Veröffentlichung des Buches "Der Trümmermann", in dem Schwarze den Missbrauch anonymisiert beschreibt, und dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den Pfarrer durch eine Pressemitteilung der Kirche, wird in Bad Lauchstädt schnell klar, wer die Anschuldigungen erhebt. Plötzlich sehen sich Joachim Schwarze und Andreas Müller sowie ihre Angehörigen Anfeindungen ausgesetzt. Der Tenor ist immer derselbe: Wie können Sie den Pfarrer, der für unsere Jugendlichen so viel getan hat, verleumden? So schreibt die Bad Lauchstädterin W. Joachim Schwarze über die Kontaktseite seines Buches im Juli 2012: "Haben Sie es eigentlich nötig, einen 78-jährigen Pfarrer zu diffamieren? Man glaubt ihnen doch auch so, dass Sie ein Problem haben."

Heute sagt Andreas Müller: "Das schwierigste auf diesem Weg war eindeutig, dass wir als Täter hingestellt worden sind. Der Pfarrer als Opfer." Das Urteil ist wie ein Befreiungsschlag. "Ich fühle mich, so komisch es klingt, rehabilitiert, denn wir wurden nach unserer Anzeige sowohl von den Anwälten des Pfarrers als auch von der Öffentlichkeit als Schuldige gebrandmarkt", so Joachim Schwarze.

Opfer fordern Abschaffung der Verjährungsfrist bei sexuellem Missbrauch

In einem sind sich die beiden Opfer und die Kirche einig: Die - je nach Vergehen unterschiedlichen - Verjährungsfristen müssen weg, denn viele Opfer verdrängen über Jahre, was ihnen angetan wurde. Oft dauert es Jahrzehnte, bis sie ihre Scham, Angst und Zweifel überwinden und sich trauen, die Vorwürfe öffentlich zu machen. Joachim Schwarze formuliert es so: "Mit welchem Recht beschenkt man diese Täter nach dieser Frist mit Straffreiheit, während deren Opfer lebenslang die Folgen tragen müssen?"

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