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Akademie entscheidet Donnerstag - Fällt der Literaturnobelpreis aus?

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Erstmals seit 75 Jahren könnte die literarische Welt ohne einen neuen Nobelpreisträger dastehen. Die Vergabe steht wegen Missbrauchs- und Korruptionsvorwürfen auf der Kippe.

Nobelpreis in der Kritik
Quelle: dpa

Im Jahr 1935 gab es keinen Literaturnobelpreis, weil die Schwedische Akademie keinen der Kandidaten als würdig erachtete. In diesem Jahr könnte die Preisvergabe ausfallen, weil dem Gremium im Missbrauchsskandal die Mitglieder davonlaufen. Hintergrund ist der Skandal um Missbrauchsvorwürfe und angebliche Korruption in der Schwedischen Akademie, die über die Gewinner des Literaturnobelpreises entscheidet und deren Glaubwürdigkeit in den vergangenen Monaten massiv gelitten hat.

Akademie räumt "unerträgliches Verhalten" ein

Die Akademie hat eingeräumt, dass es in ihren Reihen "unerträgliches Verhalten in Form von nicht gewünschter Intimität" gegeben habe. Sieben Mitglieder sind im Zuge dessen in den vergangenen Wochen zurückgetreten oder haben sich auf andere Weise von der Akademie distanziert, einschließlich der ersten Frau mit dem Vorsitz der Akademie, der Professorin und Schriftstellerin Sara Danius. Über den Literaturnobelpreis 2018 würden damit nur zehn aktive Mitglieder entscheiden.

Ob dies genügt oder die Vergabe verschoben oder gar komplett abgesagt wird, will die Akademie bei ihrem wöchentlichen Treffen am Donnerstag in Stockholm entscheiden. Das hat der Ständige Sekretär der Akademie, Anders Olsson, im Schwedischen Rundfunk angedeutet.

Forderung nach Überarbeitung der Regeln

Aus Sicht von Experten könnte der Skandal die Errungenschaften des diesjährigen Nobelpreisträgers beflecken, ohne dass dieser etwas damit zu tun gehabt hätte. "Es hängt davon ab, wer den Preis bekommt", sagt Mads Rosendahl Thomsen, Literaturprofessor an der Universität im dänischen Aarhus. "Die Person muss wissen, was die Akademie durchgemacht hat, und möglicherweise auf die Krise reagieren." Rosendahl Thomsen erklärte weiter, "es könnte vernünftig sein", die Vergabe des Preises so lange aufzuschieben, bis die internen Probleme gelöst seien.

Rebecca Lundberg, Kulturredakteurin beim schwedischen Fernsehen, fordert, dass die Regeln der 1786 gegründeten Akademie von Grund auf überarbeitet werden: "Wir werden keine Nobelpreisgewinner bestimmen können, wenn wir die Statuten nicht neu auslegen", sagte sie in ihrem Sender. Schwedens König Carl XVI. Gustaf hat als Schirmherr der Akademie bereits damit angefangen. Demnach soll es Mitgliedern künftig möglich sein, aus der Akademie auszutreten. Bislang werden die Sitze auf Lebenszeit vergeben. Wer neu hinzukommt, dem müssen zwölf der 18 Mitglieder zustimmen.

Kronprinzessin Victoria am Po berührt?

Ausgelöst hat den Wirbel ein Bericht der großen schwedischen Zeitung "Svenska Dagbladet" im vergangenen Jahr, in dem 18 Frauen Jean-Claude Arnault sexuellen Missbrauch vorwarfen. Arnault gehört zu den führenden Kulturschaffenden in Schweden und ist mit der Dichterin Katarina Frostenson verheiratet, die der Akademie angehört, sich aber im Zuge des Skandals zurückgezogen hat. Der 71-Jährige leitet darüber hinaus ein Kulturzentrum, das bis zum Beginn des Skandals von der Akademie gefördert wurde.

Das "Svenska Dagbladet" veröffentlichte jetzt zudem einen Artikel, in dem es hieß, Arnault habe vor zwölf Jahren sogar die schwedische Kronprinzessin Victoria unangemessen berührt. So soll er seine Hand von ihrem Hals bis zum Po habe gleiten lassen. Eine Begleiterin der Prinzessin habe seine Hand schnell beiseite geschoben, schreibt die Zeitung weiter und beruft sich auf drei ungenannte Quellen.

Ein weiteres Jurymitglied des Literaturnobelpreises ist zurückgetreten. Der Skandal um Korruption und sexuelle Belästigung weitet sich aus. Auch Kronprinzessin Victoria von Schweden soll Opfer geworden sein.

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Arnaults Anwalt Björn Hurtig sagte AP, sein Mandant sei das Opfer einer "Hexenjagd". Die Vorwürfe, einschließlich der des sexuellen Fehlverhaltens, "könnten allein darauf abzielen, Schaden anzurichten". Hurtig sagte, ohne Arnaults Namen zu nennen, sein Mandant weise die Anschuldigungen, er habe Kronprinzessin Victoria angefasst, als "falsch und beleidigend" zurück.

Kriminalpolizei ermittelt wegen Korruptionsverdacht

Arnault wird zudem verdächtigt, die hundert Jahre alten Nobelpreis-Regeln verletzt zu haben, indem er Namen der Gewinner verraten habe. Seit 1996 soll dies sieben Mal vorgekommen sein, wobei aber bislang unklar ist, wem Arnault die Namen genannt haben soll. Angeheizt hat die Affäre die schwedische Kriminalpolizei am Freitag, als sie mitteilte, sie habe erste Finanzermittlungen in Zusammenhang mit der Akademie gestartet. Weitere Angaben machte die Polizei nicht. Schwedische Medien berichteten, Frostenson und Arnault stünden im Zentrum der Ermittlungen, bei denen die Fahnder die Fördermittel untersuchten, mit denen die Schwedische Akademie Arnaults Kulturzentrum unterstützt hat.

Selbst die Nobel-Stiftung fürchtet, dass der Literaturnobelpreis in dem Skandal seine Würde verliert. Sollte die Akademie am Donnerstag entscheiden, in diesem Jahr keinen Literaturnobelpreis zu vergeben, wäre dies das erste Mal seit 75 Jahren. Sieben Mal ist die Preisvergabe bislang ausgefallen, darunter in den Kriegsjahren 1914, 1918 und 1940 bis 1943. Im Jahr 1935 gab es dagegen keinen Literaturnobelpreis, weil die Akademie keinen der Kandidaten als würdig erachtet hatte.

Insgesamt sind die begehrten Nobelpreise für Naturwissenschaften, Medizin, Literatur und Frieden 49 Mal nicht vergeben worden. Die Ehrungen waren im Jahr 1901 ins Leben gerufen worden. Der schwedische Erfinder Alfred Nobel hatte in seinem Testament verfügt, dass sein Vermögen für diesen Zweck angelegt werden solle.

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