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Abschied von Helmut Kohl - Vom Drahtseil- zum Trauerakt

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Um elf Uhr beginnt heute im Straßburger EU-Parlament der Trauerakt für Helmut Kohl. Und damit der Tag des offiziellen Abschieds vom Altkanzler. Um diesen Abschied wurde im Vorfeld hart gerungen - viele Interessen mussten abgewogen werden.

Mit einem europäischen Trauerakt in Straßburg haben Politiker, Freunde und Familie Abschied genommen von Helmut Kohl. Der ehemalige Bundeskanzler war Ehrenbürger Europas und gilt als Wegbereiter der Deutschen Einheit.

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173 min
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Dass Helmut Kohls Sarg von der blauen EU-Flagge und nicht der schwarz-rot-goldenen der Bundesrepublik bedeckt sein wird, ist nur eines von vielen Details, die den Trauerakt für den Altkanzler zu einem der ungewöhnlichsten politischen Ereignisse macht, das das Straßburger Parlament in seiner Geschichte erlebt hat. Schon allein der Ort. Der Altkanzler soll sich gewünscht haben, an dem Ort gewürdigt zu werden, der gleich zweifach symbolisch ist: für die deutsch-französische Aussöhnung ebenso wie für die europäische Einigung. Kohls Beitrag zu beidem wird beim Trauerakt feierlich gewürdigt werden.

Hektik hinter den Kulissen

Was heute ab elf Uhr feierlich und staatstragend und in Anwesenheit Hunderter Abgeordnete, Minister, Dutzender aktueller und ehemaliger Staats- und Regierungschefs, des ehemaligen spanischen Königs Juan Carlos samt Gattin Sophia und zahlreicher hochrangiger Gäste aus der ganzen Welt daherkommen wird, hat hinter den Kulissen eine Unruhe und Kompliziertheit ausgelöst, wie sie viele selbst der erfahrenen Diplomaten und Beamten beim Tod eines Staatsmannes noch nicht erlebt hatten.

Als die Entscheidung gefallen war, Kohl anders als allen seinen Vorgängern nicht mit einem Staatsakt und in Deutschland die letzte Ehre zu erweisen, sondern mit einem europäischen Trauerakt und in Frankreich, nahmen Protokoll-Abteilungen aus Berlin, Brüssel, Straßburg und Paris hektisch miteinander Kontakt auf, Ministerien in Deutschland mit EU-Kommission und Parlament in Brüssel, Kohl-Vertraute vermittelten zwischen Witwe Maike Kohl-Richter und den politischen Organisatoren der Zeremonie. Abwegige Überlegungen wurden von machbaren getrennt, Einladungslisten um Gäste ergänzt, die nicht fehlen durften, die Rednerliste immer wieder erweitert und verkleinert. Hinter jeder Frage öffnete sich gefährlich vermintes diplomatisches Terrain. Es galt, Eklats zu umschiffen.

Wer redet, wer nicht?

Die ganz praktischen Probleme waren dabei schneller gelöst als die diplomatischen. Um Platz für die Sargträger und den Sarg zu schaffen, hat man in Straßburg einen Gang im Plenum durch Abschrauben einiger Sitze ebenso erweitert wie das Rund vor dem Rednerpult. Auch ein Raum ist geschaffen, in dem vor der Zeremonie einzelne am Sarg Kohls noch persönlich Abschied nehmen können. Kopfzerbrechen bereitet Diplomaten noch die komplizierte Logistik und Sicherheit der vielen hochrangigen Gäste auf ihrem Weg von und nach Straßburg. Es gelte, niemanden am Flughafen zu vergessen, beschreibt einer der Organisatoren die vielen logistischen Herausforderungen.

Die Liste derer zu erstellen, die das Wort ergreifen sollen, war der diplomatische Drahtseilakt dieser Zeremonie: Wer redet, wer nicht? Wer zuerst, wer zuletzt? Wer persönlich, wer politisch? Zu den vielen kleinen Überraschungen und Verwunderungen dieses ungewöhnlichen Gedenkens gehört, dass das deutsche Staatsoberhaupt, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, nicht zu Wort kommen wird. Mit Antonio Tajani, Donald Tusk und Jean-Claude Juncker hingegen sind alle drei EU-Institutionen vollständig auf der Rednerliste, für Kohls Heimatland wird allein Angela Merkel sprechen - als letzte Rednerin des Trauerakts in Straßburg.

Acht Redner sieht das Protokoll nach langen Verhandlungen zwischen vielen Zuständigen auf allen Seiten nun vor. Begrüßung und Auftakt ist dem Präsidenten des Europaparlaments, Antonio Tajani, vorbehalten. Zu dessen Herausforderungen gehört es nun, als Gastgeber und Hausherr einer Zeremonie zu agieren, mit deren Idee er selbst nichts zu tun hatte. Es folgt Donald Tusk als Präsident des Europäischen Rates und Jean-Claude Juncker, der von den Rednern des Tages Helmut Kohl wohl am nächsten stand. Es war Juncker, der schnell von den Wünschen der Kohl-Witwe Maike Kohl-Richter erfuhr und sie sich, soweit möglich, zu Eigen machte. Der Kommissionspräsident wird Kohl nicht nur als Europäer und Wegbereiter der Einheit würdigen, sondern auch als seinen Wegbegleiter, Förderer und Freund.

Gerüchte um Merkel

Nach den EU-Spitzen reden mit Spaniens Ex-Premier Filipe Gonzalez ein Wegbegleiter, der Kohl im Ringen um die Einheit unterstützte, mit Bill Clinton ein US-Präsident, dessen Amtszeit sich sechs Jahre mit der Kohls überschnitt, und mit Ministerpräsident Dimitri Medwedew ein Vertreter Russlands, der Kohl selbst allerdings nie kennenlernte. Näher standen Kohl George Bush Senior und Michael Gorbatschow, doch beiden erlaubte die Gesundheit eine Reise nach Straßburg nicht. Gonzalez, Clinton und Medwedew werden Kohl, den Staatsmann, der Deutschland nach der Wiedervereinigung eine neue Rolle in der Welt verlieh, würdigen.

Zum Abschluss der gut zweistündigen Zeremonie sprechen Frankreichs neuer Präsident Emmanuel Macron und Angela Merkel. Gerüchte, dass die Kanzlerin als Rednerin nicht von Anfang an selbstverständlich gesetzt war, werden von manchen mit der Organisation Befassten nur halbherzig dementiert. Wunsch der Kohl-Witwe soll gewesen sein soll, Viktor Orban als Hauptredner sprechen zu lassen, der mit seinem Demokratieabbau in Ungarn in den Augen vieler Unions-Politiker genau das verrät, wofür der Europäer Kohl stand. Doch Kohl und Orban verband eine Freundschaft, die bis zum Schluss hielt.

Spiegelbild der Verwerfungen?

Die Feierlichkeiten zu Kohls Abschied legen ungewollt noch einmal viele der Verwerfungen offen, die den Menschen und Politiker Kohl umgaben. So war auch bis kurz vor Beginn der Zeremonie in Straßburg offen, ob Kohls Söhne erscheinen würden oder nicht. Eingeladen seien sie worden, heißt es. Doch mit dem Trauerakt in Straßburg will man vor allem an die Verdienste des Altkanzlers um Deutschland und Europa erinnern. Und daran, "dass deutscher und europäischer Patriotismus für Kohl nie ein Widerspruch waren", wie Jean-Claude Juncker es formuliert.

Kohls letzte Reise beginnt um 6:45 Uhr in einem Hubschrauber der Bundespolizei, der seine sterblichen Überreste von Ludwigshafen nach Straßburg fliegt. Nach dem Trauerakt wird der Sarg wieder nach Ludwigshafen geflogen und mit dem Auto Richtung Speyer gefahren. Die letzten Kilometer bis zur Domstadt legt der Sarg auf dem Schiff "MS Mainz" zurück, um 18 Uhr beginnt im Speyrer Dom dann das Requiem. Nach dem Großen Militärischen Ehrengeleit vor der Kathedrale wird Altkanzler Helmut Kohl auf dem Friedhof des Speyrer Domkapitels schließlich seine letzte Ruhe finden.

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