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"Iuventa" ein Jahr beschlagnahmt - "Wut, Ohnmacht und absolutes Unverständnis"

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Seit einem Jahr liegt die "Iuventa" im Hafen von Trapani, beschlagnahmt von den italienischen Behörden. Seenotretter verspüren seitdem "Wut, Ohnmacht und absolutes Unverständnis".

Beamte der italienischen Polizei und Küstenwache sichern am 4. August 2017 im Hafen von Trapani das Flüchtlingsschiff Iuventa
Seit einem Jahr liegt die "Iuventa" im Hafen von Trapani.
Quelle: imago

Was macht ein Seenotretter ohne Schiff? "Tja, das ist eine gute Frage", sagt Julian Pahlke, und seufzt. Vor einem Jahr hatte seine Organisation "Jugend Rettet" noch ein Schiff, die "Iuventa". In 15 Missionen hatten die Seenotretter mehr als 16.000 Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer gerettet. Doch dann beschlagnahmten die italienischen Behörden die "Iuventa". Seitdem liegt sie in einem sizilianischen Hafen - und Pahlke und seine Mitstreiter können nur zuschauen, während auf dem Mittelmeer weiter Menschen sterben.

Pahlke: "Unser erklärtes Ziel ist, noch einmal mit der "Iuventa" rauszufahren - und davon lassen wir uns auch nicht abbringen. Zunächst einmal führen wir dafür ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Denn uns ist klar: Wir haben nichts Falsches getan. Wir haben nur Leben gerettet - auch wenn das politisch offenbar nicht überall gewollt ist. Die Frage ist aber, wie lange das Verfahren dauert. Deshalb unternehmen wir auch einiges an Land. Wir versuchen das, was wir auf dem Mittelmeer erlebt haben, zu vermitteln. Wir halten Vorträge, geben Workshops und unterstützen andere Organisationen, die noch rausfahren, wo wir können. Und wir suchen nach immer neuen Wegen, um unserem Auftrag gerecht zu werden."

heute.de: "Ihrem Auftrag?"

Pahlke: "Wir glauben, jeder Mensch verdient die Rettung aus Seenot. Das zu erfüllen, ist unser Auftrag, das ist unser Wille. Welcher Diskurs damit einhergeht, ist da erst einmal unerheblich. Egal ob wir auf der mecklenburgischen Seeplatte oder im Mittelmeer unterwegs sind: Nach der Hautfarbe oder dem Pass zu gucken, bevor man einen Menschen rettet, das gehört für uns einfach nicht dazu."

Lange Liste der Vorwürfe gegen "Iuventa"-Crew

Die Liste der Vorwürfe gegen die "Iuventa"-Crew ist lang. Gegner der Seenotrettung werfen den Aktivisten vor, Flüchtlinge mit ihrem Einsatz überhaupt erst aufs Mittelmeer zu locken. Manche sind sogar überzeugt, die Seenotretter würden direkt mit Schlepperbanden kooperieren.

Ähnliches glaubt auch die ermittelnde Staatsanwaltschaft im sizilianischen Trapani. Sie wirft zehn Besatzungsmitgliedern von damals vor, die "illegale Migration" nach Italien unterstützt zu haben. Erst vor wenigen Tagen hat die Staatsanwaltschaft deshalb ihre Ermittlungen ausgeweitet. Im Falle einer Verurteilung drohen den Besatzungsmitgliedern bis zu 15 Jahre Haft.

Auch gegen Kathrin Schmidt laufen nun Ermittlungen. Sie war Einsatzleiterin auf der "Iuventa", als die italienische Küstenwache das Schiff beschlagnahmte.

Schmidt: "Mit derselben Küstenwache hatten wir zwei Wochen zuvor noch die Rettung von 2.000 Menschen koordiniert. Und dann wurden wir wie Schwerverbrecher von fünf Schiffen mit Blaulicht in den Hafen von Lampedusa eskortiert. Wir hatten zwar beobachtet, dass die Situation für uns immer komplizierter wurde. Wir waren immer mehr öffentlichen Angriffen ausgesetzt. Auch die Zusammenarbeit mit den italienischen Behörden war zu dem Zeitpunkt schon ineffektiver und intransparenter. Trotzdem waren wir schockiert. Vor allem als uns bewusst wurde, mit welchen Maßnahmen gegen uns vorgegangen wurde. Schon Monate vor der Beschlagnahmung wurde unsere Brücke verwanzt. Diverse Telefone wurden abgehört, auch von diversen anderen Nichtregierungsorganisationen. Auf einem anderen Schiff war sogar ein Undercover-Polizist im Einsatz."

Der Seerettung die Schuld in der Flüchtlingskrise zuzuschieben, sei zu simpel, sagt Benedikt Funke, Kapitän des NGO Schiffs "Iuventa". Die Rettungen seien notwendig.

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Pahlke: Prozess "politisch motiviert"

Der verdeckte Ermittler war auf der "Vos Hestia" unterwegs, einem Rettungsschiff der Organisation "Save the Children". Er hat Fotos geschossen, die den italienischen Behörden nun als Beweise dienen. Von "Beweisen" will Julian Pahlke aber nichts wissen, er spricht von einem "politisch motivierten und tendenziösen Prozess, der jeder Grundlage entbehrt".

Pahlke: "Die Beweise, die gegen uns gesammelt wurden, sind völlig aus dem Kontext gerissen. Nichts davon belegt eine Kooperation mit Schleppern - schlicht, weil wir nicht mit Menschenschleppern kooperiert haben. Da wird viel erfunden, um uns kriminelle Machenschaften zu unterstellen. Aber unsere Crew-Mitglieder wissen, dass sie nichts Falsches getan haben, sondern einzig und allein Leben gerettet haben."

Die Frage, "was hätten wir anders machen können?"

Dennoch gehen die Ermittlungen nicht spurlos an Schmidt und Pahlke vorbei. "Die Entscheidung der Behörden, Rettung zu behindern", sagt Schmidt, sei "eine derart menschenverachtende Politik, dass einem da eigentlich schon die Worte fehlen."

Schmidt: "Die große Frage, die wir uns immer wieder stellen, ist: Was hätten wir eigentlich anders machen sollen? Wie hätten wir uns den Behörden nach korrekt verhalten können? Wir hätten uns strafbar gemacht, hätten wir die Leute da draußen ertrinken lassen. Nun sollen wir uns aber auch strafbar gemacht haben, weil wir sie gerettet haben. Aber was gibt es zwischen "Retten" und "Sterben lassen"? Was hätten wir anders machen können?"

In einem Punkt Verständnis für Italien

Trotz der Bedenken haben weder Schmidt noch Pahlke der Seenotrettung den Rücken gekehrt. Sie wollen sich weiter einsetzen, jeder auf seine Weise. Während Schmidt unter anderem die "Sea Watch" bei Aufklärungsflügen unterstützt und ihre Verteidigung organisiert, sucht Pahlke weiter nach Wegen, die "Iuventa" freizubekommen.

heute.de: "Viele Regierungen in Europa haben ihren Kurs in der Flüchtlingspolitik seit der Beschlagnahmung der "Iuventa" noch einmal deutlich verschärft. In Italien dürfen private Seenotretter keine Häfen mehr ansteuern, auf Malta sitzen mehrere Rettungsschiffe fest. Selbst wenn die "Iuventa" nun wieder auslaufen könnte - kann private Seenotrettung unter den gegebenen Umständen überhaupt noch funktionieren?"

Pahlke: "Gestern ist die "Aquarius" wieder ausgelaufen, auch 'Proactiva Open Arms' ist noch aktiv. Seenotrettung funktioniert also noch - und sie muss es auch. Wir haben immer nach dem Gesetz gehandelt. Genau wie die anderen Organisationen. Daraus ergibt sich auch der Anspruch, selbst nach Recht und Gesetz behandelt zu werden. Sowohl das Seerecht als auch die Genfer Flüchtlingskonventionen schreiben vor, dass wir Häfen anlaufen dürfen. Die Politik muss an der Stelle verstehen, dass sie sich nicht über internationales Recht hinwegsetzen kann."

heute.de: "Und wenn sie es doch tut?"

Pahlke: "Italien ist in einer exponierten Situation und muss viel leisten. Wir sagen auch, dass Italien mehr Unterstützung im Umgang mit Geretteten braucht, eine Umverteilung auf die Länder der EU. Da braucht es Solidarität und da muss die Europäische Union beweisen, dass sie wirklich eine Union ist. Das müssen wir Italien zugestehen. Diese Solidarität darf aber nicht erzwungen werden durch geschlossene Häfen - und dadurch die Inkaufnahme von Menschenleben, die da draußen ertrinken."

"Wut, Ohnmacht und absolutes Unverständnis"

Dass es momentan dennoch in Kauf genommen werde, sagt Pahlke, mache ihn "extrem wütend".

Pahlke: "ir wissen, wie es dort draußen aussieht. Wir kennen die Bilder. Wir hätten ein Schiff und die Freiwilligen, die dort rausfahren könnten - aber nicht dürfen. Und das erzeugt Wut, Ohnmacht und absolutes Unverständnis, dass so etwas mittlerweile zu Europa gehört und dass das einfach so hingenommen wird."

Grafik: Waldrapp-Flugroute
Noch immer versuchen Tausende Menschen über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. In den letzten Wochen gewinnt dabei die Route über Spanien an Bedeutung. Aktuelle Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zeigen, dass allein in den vergangenen Wochen Tausende die Überfahrt nach Spanien probiert haben. Diese Zahlen sind in der vorliegenden Grafik, die sich auf Daten der europäischen Grenzschutzagentur Frontex von Januar bis Juni 2018 beruft, noch nicht berücksichtigt.
Quelle: ZDF

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