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Kihnu in Estland - Mittsommer auf der Insel der Frauen

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Keine Polizei, kein Arzt, Frauen bestimmen das öffentliche Leben: Kihnu in Estland, eine Insel mit besonderen Traditionen. Mittsommer auf einer Insel, auf der die Zeit still steht.

Auf der kleinen Insel Kihnu in Estland ist das Leben sehr besonders.

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Das Fischerboot steht lichterloh in Flammen. Langsam fallen die Seitenwände des Bootes auseinander. Drumherum herrscht buntes Treiben. Die Menschen tanzen ausgelassen, sitzen auf den Wiesen, singen, trinken und unterhalten sich angeregt. Kihnu, eine kleine estnische Insel in der Rigaischen Bucht, feiert das wohl wichtigste Inselfest: die Mittsommernacht. Jaan Lepik hat das Boot in Flammen gesetzt. Es ist eine alte Tradition: Das brennende Fischerboot soll der kleinen Insel und ihren Bewohnern Glück, Reichtum und natürlich gute Fänge einbringen.

Das Anzünden des Bootes übernimmt immer ein Mann. Zweite Bedingung: Er muss den Vornamen Jaan tragen. Doch eigentlich haben hier die Frauen das Sagen. Während die Männer als Fischer oder Seehundfänger die Tage auf See verbringen, kümmern sich die Frauen um die Landwirtschaft, das Heim, die Kindererziehung und die Organisation des Lebens auf der Insel, auf der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint.

Kihnu-Frauen tragen Kört

Elly Karjam ist eine dieser tapferen Kihnu-Frauen. Ellys Arbeitsplatz ist der höchste Punkt der Insel. Sie ist die Leuchtturmwärterin von Kihnu. Der Wind peitscht ihr ins Gesicht, schwarze Wolken türmen sich auf der Ostsee auf. In Kürze werden sie Kihnu erreichen und der Strom wird für kurze Zeit ausfallen. "Das Meer bedeutet für uns Frieden, Freude und auch Traurigkeit. Das Meer bringt uns Glück, wenn der Fischfang gut ist. Das Meer bringt uns aber auch Trauer, wenn unsere Männer im Sturm mit den Booten untergehen und ertrinken. Das Meer ist aber auch Sehnsucht. Ohne das Meer könnte ich nicht leben", sagt Elly auf dem Balkon unter dem Leuchtfeuer, während ihr Rock im Wind weht.

Elly trägt jeden Tag Rock - bei Wind und Wetter. Hier heißt er Kört. Auf Kihnu tragen alle Frauen Röcke. An der Farbe ihrer Röcke erkennt man die Stimmung der Inselfrauen. Es gibt Kirchenröcke, Feiertagsröcke, den Sonntagsrock, den Arbeitsrock und den Hausrock. Die Mädchen tragen Röcke in der Schule und ältere Bewohnerinnen haben einen speziellen Kört für die Kartoffelernte. Ellys Rock ist dunkelblau in der Grundfarbe. Zarte rote Längsstreifen ziehen sich durch den Rock. Es ist Ellys Trauerrock. Vor wenigen Monaten gab es einen Trauerfall in der Familie. Das Pflegen dieser Tradition veranlasste die UNESCO Kihnu auf die Liste des immateriellen Kulturerbes aufzunehmen. Tradition wird vielleicht nirgendwo so sehr gepflegt wie auf Kihnu: Kleidung, Handwerk, Feste und Brauchtümer.

Mehr Gäste kommen auf die Insel

Obwohl Elly ihren Trauerrock trägt, ist sie eine fröhliche Frau. Sie hat stets ein Lachen im Gesicht. Der Stolz über ihre Insel schwingt in jedem Satz mit und sie freut sich, dass zunehmend über ihre Insel in den Medien berichtet wird: "Das ist uns sehr wichtig. Die Menschen sollen wissen, dass es unsere Insel gibt und wie lebendig unsere Kultur ist. Langsam kommen immer mehr Besucher zu uns." Elly hat sich ein paar Gästezimmer in ihrem Holzhaus eingerichtet. Wer bei Elly unterkommt, wird in ihr Leben integriert: Man schläft in ihrem Haus, frühstückt gemeinsam und nutzt den Wohnraum mit. Derzeit sind bei ihr zehn Leute einquartiert. Alle teilen sich ein Bad und ein Plumpsklo im Garten. Das Mittsommerfest zieht unzählige Esten auf die Insel, die gemeinsam mit den Insulanern den Insel-Tag feiern wollen.

Offiziell sind auf Kihnu 700 Bewohner gemeldet. "Als wir im Winter die Einwohner gezählt haben, sind wir nur auf 300 Bewohner gekommen. Viele haben hier Häuser, leben aber im Winter auf dem Festland", stellt Elly fest. Ihre Kinder haben die Insel auch verlassen. Die Tochter lebt und arbeitet in Tallinn, der Sohn macht Work & Travel in Australien. Tochter Pille kann sich nicht vorstellen, nach Kihnu zurückzukehren, aber bei ihrem Sohn ist sich Elly sicher: Er wird nach Kihnu zurückkehren.

Kihnu ist gelebte Gastfreundschaft

Auf Kihnu gibt es keine Straßenlaternen, keine Gehwege, keine Polizei und keinen Arzt. Fahrräder werden nicht angeschlossen, Autos nicht abgeschlossen und die Wohnungstür erst recht nicht. Wenn man das Haus verlässt, dann lehnt man einen Stock an die Tür. So wissen die Nachbarn, dass niemand zu Hause ist. Ein größerer Laden befindet sich im Inselzentrum in der Ortschaft Sääre. Eigentlich ist es ein größerer Kiosk, der aber doch alles hat, was man zum Leben braucht. Zweimal die Woche kommt die Lieferung vom Festland. Obst, Gemüse, Motoröl, Strumpfhosen, Grillwürstchen und Gummistiefel. Es bilden sich Schlangen im Laden und es wird der neuste Inseltratsch ausgetauscht. Eine Straße weiter stehen die Kirche, die Grundschule und das Inselmuseum. Ein Imbiss, der nur bei schönem Wetter öffnet, ist direkt an der Hauptkreuzung der Insel. Hier kreuzen sich die vier wichtigsten Straßen. Weite Wiesen, dichte Kiefernwälder, menschenleere Strände, Fischerboote im Schilf und Schafe dominieren die Landschaft von Kihnu.

Es ist eine Reise in die Vergangenheit. Kihnu ist der Gegensatz zur hippen Hauptstadt Tallinn, aber vielleicht sind die Menschen hier noch ein bisschen glücklicher. Kihnu ist kein Bullerbü, aber dafür ist es authentisch. Es ist kein Museumsdorf, sondern gelebte Gastfreundschaft. Man fühlt sich hier selbst schnell wie zu Hause.

Paradies für Naturliebhaber

Am wichtigsten Fest des Jahres, dem Mittsommerfest, verschwimmen Tag und Nacht, denn so richtig dunkel wird es während der Sommersonnenwende auf Kihnu nicht. Obwohl die weißen Nächte ein paar Touristen anziehen, ist Kihnu immer noch ein Paradies für Naturliebhaber und Ruhesuchende - fernab von jeglichem Luxus. An normalen Tagen kann es schon einmal vorkommen, dass man gar keinem Menschen auf der Insel begegnet.

Am frühen Morgen nach dem Mittsommerfest zeigt sich, wie gut sich die Insel, ihre Bewohner und die Gäste selbst organisieren: Am Ende des Fähranlegers auf dem Festland hat sich die Polizei aufgestellt. Jeder Fahrer, der mit dem ersten Schiff von der Insel kommt, muss zum Alkoholtest antreten. Das Ergebnis: Kein Fahrer hat Alkohol im Blut. Auf Kihnu ist die Welt doch noch irgendwie in Ordnung.

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