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Mobilitätswende: Ein teurer Traum

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Wo es in Stadt und Dorf hängt - Mobilitätswende: Ein teurer Traum

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In der Stadt kein Wohnraum, auf dem Dorf keine Alternative zum Auto und wenig Jobs: Soll die Mobilitätswende gelingen, muss die Politik erstmal viel Geld in die Hand nehmen.

Der morgendliche Berufsverkehr in Berlin. Archivbild
Der morgendliche Berufsverkehr in Berlin.
Quelle: Michael Kappeler/dpa

Man kann ja noch träumen: von einer staufreien Stadt mit sauberer Luft, wenig Lärm, viel Grün, viel Platz für Fußgänger und Verkehrsmittel, mit denen man schnell und bequem ans Ziel gelangt. Für jemanden, der auf dem Land lebt, hieße das aber, ein Dorf zu haben, in dem es kein Problem ist, einzukaufen oder zügig zur Arbeit, in die Schule oder zum Arzt zu kommen - und das alles ohne Auto.

Die Realität sieht anders aus. Jeden Morgen bewegen sich die Blechlawinen in die Städte und ab dem Nachmittag wieder heraus. Warum ändert sich das nicht? Zunächst hat dies strukturelle Gründe. In den Städten sind immer mehr Arbeitsplätze entstanden. Doch die Zahl der Wohnungen hat bisher bei weitem nicht mit der Zahl der Arbeitsplätze mithalten können. Die Folge: Wohnraum wird immer teurer. Die Menschen müssen ins Umland ziehen, wo dann auch die Preise immer mehr ansteigen. Es ist eine Welle, die schon sehr weit ins Umland geschwappt ist.

47 Millionen Autos sind in Deutschland zugelassen

So pendeln bei uns mittlerweile an jedem Werktag elf Millionen Menschen zur Arbeit. Deutschland ist zum Pendlerland geworden, und dabei steigen die Entfernungen vom Wohn- zum Arbeitsplatz stetig. Auch die Zahl der zugelassenen Fahrzeuge hat mittlerweile 47 Millionen erreicht. Ein solches Verkehrsaufkommen bringt zu den Stoßzeiten das Verkehrswegenetz an seine Grenzen, belastet Umwelt und Gesundheit.

Politik, Kommunen und die Wirtschaft suchen nach Lösungen. Das Verbrennerfahrzeug durch das Elektroauto ersetzen. Den öffentlichen Nahverkehr massiv ausbauen. In den Städten weitere Mobilitätslösungen einsetzen wie Carsharing, Sammeltaxi, E-Bike oder E-Roller. Bringt das alles die vielbeschworene Mobilitätswende? Klar ist: Einfach 47 Millionen Benzin-und Dieselautos durch 47 Millionen E-Fahrzeuge zu ersetzen - das funktioniert nicht. Es müssen unter dem Strich vor allem in der Stadt weniger Autos fahren. Also sich aufs Fahrrad schwingen oder in die Bahn oder den Bus steigen? Dafür muss sich im Land einiges ändern.

Die Schweiz ist beim Verkehr Musterland

Vorbilder gibt es genug. Was Busse und Bahnen betrifft, ist die Schweiz das Musterland. Viele Milliarden Franken haben die Eidgenossen in ihren Öffentlichen Personennahverkehr gesteckt. Von der Seilbahn über den Linienbus bis hin zu Bahn und sogar Schiff ist alles miteinander vertaktet. Das war teuer. Aber die Bevölkerung hat das akzeptiert und nutzt die Verkehrsmittel auch.

Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren beispielsweise viele Menschen in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen. Das erreicht man nicht, wenn nur Striche und Fahrradsymbole auf den Asphalt gepinselt werden. Kopenhagens Fahrradwege sind richtige Straßen neben der Straße fürs Auto, physisch abgetrennt durch Bordsteine oder andere Mittel. Mittlerweile fahren in Kopenhagen fast Zweidrittel der Menschen mit dem Rad zur Arbeit. 43 Prozent aller Fahrten werden dort mit dem Drahtesel erledigt. In Berlin sind es zum Beispiel nur 13 Prozent. Ein erster Ansatz in Deutschland ist der Radschnellweg RS 1 im Ruhrgebiet, der vor allem Pendler ansprechen soll. Über eine Distanz von 100 Kilometern soll diese neue Fahrradautobahn verschiedene Ruhrstädte verbinden.

Es gibt auch unkonventionelle Lösungsansätze wie Kleinbusse. Die Kunden können sie "on demand" per Handy-App bestellen. Ein Rechenprogramm sucht für alle Fahrgäste die optimale Strecke durch die Stadt. Es gibt sie derzeit in Hamburg und Hannover.

Enttäuschung beim Carsharing

Für eine bessere Mobilität in der Stadt probiert man es aber auch mit Carsharing, Fahrrad oder seit einigen Monaten mit dem E-Roller. In Berlin stehen mittlerweile mehr als 5.000 Carsharing-Fahrzeuge verschiedener Anbieter bereit. Doch Untersuchungen zeigen, dass beim Carsharing mehr Fahrten entstanden sind und somit der innerstädtische Verkehr sich erhöht hat. Ohne Carsharing hätten die Leute Fahrrad, Taxi oder den öffentlichen Nahverkehr genutzt. Außerdem vermindern die Carsharing-Fahrzeuge den Parkraum in der Stadt.

Parkplätze teurer machen, eine Citymaut wie in London oder Oslo einführen, das sind weitere Instrumente, die ausprobiert werden. Die bevorstehende CO2-Bepreisung geht in dieselbe Richtung. Letztendlich wird Autofahren teurer werden, was den einen oder anderen dann doch bewegen könnte, sein Auto abzuschaffen. Versüßt werden kann dies mit einem preiswerten ÖPNV-System wie zum Beispiel in Wien, wo man pro Tag nur einen Euro bezahlen muss.

Archiv: Eine Bushaltestelle am 23.07.2005 bei Hintersee (Mecklenburg-Vorpommern)
Ohne Auto sind die Menschen bei Hintersee in Mecklenburg-Vorpommern zum Warten auf den Bus verdammt. Und das kann dauern.
Quelle: picture alliance / blickwinkel

Auf dem Land gibt es das eigene Auto noch lange

Auf dem Land wird das alles nur schwer umsetzbar sein. Busse fahren hier oft nur im Zwei-Stunden-Takt oder noch seltener. Das eigene Auto ist dort noch lange das Verkehrsmittel der ersten Wahl. Hier könnte das Elektroauto helfen, denn viele haben außerhalb der Städte die Möglichkeit, in der Garage oder auf dem Stellplatz ihr Auto zu laden. 17,5 Millionen Einfamilienhäuser wies das Statistische Bundesamt 2017 aus; ein großes Potential. Es braucht also ein neues Verständnis von Mobilität, denn der Verkehr gehört seit langem zu den größten Klimasündern.

Bleibt also letztendlich nur ein massiver Ausbau bei Bus und Bahn. Mehr Züge, billigere Bahntickets, hier muss die Politik durch massive Investitionen klar Flagge zeigen wie das zum Beispiel in der Schweiz passiert. Mit den zur Verfügung stehenden Instrumenten ist es schon längst an der Zeit, den Verkehr neu zu denken und dabei aber die Bedürfnisse der Menschen nicht zu vernachlässigen.

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