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Zweite Tannbach-Staffel startet - Mödlareuth: "Grenzdurchbrüche nicht zulassen"

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Die innerdeutsche Grenze zerschnitt 40 Jahre das Land. Auch Mödlareuth trennte eine tödliche Mauer. In der ZDF-Serie heißt es Tannbach. Die DDR-Grenzer standen immer unter Druck.

Tannbach - Schicksal eines Dorfes 4
Szene aus Folge 4: Die Grenze trennt die trauernde Mutter Theresa Schober (Eli Wasserscheid, l.) im Westen von ihrer eigenen Mutter Lisa Prantl (Senta Auth) im Osten.
Quelle: ZDF und Julie Vrabelova

1.393 km lang war die innerdeutsche Grenze von Lübeck bis Hof. Weit über 100.000 DDR-Bürger versuchten zu flüchten. Die meistern scheiterten, mehrere Hundert starben. "Wir waren immer unter Druck", betont Lutz Jaschke (Name von Redaktion geändert), über 25 Jahre lang DDR-Grenzer. Mödlareuth war ein neuralgischer Punkt. Hier sollte die Grenze um jeden Preis "sauber gehalten" werden. Das Dorf wurde "Little Berlin" genannt.

Der erfahrene Aufklärungsoffizier ist seit vielen Jahren Rentner. Als Aufklärer kannte er jeden Grashalm, jeden Winkel wie seine Westentasche. "Ich hatte oft eine 100-Stunden-Woche." Wenn Grenzalarm war, hieß es für ihn sofort ausrücken, um "Grenzdurchbrüche nicht zuzulassen", wie es hieß. Mödlareuth sei ein heißes Pflaster gewesen, man habe jedoch die Lage in "Little Berlin" immer im Griff gehabt. "Wir standen von Westen mächtig unter Beobachtung. Jeder Schritt, jede Aktion wurde beobachtet."

Der Tannbach fließt seit Menschengedenken durch Mödlareuth. Viele Jahrhunderte lebten links und rechts des Bächleins Bauernfamilien. Einzige Besonderheit: Eine Seite gehörte zum Königreich Bayern, die andere zur Grafschaft Reuß in Thüringen. Mödlareuth hatte eine Schule, ein Wirtshaus und einen Männergesangsverein. Gemeinsam gingen die Mödlareuther in die Kirche,  gemeinsam zogen die Männer in den Krieg.

"Angst vor Fahnenfluchten"

Als Hitlers Weltkrieg verloren ging, marschierte im April 1945 zuerst die US-Armee ein. Nach dem Abkommen von Jalta rückte im Juli 1945 die Rote Armee nach. Das Dorf wurde geteilt: Der thüringische Teil gehörte fortan zur sowjetischen, der bayerisch-fränkische zur amerikanischen Zone. Von nun an gab es Mödlareuth-Ost und -West. Das 100-Seelen-Dorf wurde zum Zankapfel und Spiegelbild des Kalten Krieges. Im Mai 1952 errichtete die DDR einen Bretterzaun. Kurz darauf wurden in der Aktion "Ungeziefer" missliebige Bewohner zwangsausgesiedelt. Die Obere Mühle wurde abgerissen, eine Fünf-Kilometer-Sperrzone eingerichtet, die ohne Passierschein nicht betreten werden durfte. 1958 zogen die Grenzer quer durch das Dorf einen Stacheldrahtzaun, bis schließlich im Frühjahr 1966 eine 700 Meter lange Betonmauer folgte. Genau wie in Berlin.

Zweite Tannbach-Staffel

Für Mödlareuth war das DDR-Grenzregiment 10 zuständig. Genau genommen die sechste Grenzkompanie, zu der Hauptfeldwebel Max Melitzke (Name von Redaktion geändert) gehörte. "Ich war in Juchhöh stationiert, eine kleine, fast familiäre Grenzkompanie. Wir hatten eine gute Kameradschaft", erklärt der einstige Grenzer, und "einen echten Draht zur Bevölkerung, die uns unterstützte. Im Gegenzug halfen wir bei der Ernte oder räumten im Winter die Straßen". Grenzer-Romantik? Verklärung? Melitzke schüttelt den Kopf. "Das war wirklich so. Angst hatten wir nur vor Fahnenfluchten. Dann wurde es brenzlig." Melitzke beteuert: "Ich hatte das große Glück, nie die Schusswaffe anwenden zu müssen."

Einzige gelungene Flucht im Mai 1973

Im Mai 1973 gelang die einzige Flucht von Mödlareuth. Ein 34-jähriger Kraftfahrer mit Ortskenntnissen und Passierschein fuhr seinen Kleinlaster am späten Abend in den Hof der Unteren Mühle. Hans-Jürgen S. parkte den B-1000 direkt an der Betonmauer. Mit Hilfe einer auf das Dach des Wagens gestellten Leiter kletterte der Mann in den Westen. Der Postenführer entdeckte ihn, schoss aber nicht. Dafür gab es zehn Tage Einzelhaft. Das Haus wurde später abgerissen. "In der Mühle wohnte ein Oberst der DDR-Grenztruppen, der hat nichts bemerkt", erinnert sich der Grenzer: "Es gab mächtigen Ärger."

DDR-Aufklärer Lutz Jaschke kann eine andere Begebenheit im Grenzdorf nie vergessen. "Wir hatten auf der Westseite ständig Besucher. Auch hohe Gäste wie Franz Josef Strauß, Bundespräsident Karl Carstens oder den damaligen US-Vizepräsidenten." Als George Bush senior im Februar 1982 am Tannbach die Grenzanlagen inspizierte, schoss Jaschke aus nächster Nähe Fotos. "Ich kauerte keine fünf Meter entfernt in meinem Versteck." Jaschke gelangen gestochen scharfe Bilder, die er nach Dresden an die sowjetische Militärspionage weiterleitete. Dort war ein junger Major zuständig. Sein Name: Wladimir Putin. "Die müssen bei ihm auf dem Tisch gelandet sein", lächelt Jaschke. Ihm ist auch noch wichtig zu betonen, dass er selbst "nie an der Grenze geschossen" habe.

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