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Verkauf an Peugeot-Citroën - Wie PSA-Chef Tavares Opel umparken könnte

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Der anstehende Verkauf von Opel an den französischen Autobauer Peugeot-Citroën (PSA) beschäftigt die Politik. Politiker bemühen sich, Zuversicht zu verbreiten - so auch heute im hessischen Landtag. Experten bezweifeln aber, dass der Deal ohne Arbeitsplatzverluste funktioniert.

Für den Fall einer Übernahme von Opel hat der Chef des französischen Autobauers PSA, Carlos Tavares, eine Zusammenarbeit mit den deutschen Gewerkschaften versprochen. Tavares erneuert seine Job- und Standortgarantie.

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"Wir müssen diesen einen Satz hinbekommen, der die nächsten 20 bis 30 Jahre für die Marke Opel steht." Als Opel-Marketingchefin Tina Müller im Oktober 2016 die Suche nach einem Nachfolger für den erfolgreichen Opel-Werbeslogan "Umparken im Kopf" bekannt gab, ahnte noch niemand, dass wohl bald viele Opelaner umparken müssen.

Opel-Kampagne: "Umparken im Kopf"
Erfolgreiche Opel-Kampagne "Umparken im Kopf". Quelle: dpa

Die Mitarbeiter sind ob der bevorstehenden Übernahme durch Peugeot-Citroën verunsichert, die Politik nervös - und die Analysten begeistert. Schlechter als mit General Motors, meinen viele Experten, werde Opel unter den Franzosen schon nicht fahren.

Garantien bis 2018 und 2020

Zumal die Nachricht von Garantien wie Balsam auf die viel geschundene Opelaner-Seele wirkte: Carlos Tavares, Chef des übernahmewilligen französischen Konzerns PSA, versicherte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Garantien für Standorte und Arbeitsplätze in Deutschland zu akzeptieren.

Allerdings sind die Zusagen zeitlich überschaubar: Die rund 19.000 deutschen Opel-Beschäftigten sollen bis Ende 2018 vor betriebsbedingten Kündigungen geschützt werden. Bis 2020 soll an den drei deutschen Opel-Standorten in Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach sowie am Ersatzteilzentrum in Bochum festgehalten werden. Die Angst war groß bei den Opelanern, dass nach dem wahrscheinlichen Verkauf von General Motors an PSA die Franzosen kurzen Prozess machen und versuchen wollen, Opel in die schwarzen Zahlen schrumpfen zu lassen.

Archiv: Carlos Tavares am 16.09.2015 in Frankfurt
PSA-Chef Carlos Tavares. Quelle: dpa

Diese Gefahr ist vorerst gebannt - doch das ist auch die einzige gute Nachricht, mit der sich Politiker und Gewerkschaftler feiern lassen. Die Nervosität ist groß, schließlich ist Wahljahr, da zählt jede Stimme. Kein Politiker will sich nachsagen lassen, nicht genug für die Rettung deutscher Arbeitsplätze getan zu haben. Schon gar nicht Angela Merkel, die SPD-Herausforderer Martin Schulz mit dem Thema soziale Gerechtigkeit im Nacken hat.

PSA-Chef hat den Spitznamen "Le Costkiller"

Während Politiker sowohl in Berlin als auch in den Landtagen von Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen debattieren, welche Chancen und Risiken mit der französischen Opel-Übernahme verbunden sind, insgesamt aber zu einem optimistischen Grundtenor anstimmen, sehen Automobil-Experten die Übernahme deutlich kritischer.

Viele erinnern sich an den Werkzeugkasten, mit dem der gebürtige Portugiese Tavares einst im Auftrag von Renault den japanischen Nissan-Konzern auf Vordermann brachte. Hier hat er den Spitznamen "Le Costkiller" erworben. "Nissan war hoffnungslos verschuldet und saß tief in Verlusten", berichtet Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft. Tavares' Strategie sei es gewesen, "Doppelfunktionen zu streichen, damit die Kosten deutlich zu reduzieren und bessere Einkaufspreise zu erreichen".

Vieles spricht dafür, dass der "Costkiller" Tavares seine Nissan-Strategie nun auf Opel anwendet. Die Opel-Kosten sind viel zu hoch, sonst würde Opel trotz guter Image-Werte eine höhere Gewinnmarge haben. Opel konnte viele Autos nur mit hohen Rabatten oder als Gebrauchtwagen über Eigenzulassungen loswerden. "Das kostet Geld und geht auf die Marge", sagt Stefan Bratzel, Professor für Automobilwirtschaft.

Strenges Sparen und Rationalisieren

Nicht nur Nissan, auch PSA war lange Zeit ein Sorgenkind mit roten Zahlen. Doch Tavares schaffte es, mit ähnlichen Rezepten innerhalb von rund zwei Jahren den Konzern in die Gewinnzone zu fahren. Strenges Sparen und Rationalisieren dürfte Tavares nun auch Opel verordnen. Was Gewerkschaftler hoffen lässt: Das Ziel "back in the race" (zurück im Rennen), das Tavaras für PSA vorgab, schaffte er bislang ohne Stellen-Streichungen.

Doch der Verkauf von mehr Autos bedeutet nicht automatisch schwarze Zahlen - von daher sei "zwangsläufig" von "Umstrukturierungen" auszugehen, ist sich Automobil-Experte Dudenhöffer sicher. "Niemand kann sich Doppelstrukturen leisten. Überflüssiges wird abgebaut, Leute werden entlassen. Es wird ein klassisches Restrukturierungsprogramm geben."

Laut Dudenhöffer hat Opel den Fehler gemacht, nicht ins obere Mittelklasse-Segment einzusteigen. "Ford hat die Kurve geschafft: Ein besseres Angebot an höherwertigen Fahrzeugen, viele SUV. Opel hat mit einer starken Werbung gepunktet, aber nicht an den Produkten gearbeitet", kritisiert Dudenhöffer.

"Opel muss schwarze Zahlen schreiben"

Von daher glaubt Dudenhöffer auch nicht, dass die Übernahme geschmeidig über die Bühne gehen wird. "Als Garantien wurden die Jahre 2018 und 2020 genannt. Natürlich werden diese Garantien eingehalten, aber davon kann man sich nichts kaufen, weil danach die Karten neu gemischt werden", sagt Dudenhöffer.

Auch Automobil-Experte Stefan Bratzel geht von Garantien mit kurzer Halbwertzeit aus: "Die Garantien sind eine politische Antwort. Das muss der Opel-Chef so sagen, sonst gäbe es erhebliche Widerstände. Allen ist klar, dass Opel schwarze Zahlen schreiben muss. PSA wird Opel nicht mitschleppen, wie es General Motors gemacht hat", sagt Bratzel. Früher oder später müssten womöglich die Standorte Kaiserslautern und Eisenach dran glauben. "Wenn sich die Auslastung nicht ändert, dann werden Werke geschlossen", prophezeit Bratzel.

Zu den vielbeschworenen Argumenten, mit denen manche sich die Übernahme schön reden wollen, gehört auch der Umstand, dass Opel bislang nur in Europa verkauft wird. Das Vertriebsnetz von PSA, so die Experten, könnten neue Absatzmärkte in Amerika und in China eröffnen. Doch von dieser These hält Dudenhöffer wenig: "Es lohnt sich für Opel nicht, nach China zu exportieren. Man bräuchte Milliarden, um die Marke dort bekannt zu machen. Das lohnt sich nicht in einem Land, in dem es genügend Kleinwagenmarken gibt."

Opel für China wohl uninteressant

Auch Bratzel gibt zu bedenken: "Das Niedrigpreis-Segment ist für Opel in China uninteressant. Deutsche Ingenieurskunst ist in China gefragt, aber eher im Premium-Bereich." Und so sind viele gespannt, welche Strategie Carlos Tavares dem Opel-Konzern nach der Übernahme verordnen wird. Und was Umparken bei Opel dann außer "Costkilling" bedeutet.

Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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