Sie sind hier:

Zeitzeugen zu Montagsdemos - "Kommen wir auch wieder raus?"

Datum:

9. Oktober 1989 in Leipzig: Elke Urban, Horst Kisnat und Frank Pörner waren in Kirchen, auf der Straße, als Tourist oder Bürgerrechtler unterwegs. So haben sie "ihren" Tag erlebt.

Zeitzeugen berichten von dem Beginn der Friedlichen Revolution in Leipzig. Der 9. Oktober 1989 wurde zum Schlüsseldatum für die deutsche und die europäische Geschichte. Das 30-jährigen Jubiläum wird in Leipzig groß gefeiert.

Beitragslänge:
6 min
Datum:

Der Tag – der 9. Oktober 1989 – hatte eine lange Vorgeschichte; die DDR, der ganze Ostblock – taumelte dem Ende entgegen. Im Mai 89 schaffte es der Staat nicht, die Gerüchte um die gefälschte Kommunalwahl zu dämpfen: 98 Prozent Zustimmung für die "Kandidaten der Nationalen Front" – das glaubte in Leipzig keiner mehr. Im Juni schlug China eine Demonstration auf dem "Platz des Himmlischen Friedens" in Peking blutig nieder und das Politbüro der DDR zollte Beifall.

Keine Angst mehr

Im Sommer demonstrierten Leipziger um ihre Ausreise durchzusetzen, andere Demonstranten riefen später: "Wir bleiben hier" – und zeigten damit deutlich, dass sie keine Angst mehr hatten, einen Systemwechsel zu fordern. Während der Leipziger Herbstmesse filmten westdeutsche Kamerateams in Leipzig Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten. Die ganze DDR erfährt so, was sich grad in Leipzig zusammenbraute. Im September öffnet Ungarn dauerhaft seine Grenze und die DDR lässt die Botschaftsflüchtlinge in Prag ausreisen – um drei Tage später die Grenze nach Tschechien zu schließen. Weil die DDR schon Anfang der achtziger Jahre auch die Visafreiheit für Polen abgeschafft hatte, war das Land nun praktisch und faktisch abgeschottet.

Erst Lethargie – nun Aktionismus?

Elke Urban (Leipzigerin)
Elke Urban aus Leipzig
Quelle: ZDF

Den ganzen Sommer hatte das DDR-Politbüro in Lethargie vorbeiziehen lassen – nun, am Montag, dem 9.Oktober schien davon in Leipzig nichts übrig. 60 Schuss Munition seien an jeden Uniformierten ausgegeben worden, Blutkonserven lägen in den Krankenhäusern bereit, Betten seien geräumt worden – Gerüchte wie diese, dazu Ansprachen von Lehrern und Vorgesetzten an Schüler und Mitarbeiter sollten wohl die Leipziger abhalten, nachmittags die Innenstadt aufzusuchen. Das blieb nicht ohne Wirkung. "Ich fühlte mich durch meinen Glauben immer behütet", berichtet Elke Urban, "doch an diesem Montag was das anders."

Die Leipzigerin hatte sich mit ihrem Mann seit  Wochen immer abgewechselt, einer war montags zu den Demos gegangen, einer war zu Hause bei den Kindern geblieben. Am 9. Oktober eilte Elke Urban aus dem Friedengebet in der Thomaskirche nach Hause, um ihren Mann und ihren 14-jährigen Sohn noch aufzuhalten, doch sie kam zu spät, beide hatten sich schon auf den Weg ins Stadtzentrum gemacht.

Keinen Anlass geben einzuschreiten

Frank Pörner (Gründungsmitglied Neues Forum Leipzig)
Frank Pörner, Gründesmitglied des Neuen Forums Leipzig.
Quelle: ZDF

Frank Pörner, Mitbegründer des "Neuen Forum" in Leipzig saß zu dieser Stunde schon im Friedensgebet in der vollkommen überfüllten Nikolaikirche. "Ich weiß noch, wie ich durch die Ketten der Uniformierten gegangen war und dachte – 'ok, rein komme, ich, aber komme ich auch wieder raus?'", erzählt der heute 69-Jährige.

Beim Friedensgebet flackerte das Blaulicht der Polizei durch die Kirchenfenster und keiner wusste, wie der Abend enden würde. Fest stand aber für alle, dass hier niemand Gewalt provozieren würde. Das hatte sich schon bei früheren Demos bewährt: "Wenn es mal Reibereien gab, dann haben andere sofort eingegriffen, um der Polizei keinen Anlass zu geben einzuschreiten", erinnert sich Pörner.

Horst Kisnat (Tourist aus Münster, am 9. Oktober in Leipzig)
Horst Kisnat, Tourist aus Münster.
Quelle: ZDF

Die Polizisten vor der Kirche ahnten damals sicher nicht, dass in ihrer unmittelbaren Nähe auch ein Kollege stand – nur eben einer aus dem anderen Teil Deutschlands. Horst Kisnat aus Münster verbrachte die Tage zufällig in Leipzig, und wollte nicht verpassen, wenn dort Geschichte geschrieben wird.

Den heute 66-jährigen Rentner befällt immer noch eine Gänsehaut, wenn er berichtet, wie der Ruf "Wir sind das Volk" in den Häuserschluchten der Innenstadt widerhallte. Er ließ den Zug der Demonstranten an sich vorbeiziehen, sie umrundeten einmal den Innenstadtring. "Als sie loszogen", erzählt Kisnat heute, "gingen sie ängstlich und unsicher. Als sie wiederkamen, schien jeder von ihnen mindestens einen Meter gewachsen." 

Was wirklich am 9. Oktober geschehen war, das erschloss sich den Leipzigern erst in den Tagen danach. "Dass wirklich ein System zusammenbrechen kann, ohne dass auch nur eine einzige Glasscheibe zu Bruch geht", lässt Elke Urban auch heute noch den Kopf schütteln. Für sie wäre der 9. Oktober der bessere Nationalfeiertag für Deutschland, weil es friedlich blieb. "Übrigens", - und diese Ergänzung ist Elke Urban wichtig - "von beiden Seiten."

Thomas Bärsch ist Reporter im ZDF-Landesstudio Sachsen.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Sie haben sich mit diesem Gerät ausgeloggt.

Sie haben sich von einem anderen Gerät aus ausgeloggt, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Ihr Account wurde gelöscht, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.

An dieser Stelle würden wir dir gerne die Datenschutzeinstellungen anzeigen. Entweder hast du einen Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiviert, welcher dies verhindert, oder deine Internetverbindung ist derzeit gestört. Falls du die Datenschutzeinstellungen sehen und bearbeiten möchtest, prüfe, ob ein Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiv ist und schalte es aus. So lange werden die standardmäßigen Einstellungen bei der Nutzung der ZDFmediathek verwendet. Dies bedeutet, das die Kategorien "Erforderlich" und "Erforderliche Erfolgsmessung" zugelassen sind. Weitere Details erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.