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Hass und Wut: Der Preis der Volksnähe

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Drohungen gegen Politiker - Hass und Wut: Der Preis der Volksnähe

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Die Ermordung von Walter Lübcke erschüttert Deutschland. Auch weil sie einen Hass ans Licht bringt, dem viele Politiker ausgesetzt sind - vor allem Politiker an der Basis.

Proteste gegen rechte Gewalt in Berlin: Demonstranten halten Transparent "Stoppt die rechte Gewalt" am 18- Juni 2019
Proteste gegen rechte Gewalt in Berlin nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke. (Archiv)
Quelle: dpa

Markus Nierth ist auf dem Weg nach Berlin. Der frühere Bürgermeister von Tröglitz in Sachsen-Anhalt wird sich am Donnerstagabend den Fragen der ZDF-Moderatorin Maybrit Illner stellen. Nierth hat mit sich gerungen, ob er wieder in die Öffentlichkeit gehen soll. Denn er weiß: Haltung hat ihren Preis.

Druck von rechts: Kunden springen ab

Markus Nierth
Markus Nierth - früherer Bürgermeister von Tröglitz.
Quelle: dpa

Wenn der evangelische Theologe Nierth seine Stimme gegen Rassismus und für Humanität erhebt, dann erhält er viel Zuspruch, aber auch viel Gegenwind. Die Tanzschule, die er mit seiner Frau betreibt, erlebe "deutliche Umsatzeinbußen aufgrund von rechter Hetze", berichtet Nierth. Der Druck von rechts mache den Cha-Cha-Cha politisch. Und selbst Beerdigungen: Die Buchungen als Grabredner seien zurückgegangen, sagt Nierth. Hinzu kämen Schmäh-Briefe, Beleidigungen und Bedrohungen. "Ich möchte meinen Enkelkindern aber nicht erklären müssen, warum ich einst geschwiegen habe", begründet Nierth sein Engagement.

Ich möchte meinen Enkelkindern aber nicht erklären müssen, warum ich einst geschwiegen habe.
Markus Nierth, früherer Bürgermeister von Tröglitz

Der Theologe erlangte im Jahr 2015 unfreiwillig Berühmtheit: Er setzte sich als damaliger Bürgermeister für die Unterbringung von Flüchtlingen in Tröglitz ein. Dem Protest der NPD hielt er, zusammen mit Freunden, Friedensgebete in der Kirche entgegen. Der Gegenwind war aber stark, Nierth fühlte sich im Stich gelassen. "Meine Frau und ich wurden zur persönlichen Zielscheibe", sagt er - und trat 2015 zurück. Für die einen ist er Inbegriff der Zivilcourage, für andere ein Volksverräter.

Bürgermeister werden zur Zielscheibe

Kommunalpolitiker leben vom Dialog mit der Basis. Sie können nicht in die Landeshauptstädte oder in die Politik-Blase Berlin entfliehen, sondern stehen im Dauerkontakt zur Basis. Politik hat hier ein Gesicht. Das hat viel Gutes: Lokalpolitiker können sich keine Abgehobenheit leisten. Sie stehen für Bürgernähe und einen kurzen Dienstweg. Im Idealfall wirken sie als Gegengift zur Politikverdrossenheit - und geben dem Bürger das Gefühl: Hier wird meine Stimme gehört, hier ändert sich was.

Doch die Nähe hat ihren Preis: Der Bürgermeister wird schnell zur Daueranlaufstelle für alle Lebenslagen, zum Blitzableiter der Frustrierten und Wutbürger, zum Kummerkasten für die Abgehängten, Ängstlichen und Enttäuschten. Und zur Zielscheibe von Populisten, die nicht auf das bessere Argument setzen, sondern auf die größten Schreier.

Jeder fünfte Bürgermeister erhält Hassmails

Diese Erfahrung hat nicht nur Markus Nierth in Sachsen-Anhalt machen müssen - sondern ist Alltag vieler Kommunalpolitiker und Bürgermeister. Der Deutsche Gemeindebund hat schon 2016 in einer bundesweiten Umfrage unter 1.000 Bürgermeistern festgestellt: Jeder Fünfte erhielt bereits Hassmails oder Einschüchterungsversuche.

Egal, ob die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker oder ihr Freiburger Kollege Martin Horn: Lokale Amtsträger werden nicht nur verbal, sondern auch körperlich angegriffen. Bei Reker, die 2015 bei einer Messerattacke lebensgefährlich verletzt worden war, gehen die Behörden von einem "eindeutig fremdenfeindlichen Hintergrund" aus. Bei Horn war es ein geistig verwirrter Mann. Doch nach der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung einer Studentin durch Flüchtlinge in Freiburg erreichte auch Horn der Sog der rechten Hetze.

Strafverfolgung zu lasch?

Nach dem Mordfall Lübcke und der Häme im Netz zeigt sich in der Politik eine große Verunsicherung, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Einerseits werden Forderungen nach einer härteren Strafverfolgung laut. Das Vorgehen gegen Bedrohungen sei "zu lasch", kritisiert etwa der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD). Dennoch erstatte er regelmäßig Anzeige. Andererseits ließen sich gewaltbereite Täter nur teilweise von Gesetzen in die Schranken weisen: Der völkische Hass sei oft größer als die Angst vor einer Bestrafung, vermutet Markus Nierth.

Ich wurde mit meiner Familie alleine gelassen.
Markus Nierth

Der evangelische Theologe hat für sich einen Weg gefunden, wie er mit dem Druck umgeht: Er trat als Bürgermeister zurück, weil er zu wenig Rückhalt spürte. "Ich wurde mit meiner Familie alleine gelassen", bedauert Nierth. Dennoch ist er überzeugt, dass sein Einsatz für Flüchtlinge richtig war. Er spricht von Gottvertrauen und einem aufrechten Gang. "Die meiste Kraft gibt mir, wenn ich zusammen mit meiner Frau bete", sagt Nierth. Das alles klingt aber einfacher, als es tatsächlich war. "Ich musste lernen, mich meinen Todesängsten zu stellen", berichtet der Theologe: "Andere zu trösten, ist immer einfacher als selbst zu wissen: Es kann mich treffen."

"Empathie und Mitmenschlichkeit"

Der frühere Bürgermeister von Tröglitz ist sich sicher: "Wer Hass sät, wird darin untergehen." Die Lage sei ernst: "Wenn wir uns jetzt nicht alle gemeinsam wehren, wird uns das sehr viel kosten." Der Theologe verweist auf das Jahr 1933: "Damals wollte wohl niemand damit rechnen, was dann 1945 zu zahlen war."

Kraft schöpfe er aber nicht nur aus dem Gebet, sondern auch aus vielen positiven Begegnungen. "Ich kenne die meisten meiner Landsleute als gutherzige Menschen. Ich hoffe, dass sich nicht noch mehr von Scharlatanen manipulieren lassen", sagt Nierth. "Das ist das Mittel gegen Rechtsradikalismus: Empathie und Mitmenschlichkeit, die jeder an sein Umfeld verschenken kann."

Dem Autoren auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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