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Mückenplage in Deutschland - 2017 - ein Jahr der Stechmücken?

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Man braucht schon eine Glaskugel, um vorauszusehen, ob es dieses Jahr zu einer überdurchschnittlichen Mückenplage kommt. Das hängt von Faktoren wie Niederschlag und langen Hitzewellen ab. Doch wenn sie kommt, kann eine Mückenplage auch gefährliche Viren mit sich bringen.

Sobald die Flussufer am Rhein überspült werden, kommen sie wieder: Stechmücken. Um die Plage einzudämmen, werden die Larven mit dem Wirkstoff BTI bekämpft: ein Eiweißkristall, das die Darmzellen der Plagegeister zerstört.

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Schnaken heißen die Biester in Süddeutschland, in Rheinhessen sind es Bohrhemmel, wenn wir ins Ausland fahren, nennen wir sie plötzlich Mosquitos: gemeint sind Culicidae, besser bekannt als Stechmücken. Mehr als 100 Arten davon gibt es in Europa, nur die Weibchen stechen und saugen Blut - und machen uns im Sommer das Leben schwer.

2003 und 2013 waren besonders schlimme Mückenjahre

Auch vergangenen Sommer gab es viel mehr Stechmücken als normalerweise. Der Grund dafür: elfmal Hochwasser, Überschwemmungen, starke Gewitter. Wenn es viel regnet und gleichzeitig warm ist, dann vermehren sie sich am besten, dann "explodieren sie förmlich", sagt Helge Kampen, Mückenforscher beim Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems. Deshalb seien Mückenplagen oft sehr lokal, vor zwei Wochen am Ammersee in Bayern beispielsweise. Doch ohne Regen passiere nichts.

Und in den vergangenen 14 Tagen gab es kaum Regen, deshalb auch keine Mücken, nicht am Rhein, nicht an der Elbe und an der Donau auch nicht. Es sei wenig los im Moment, sagt Kampen, aber es sei auch noch früh im Jahr, die Saison habe gerade erst begonnen.
In diesem Punkt sind sich die Forscher einig: im Moment ist Ruhe. Doch das hat nichts zu sagen. Es genügen einige schwere Niederschläge, dann sind die Stechmücken in ein paar Tagen in Schwärmen unterwegs.

Stechmückenweibchen legen ihre Eier in Biotopen, auf der Wasseroberfläche oder in Wassernähe ab. Dort können sie sogar überwintern. Die Larven schlüpfen bei einer Überschwemmung innerhalb weniger Tage. Dann gibt es plötzlich an die 100.000 Mücken pro Quadratmeter.

Stechmückenweibchen sind schlechte Mütter

Kühe bekommen ein Kalb, und um dieses kümmern sie sich. Stechmücken dagegen sind R-Strategen, das heißt sie pflanzen sich mit einer hohen Reproduktionsrate fort. Die Weibchen legen an die 200 Eier und überlassen diese sich selbst. Trotzdem bleibt die Art erhalten, denn ein paar Mücken werden schon überleben.

Auch wenn durch die Mückenbekämpfung am Rhein bis zu 99 Prozent der Larven vernichtet werden, gehe die Mückenpopulation in den letzten 40 Jahren dennoch nicht zurück, stellt Norbert Becker fest. Er ist Direktor der KABS, der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage. Ein Prozent Überlebende reiche den Mücken, ein Männchen, ein Weibchen, dann gebe es wieder 200 neue Eier. An ein Ausrotten der Stechmücken sei also nicht zu denken.

Von März bis September überfliegen er und 300 seiner Kollegen die Mückengebiete am Rhein. Die Hubschrauber werfen in Eisgranulat verpackt einen biologischen Wirkstoff ab, der die Vermehrung der Mücken bremsen soll. In besonders betroffenen Orten gibt es Tabletten, die die Bevölkerung beispielsweise in die Regentonne oder in Gartenteiche werfen kann. BTI, heißt das Wundermittel, Bacillus thuringiensis israelensis. Es verhindere die Fortpflanzung der Mücken, schade dem Menschen und anderen Tieren aber nicht.

Übertragung von Denguefieber oder Zikaviren - bisher keine Fälle in Deutschland bekannt

Schon vor über zehn Jahren wurde sie eingeschleppt, über Autoreifen, aus Übersee: die gefürchtete Tigermücke. Und sie fühlt sich wohl im Süden Deutschlands, Jahr für Jahr taucht sie in der Freiburger Gegend auf, auch in Jena konnte sie ausgemacht werden. Die Tigermücke kann Denguefieber, Chikungunya-Fieber, Gelbfieber und wahrscheinlich auch das Zikavirus übertragen.

Deshalb wird ihre Verbreitung und Entwicklung hier von den Forschern mit Argusaugen beobachtet. Doch es scheint ihr nicht zu gelingen, auch in Deutschland als Krankheitsüberträger zu fungieren. Norbert Becker vermutet, es sei ihr hier schlicht zu kalt. Denn - so ergaben Studien, bei denen Mücken mit entsprechenden Viren infiziert wurden - die Insekten geben das Virus nicht weiter. Erst bei konstanten 27 Grad würde beispielsweise das Zikavirus auf den Wirt übertragen. Entwarnung also? Nein, meint Becker, gäbe es häufiger längere Hitzeperioden wie in der vergangenen Woche, sei eine Übertragung auf Dauer nicht ausgeschlossen.

Der Mückenatlas setzt auf Bürgerbeteiligung

Seit 2011 werden Mücken aller Art beobachtet und untersucht. Der Mückenatlas zum Beispiel soll erforschen, wo welche Mücken vorkommen. Er wird gefördert vom Bundeslandwirtschaftsministerium. Und das ganze Land hilft mit, indem Bürgerinnen und Bürger auffällige, unbekannte Mücken fangen und einschicken.

Helge Kampen leitet dieses Projekt. So könne man erkennen, ob und wo exotische Mücken bei uns heimisch werden. Es sei geboten, eine Art Frühwarnsystem zu entwickeln, meint er. Auch wenn es bislang nur wenige Infektionsquellen für krankmachende Viren gäbe und es vielen Viren bei uns zu kalt sei, das bedeute nicht, dass es ewig so bleibe. Er und andere Wissenschaftler wollen gewappnet sein, sollte es doch so weit kommen.

Einschmieren, lange Kleidung tragen oder einfach stechen lassen

Sie ist nicht in Sicht, die große Mückenplage 2017. Bis jetzt nicht. Aber das kann sich ändern, die echten Mückenmonate liegen noch vor uns: Juli, August, September. Und wenn es dann Unwetter und Hochwasser gibt, schlüpfen und schwärmen sie in Massen. Was dann hilft? Fluss- und Überschwemmungsgebiete meiden, Sprays mit dem Wirkstoff DEET und Socken, Hosen und lange Ärmel. Norbert Becker lässt sich einfach stechen und bleibt cool. Aber er ist ja auch Mückenforscher.

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