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Resistente Keime in Gewässern - "Unser Umgang mit Antibiotika ist zu sorglos"

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Multiresistente Keime in Seen und Flüssen: Für den Biologen Dietrich Borchardt sind sie keine Überraschung - sondern Ergebnis eines verantwortungslosen Umgangs mit Antibiotika.

Archiv: Eine Wasserprobe wird am 30.07.2007 in Langwieder See bei München entnommen
Aus dem Archiv: Eine Wasserprobe wird aus einem Badesee genommen. Quelle: dpa

heute.de: Herr Borchardt, Sie erforschen weltweit Gewässer. Hat es Sie überrascht, dass der NDR in niedersächsischen Bächen und Flüssen multiresistente Keime gefunden hat?

Dietrich Borchardt: Nein, der Befund an sich ist nicht überraschend. Antibiotika-Resistenzen sind in unseren Gewässern verbreitet zu finden. Im Detail sind die Ergebnisse aus Niedersachsen aber sehr ernst zu nehmen. Denn sie zeigen, dass wir uns dringend intensiver mit dem Thema Antibiotika auseinandersetzen müssen. Es wurden mehrfach Keime gefunden, die sogar gegen Reserve-Antibiotika resistent sind. Wenn so ein Keim zu einer Erkrankung führt, habe ich als Mediziner kaum noch Waffen in der Hand, um eine Infektion zu behandeln, sie tatsächlich auch zu kontrollieren.

Für mich sind wir hier deshalb bereits bei einer Gesamtdiskussion, die weit über den Gewässerschutz hinausgeht - mit den Fragen: Wie gehen wir als Hersteller, Arzt, Tierarzt, Apotheker, Gesundheits- und Krankenpfleger, Anwender oder Patient mit Antibiotika im täglichen Gebrauch um? Wie sieht ein verantwortlicher Umgang mit ihnen aus? Und wie stellen wir sicher, dass die wichtige Funktion, die Antibiotika in der Human- und Tiermedizin haben, nicht gefährdet wird?

Zur Person:

heute.de: Wie beantworten Sie diese Fragen für sich?

Borchardt: Für mich ist das erst einmal eine Gebrauchsfrage. Bislang ist der Umgang mit Antibiotika viel zu sorglos. Man nimmt sie ja sogar prophylaktisch. Man nimmt oder gebraucht in Mengen. Man spült Arzneimittelreste gedankenlos in Toiletten runter, anstatt sie anständig in Apotheken zu entsorgen. Diese Achtlosigkeit trägt dazu bei, dass das Problem der multiresistenten Keime mittlerweile so weit verbreitet ist.

Das gilt auch für die Landwirtschaft. Über den Einsatz in der Massentierhaltung und die Gülle-Problematik gelangen Antibiotika in die Umwelt und geraten mit dem Wasserkreislauf in Verbindung. Deshalb liegt die Verantwortung darin, Antibiotika nur dort einzusetzen, wo sie aus wirklich guten medizinischen Gründen gebraucht werden oder die Haltungsbedingungen für Nutztiere so zu ändern, dass sie nicht oder nur in sehr viel kleineren Mengen benötigt werden.

heute.de: Löst das allein das Problem?

Borchardt: Es ist auf jeden Fall der zu bevorzugende Weg. Und, das muss man auch ganz klar sagen: der einfachste. Wenn die Antibiotika gar nicht erst in die Gewässer gelangen, muss man sie und die resistenten Keime nicht mühsam wieder herausfiltern.

heute.de: Ist das denn möglich?

Borchardt: Letztlich schon. Kläranlagen können nachgerüstet würden. Das ist mit Kosten verbunden, aber prinzipiell machbar, auch wenn das nicht dem Verursacherprinzip entspricht und daher sicher Akzeptanzprobleme hätte. Teilströme von Abwässern lassen sich vorbehandeln oder Wärme aussetzen, um Keime abzutöten. Wenn wir uns zum Beispiel Kliniken anschauen: da können die Abwasserströme separat aufgefangen und so behandelt werden, bevor sie im kommunalen Abwasserkreislauf landen. Dasselbe gilt für Industrieanlagen.

Es gibt aber auch Grenzen. In der Landwirtschaft gibt es bislang so gut wie keine Aufbereitung. Und wir müssen bedenken, dass die Kläranlagen nicht die einzigen Quellen kommunaler Abwässer in die Gewässer sind. Wir haben auch die Regenkanalisationen, aus denen praktisch alle Einleitungen in Bäche und Flüsse münden. Die zu filtern, wäre mit einem gewaltigen Aufwand verbunden.

heute.de: Die Proben aus Niedersachsen stammen unter anderem aus Badeseen und Flüssen. Ist der Ausflug an den Badesee nun gefährlich?

Borchardt: Das müssen wir differenziert betrachten. Grundsätzlich werden alle Seen, die als Badegewässer ausgewiesen werden, überwacht - insbesondere während der Badesaison. Fließgewässer sind da schon ein größeres Problem, weshalb sie auch nur selten als Badegewässer ausgewiesen sind. Denn Flüsse sind immer auch Transportsysteme, die das Abwasser aus den Kläranlagen und Siedlungen abführen. Zwar wird die Qualität in den Flüssen immer besser. Aber ich würde das Baden dort nicht flächendeckend empfehlen - und schon gar nicht in Abschnitten unterhalb von Kläranlagen oder wo Regenwasser aus der Kanalisation zugeführt wird.

heute.de: Und was ist mit unserem Leitungswasser, unserem Trinkwasser? Können wir das bedenkenlos trinken?

Borchardt: In Deutschland schon. Trinkwasser wird bei uns immer aufgearbeitet. Das beginnt schon bei der Quelle. Wir holen das Wasser nur aus Quellen, die zur Trinkwassergewinnung wirklich geeignet sind. Anschließend findet zudem eine Filtration und Desinfektion statt. Außerdem ist die Trinkwasserüberwachung sehr gut, da wird auch auf relevante Keime getestet. Von daher besteht kein Risiko, bei uns Wasser aus dem Hahn zu trinken - im Gegensatz zu vielen anderen Ländern weltweit. Wir müssen allerdings dafür sorgen, dass wir das Problem grundsätzlich in den Griff bekommen, damit es in Zukunft nicht bis ins Trinkwasser durchschlägt. Das muss um jeden Preis vermieden werden.

Das Interview führte Kevin Schubert.

Multiresistene Keime - wenn Antibiotika nicht wirken

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