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Muslime in Deutschland - Wissenschaftler kritisieren Bevölkerungs-Studie

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Laut einer Studie des Pew Research Center soll der Anteil der Muslime in Europa bis 2050 dramatisch ansteigen. Doch drei Experten zweifeln an ihrer Aussagekraft.

Archiv: Zwei Frauen mit Kopftuch und langer Oberbekleidung laufen am 22.07.2015 über die Königstraße in Stuttgart, Baden-Württemberg
Quelle: dpa

Jeder fünfte Mensch in Deutschland ein Muslim. Laut einer Studie des Pew Research Centers in Washington ist das 2050 möglicherweise Realität. Die Forscher aus Washington haben auf Grundlage der Migrationsströme 2016 drei Szenarien errechnet, wie Europas Gesellschaft in Zukunft aussehen könnte. Darunter ist auch ein Szenario, wonach sich die Zahl der Muslime in Europa bis 2050 verdreifachen könnte.

Doch was macht man mit so einer Info, die das Potenzial hat, die ohnehin schon hitzig geführte Flüchtlingsdebatte weiter anzuheizen? Experten raten, die Zahlen erst einmal mit Skepsis zu betrachten.

Worum geht es in der Studie?

Fakt ist: In den letzten Jahren hat Europa eine große Anzahl an Migranten aufgenommen. Das Pew Research Center hat sich die Migrationszahlen genauer angesehen und Prognosen für 2050 entwickelt. Auf der Webseite des Centers macht das Team deutlich, dass die Forschungen keine Vorhersagen sein sollen, sondern eher eine Reihe von "Projektionen, wie sich Europa unter verschiedenen Umständen entwickeln könnte." Eine Art "Was wäre, wenn ..."-Studie also.

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Dabei bietet bereits das erste Szenario ordentlich Gesprächsstoff. Es ist das "Null Migration"-Szenario. Demnach steigt die Zahl der muslimischen Bevölkerung bis 2050 von derzeit 4,9 Prozent auf 7,4 Prozent in Deutschland. Die Steigerung sei auf die höhere Geburtenrate in muslimischen Familien zurückzuführen, sagt das Pew Research Center. Die Werte seien aber nur dann möglich, wenn ab sofort keine Einwanderer mehr nach Deutschland kämen. Ein unrealistisches Szenario, sagt der Sozial- und Migrationsforscher Ruud Koopmans. Die Zuwanderung könne ja nicht einfach so auf null einbrechen.

Koopmans: Unrealistische Denkansätze

Auch das "mittlere" Migrationsszenario hält Koopmans für zu niedrig angesetzt. Demnach würde der Anteil der Muslime in Deutschland 2050 bei 11,2 Prozent liegen. Allerdings nur unter der Bedingung, dass die Flüchtlingsströme abbrechen und nur noch Personen nach Europa kommen, die nicht Asyl suchen. Koopmans hält diese Prognose für "unrealistisch gering gedacht". Stattdessen hält er 15 bis 16 Prozent für eine realistische Einschätzung des muslimischen Bevölkerungsanteils in 2050. "Und das wäre natürlich eine Verdreifachung."

Das "hohe" Migrationsszenario geht von einer 20-Prozent-Marke aus. Dabei rechnet das Pew Research Center mit Migrationsströmen, die weiterhin so stark bleiben wie aktuell. Auch bei diesem Wert zweifelt Koopmans aber an der Glaubwürdigkeit. Immerhin werden in dem Szenario nur die Migranten eingerechnet, die auch ein dauerhaftes Bleiberecht erhalten haben. Koopmans geht sogar noch weiter: "Wenn man davon ausgeht, dass es Europa nach wie vor nicht gelingen wird, abgelehnte Asylbewerber in die Herkunftsländer zurückzuführen, dann könnte die Maximalzahl sogar noch deutlich höher ausfallen."

Die Migrationsforscherin Riem Spielhaus hält das "hohe" Szenario für äußerst problematisch. Die Forscher müssten wissen, dass sich alle auf die höchste Zahl stürzen würden, dabei sei das die am wenigsten Wahrscheinliche. Denn die 20 Prozent in Deutschland würden nur eintreten, wenn die Regierung die Grenzen ganz weit aufmache und Geflüchtete unkoordiniert einlassen würde. Aber in Deutschland und Schweden sei die Zuwanderungspolitik seit Sommer 2015 stark verändert worden. "Das ist in der Prognose völlig vernachlässigt - ebenso wie die Anpassung der Geburtenrate im Migrationskontext. Die neun bis elf Prozent sind also weit wahrscheinlicher - was die Forscher der Studie auch andeuten - aber das hört sich natürlich auch weniger dramatisch an und hat nicht so großes Potenzial auf Schlagzeilen."

Kinderzahl passt sich an Deutschland an

Christian Pfeiffer, ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen, zweifelt den Wahrheitsgehalt der Studie ebenfalls an. Der Kriminologe bringt noch einen anderen Ansatz ins Spiel. Die Forscher aus Washington gehen in ihrer Studie davon aus, dass muslimische Migranten mehr Kinder zeugen als deutsche Familien. Pfeiffer hat jedoch bereits mit Untersuchungen bewiesen, dass sich diese unterstellte hohe Kinderzahl bei seit 20 Jahren in Deutschland lebenden Türken angepasst hat. Die erste Generation habe noch viele Kinder, meint Pfeiffer, aber die zweite Generation passe sich bereits an die deutsche Geburtenrate an. Das könne beispielsweise an den Mietkosten, dem Gehalt oder Zuschüssen liegen. In den muslimisch geprägten Ländern stellten viele Kinder auch eine Art Lebensversicherung dar. Das sei in Deutschland dank der staatlichen Hilfen nicht mehr nötig.

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Es sei auch nicht klar, ob die Studie Rückkehrer mit einbeziehe. Pfeiffer beobachtete, dass viele Migranten gerne wieder in ihr Heimatland zurückkehrten - vorausgesetzt, dort herrsche Frieden. Es werde spannend zu beobachten sein, wie sich die Geflüchteten aus Syrien verhalten werden, sobald die Terrormiliz Islamischer Staat in ihrem Heimatland besiegt sei.

Alles nur Panikmache?

All die Unwägbarkeiten zeigen: eine seriöse Vorhersage zur Zahl der Muslime in Deutschland ist kaum zu leisten. Spielhaus hält es deshalb für fragwürdig, sich überhaupt auf die Untersuchungsergebnisse einzulassen. Seit über zehn Jahren gebe es eine "demografische Panik" in Deutschland. Viele Menschen hätten Angst vor der sogenannten Islamisierung des Abendlandes. "Prognosen wie diese verändern dieses Bewusstsein natürlich. Pew sollte sich hier seiner Verantwortung bewusst sein."

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