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Cyberaktivist Al-Bassam - "Goldenes Zeitalter der Massenbeeinflussung"

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Russen als Speerspitze der Cyberspionage? Nicht für den Aktivisten Al-Bassam: Er deckte Aktivitäten des britschen Geheimdienstes auf. Und zeichnet ein düsteres Bild vom Westen.

Teil einer anarchistischen Spaßguerilla oder moderner politischer Aktivist? Daran scheiden sich die Geister, Aufsehen hat Mustafa Al-Bassam Ende 2017 jedoch durch seine Recherchen zu Aktivitäten des britischen Geheimdienstes erregt: Informationen sammeln, Propaganda verbreiten - politische Einflussnahme in großem Stil. Beispiele? Die Proteste in Iran 2009 und der Arabische Frühling 2011.

Im heute.de-Interview erklärt Al-Bassam, wie westliche, vor allem britische Geheimdienste Internetplattformen nutzen, um ihre politischen Ziele in aller Welt zu erreichen. Und was das für die Zukunft bedeutet.

heute.de: Was genau werfen Sie dem britischen Geheimdienst vor?

Mustafa Al-Bassam: Ich habe mir die Online-Aktivitäten rund um den arabischen Frühling 2011 angeschaut. Bei vielen dieser Protestbewegungen, generell im Nahen und Mittleren Osten, bin ich dabei auf Twitter oder Facebook-Accounts gestoßen, die für mich eindeutig genutzt wurden, um Teile der Protestbewegung anzulocken. Es wurden beispielsweise präparierte Links genutzt. Klickt man darauf, weiß derjenige am anderen Ende den Klarnamen, und auch wo die Person gerade online ist. Die Anonymität im Netz ist weg.

Oder man verbreitet so die einem genehmen Botschaften - man könnte es Propaganda nennen - und sammelt nützliche Informationen. Dass der britische Geheimdienst GCHQ eine eigenen Abteilung hat, deren Aufgabe es ist, in der digitalen Welt Dinge anzustoßen, die die reale Welt verändern sollen, ist spätestens seit den Enthüllungen um Edward Snowden rund um die NSA und den GCHQ bekannt. Ich kann an Beispielen aus Iran, Syrien und Bahrain zeigen, wie das in der Praxis funktioniert.

heute.de: Wie sind Sie auf diese Methoden gestoßen? Was macht Sie so sicher, dass die Urheber der britische Geheimdienst ist?

Al-Bassam: Diese sogenannten Honigtöpfe, die präparierten Links, sind mir erstmals bei meiner Suche nach Antworten auf die Frage gekommen, wie das Hacker-Kollektiv, dem ich angehörte, auffliegen konnte. Im Gerichtsprozess wurde darüber nie ein Wort verloren, es blieb im Dunkeln. Aus gutem Grund, wie ich nach der Verurteilung herausfand. Es waren eben diese präparierten Links, die in Chaträumen platziert wurden, in denen wir uns anonym ausgetauscht haben.

So konnten sie unsere Namen und Adressen herausfinden und uns festnehmen. Genau diese Art von Links fand ich dann auch im Umfeld der Online-Aktivitäten von Protestbewegungen im Nahen und Mittleren Osten. Zusammen mit den Snowden-Enthüllungen gab das für mich ein klares Bild - in beiden Fällen steckt der britische Geheimdienst dahinter.

Hintergrund

heute.de: Mit der Untersuchung des FBI-Sonderermittlers über eine mögliche russische Einflussnahme auf die vergangene US-Präsidentschaftswahl kann der Eindruck entstehen, Russland sei sehr viel aktiver auf dem digitalen Schlachtfeld. Täuscht das?  

Al-Bassam: Russland ist da sicher nicht erfolgreicher. Denn die Geldmittel der westlichen Geheimdienste, die in die digitale Arbeit gehen, sind beträchtlich. Aber allgemein muss man festhalten: Es ist nicht sinnvoll, Vergleiche zu ziehen, wer effektiver operiert. Alle Geheimdienste tun es, aber vieles bleibt eben im Verborgenen.

Manchmal jedoch hilft ein Blick in die Geschichte. Die CIA, die amerikanischen Geheimdienste sind in den vergangenen hundert Jahren ungemein erfolgreich gewesen in Sachen Propaganda. Eigene Radiostationen, über Zeitungen und alle möglichen und unmöglichen Wegen. Das Internet, soziale Medien sind ein neues Spielfeld in Sachen Massen-Beeinflussung, aber das Spiel ist dasselbe geblieben.

heute.de: Ein neues Spielfeld, aber mit welchen Konsequenzen?

Al-Bassam: Früher brauchte man physischen Kontakt, heute sind die Grenzen weg. Man manipuliert aus der Ferne, es ist viel einfacher Massen zu erreichen. Und damit auch zu manipulieren. Ohne großen Aufwand im Vergleich zur vordigitalen Zeit. Wir befinden uns aus Geheimdienstsicht im goldenen Zeitalter der Massenbeeinflussung und –Überwachung. Was von den Menschen einen grundlegenden Wandel im Umgang mit Informationen fordert. Viel kritischer, skeptischer. Was aber sehr schwierig ist, da wir Menschen nun mal wesentlich stärker emotional reagieren als mit dem Kopf, wenn es um die Einordnung und Verbreitung von Informationen geht.

heute.de: Also Kopf in den Sand stecken?

Al-Bassam: Nein. Das Internet, soziale Netzwerke sind ein zweischneidiges Schwert. Einerseits gibt es Menschen, Institutionen mit bösen Absichten mit ungeahnten neuen Möglichkeiten, Einfluss auszuüben. Andererseits bietet es uns die Möglichkeit, alle Informationen zu prüfen, uns auszutauschen.
Dass auch Geschichten erzählt werden, dass Dinge an die Oberfläche kommen, die durch die etablierten Medien nicht gebracht werden würde. Die Regierungen vielleicht hätten totschweigen können. Doch eins ist meiner Meinung nach klar: Je mehr persönliche Daten und kritische Infrastruktur online sind, desto mehr werden manipulative Methoden genutzt - und sie werden großen Schaden anrichten. Es wird dauern, bis Besserung eintritt.

Verortung von Cyber-Angriffen

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