Sie sind hier:

30 Jahre Mauerfall - Ost, West - immer noch Thema. Auch für Junge

Datum:

Mustafa ist 24 und kommt aus Pforzheim. Fred ist 23 und wohnt in Leipzig. Beide finden: Ost und West - das ist eigentlich kein Thema mehr. Bis sie feststellen: stimmt nicht ganz.

Mustafa ist 24 und kommt aus Pforzheim. Fred ist 23 und wohnt in Leipzig. Beide kennen die Mauer nur noch von Erzählungen. heute.de hat sie zusammengebracht und zum Kochen eingeladen.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Zwei junge Köche, einer aus dem Westen, einer aus dem Osten: Beide kennen die Mauer nur noch von Erzählungen. Mustafa, 24, gebürtiger Schwabe, arbeitet derzeit in Berlin. Fred, 23, ist Koch in einem Fünf-Sterne-Hotel in Leipzig. heute.de hat beide zusammengebracht und zum Kochen eingeladen. "Kannst du denn Spätzle schaben? Ich nämlich nicht", sagt Mustafa. Fred kann und schlägt das erste Ei auf.

"Wenn ich an den Osten denke, dann denke ich an Adidas-Hosen. An Plattenbauten. Aber auch an familiäre Menschlichkeit", sagt Fred. "Generell Herzlichkeit und Loyalität. Die Familie kommt an allererster Stelle. Der Osten ist für mich Zusammenhalt." Mustafa schielt zum knetenden Fred: "Wenn das der Chef sieht - ohne Handschuhe." - "Ick hab ja Hände jewaschen, also allet jut." Seine ersten fünf Lebensjahre verbringt Fred in Berlin. Das Ergebnis: ein Dialektmix.

Auch Mustafa unterbricht sein Käsehobeln. "Mit dem Osten verbinde ich meine Studienzeit in Leipzig." Vor seiner Ausbildung hat Mustafa dort Geschichte studiert. Doch die wenigen Arbeitsplätze im Archiv oder Museum seien zu begehrt. Mit dem Kochberuf wolle er lieber etwas Handfestes lernen, wie er sagt. "Ab und zu kamen damals besorgte Anrufe von meiner Tante: Isst du auch genug? Gibt es dort auch Bananen?" Fred lacht schnaubend, während er seine Hände kräftig in den Teig drückt. Mustafa erklärt: "Als ich da studiert habe, ging gerade ein politisches Raunen durch Sachsen. Und ich bin der Sohn türkischer Einwanderer."

"Leipzig ist keine klassische Ost-Stadt"

Mustafa schätzt die Stadt. Die besetzten Häuser in der Eisenbahnstraße, die Flohmärkte und Open Airs. Leipzig sei keine klassische Ost-Stadt, sondern ein weltoffener "Schmelztiegel", das sehen beide so. "Hier vermischen sich die Kulturen und es entsteht eine ganz neue Sache", ergänzt Fred. "Kein wirklicher Osten, kein wirklicher Westen." Mustafa kann sich vorstellen, dorthin zurückzugehen. "In Berlin, da ist es so groß. An jeder Ecke hast du eine geile Auswahl an Restaurants, Bistros und Cafés. Leipzig ist noch im Kommen. Wenn du dir Mühe gibst, kannst du dort etwas aufbauen und dir einen Namen machen."

Fred verschränkt die Arme vor der schwarz-weißen Trainingsjacke. "Ich kann nur wiedergeben, was meine Chefs sagen: Wenn du auf die Idee kommst, im Osten mit Stern zu kochen - das rentiert sich nicht wirklich. Wenn du Big Business machen willst, solltest du in den Westen gehen." Er selbst möchte Ostdeutschland so schnell nicht verlassen. In Richtung Asien vielleicht, nicht aber nach Westdeutschland: "Da hole ich mir vielleicht das Vorurteil als blöder Ossi ein, aber ich bin vorbelastet von dem, was ich vom Westen gehört habe."

Seine Vorprägung komme ganz klar von seinen Eltern. Er spricht von Mentalitäten, von Eitelkeit und viel Knete im Westen - und von "Wir", wenn es um die Menschen in der ehemaligen DDR geht. Fred, Jahrgang 1996, wurde sieben Jahre nach dem Mauerfall geboren. Mit seinem diffusen Zugehörigkeitsgefühl ist er in seiner Generation nicht allein. Laut einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung fühlen sich in den neuen Bundesländern 22 Prozent der Nachwendekinder als Ostdeutsche. In den alten Bundesländern sehen nur acht Prozent der jungen Menschen "westdeutsch sein" als Teil ihrer Identität.

Beide haben nur westdeutsche Freunde - oder ostdeutsche

"Mit dem Westen verbinde ich meine Familie. Und natürlich die Anfänge meiner Liebe zum Kochen. Die schwäbische Küche", erzählt Mustafa. Er identifiziere sich mit seiner Heimatregion, dem Schwabenland, nicht aber als Westdeutscher. Auch in Leipzig habe er hauptsächlich westdeutsche Freunde gehabt - Fred ostdeutsche. "Das ist eine unterbewusste Sache. Du gleichst die Leute mit deinem Umfeld ab. Ich fände es jetzt aber nicht schlimm, mit dir mal ein Bier trinken zu gehen." Während der Käse im Ofen schmilzt, plaudern die Jungköche über Hollywoodfilme, "Molle" und "Kettwurscht" - und den Rechtsruck.

Rechtes Gedankengut sei allgegenwärtig, sagt Fred. Doch in der Hotelküche gehe es anders zu. "Das ist ein ganz anderes Universum. Es gibt dumme Sprüche, aber es geht nicht darum, wo du herkommst. So sollte es auch sein, dass die Nationalität, Ost, West, total egal ist." Mustafa pflichtet ihm bei: "Du arbeitest mit so vielen Nationalitäten zusammen: der Spüler aus Somalia, mein Küchenchef aus Ungarn. Wenn wir nicht auf Zutaten und Techniken aus aller Welt zugreifen könnten, würden wir ja nur Kohl essen." Er schüttelt den Kopf. "Europäisches Abendland? Und dann nach der Pegida-Demo Döner essen gehen." 

"Und wo kommst Du wirklich her?"

Statt Ost-West-Klischees nervt Mustafa das allgemeine Schubladendenken der Menschen. "Da ich nicht aussehe wie der stereotypische Türke, werde ich immer gefragt, wo ich herkomme. Meine Antwort: 'Aus Pforzheim, bei Karlsruhe und Stuttgart.' Dann heißt es gleich: 'Aber wo kommen Sie denn wirklich her?'" Fred stöhnt. "Zwischen Mamas Schenkeln", sagt er, während er den dampfenden Auflauf zum Esstisch trägt. Eine dicke Käsekruste wölbt sich über das blaugemusterte Porzellan. Nach zwei Stunden Töpfe klappern und Quasselei ist plötzlich nur noch das Kratzen der Gabeln zu hören.

"Wenn du den ganzen Tag sabbelst, haste keinen Bock mehr", sagt Fred. "Die Ossis quatschen jedenfalls mehr Dünnes." Mustafa kräuselt die Stirn. "Was ist mit schwäbischen Omas? Oder der Stammtisch bei meinem Onkel im Restaurant, die labern auch nur Quatsch." "Ach, Stammtisch ist Stammtisch. Ost oder West - da macht das keinen Unterschied."

Dieser Artikel ist Teil der heute.de-Serie zu 30 Jahren Mauerfall. Die Serie ist entstanden in Zusammenarbeit mit jungen Journalistinnen und Journalisten der ems - Electronic Media School in Potsdam-Babelsberg.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.