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Sozialwohnungen anno dazumal - Plattenbauten - besser als ihr Ruf?

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Heute gelten sie als Wohnalbtraum: Plattenbausiedlungen. Doch Ex-Boxweltmeister Henry Maske hat ganz andere Erinnerungen. Bei ZDF-History räumt er mit so manchem Vorurteil auf.

Henry Maske
Boxer Henry Maske lebte von Anfang der 70er bis Mitte der 90er-Jahre in Plattenbauten.

Heute sind Plattenbausiedlungen oft soziale Brennpunkte. Im Gegensatz zu früher: "Das war Luxus", erinnert sich Henry Maske.

Platte gegen Wohnungsnot

1984 zieht DDR-Boxer Henry Maske mit seiner Familie in den 15. Stock eines neuen Plattenbaus in Frankfurt an der Oder: "Als ich da eingezogen bin, dachte ich: Wow, du hast es geschafft! Du hast genau das, was du wolltest, du bist hier drinne, du wirst nie wieder ausziehen. Traumhafter Ausblick, die Wohnung war gut geschnitten, ein großes Kinderzimmer."

Doku | ZDF-History - Mythos Plattenbau - Wohnträume aus Beton

Sehen Sie die ZDF-History-Dokumentation jederzeit hier oder am Sonntag um 23:45 Uhr im ZDF.

Videolänge:
44 min

Den Komfort eines Neubaus kennt Henry Maske schon seit seiner Kindheit. Mit seinen Eltern wohnt er bereits seit Anfang der 70er Jahre in einem Plattenbau. Die Freude über das neue Heim teilt er mit vielen Deutschen aus Ost und West. Denn nach dem Krieg herrscht in ganz Deutschland Wohnungsmangel.

Deshalb müssen schnell und kostengünstig neue Behausungen her. Die Lösung heißt Großtafelbauweise, im Volksmund "Platte" genannt. Das Verfahren stammt noch aus der Vorkriegszeit: Die vorgefertigten Platten werden vor Ort zusammengesetzt, das Mauern entfällt. So kann wie am Fließband gebaut werden.

Beide deutsche Staaten werben in den 60er und 70er Jahren offensiv für Trabantenstädte und Plattenbauten: Sie seien modern und komfortabel, heißt es, die Wohnung der Zukunft.

Ghettobildung, Anonymität, Kriminalität

In Westdeutschland werden vor allem in den Ballungszentren Großsiedlungen gebaut, mit Grünflächen und Einkaufszentren. Doch bereits in den 70ern ist die Begeisterung für sie verflogen. Die Trabantenstädte gelten als menschenfeindlich, manche halten sie sogar für gesundheitsschädlich.

Die Anbindung war häufig schlecht und es hat sich so entwickelt, dass sehr viel Sozialwohnungsbau da konzentriert wurde.
Claudia Quirin, Architekturhistorikerin

Claudia Quirin, Architekturhistorikerin: "Man erkannte so langsam diese Verdichtung, dass einfach sehr, sehr viele Menschen aufeinander wohnen. Die Anbindung war häufig schlecht und es hat sich so entwickelt, dass sehr viel Sozialwohnungsbau da konzentriert wurde, und das führt zu Ghettobildung. Dann spricht man von Schlafstätten."

Die Anonymität der Großsiedlungen kommt einer Gruppe gerade recht: den Terroristen der RAF. Sie wählen meist Plattenbauten als Standorte für ihre konspirativen Wohnungen. In Dutzenden Verstecken entziehen sie sich der Großfahndung. Oft liegt dabei der Unterschlupf in einer Neubausiedlung: Hier kennt kaum einer seine Nachbarn -  ideal für Terroristen.

Im Osten beliebter als im Westen

In der DDR ist das Wohnungsproblem ab 1971 Chefsache: Erich Honecker gibt das Versprechen ab, dass bis 1990 drei Millionen neue Wohnungen entstehen werden. Angeblich kann das Programm schon 1988 abgeschlossen werden. Doch die Zahlen sind geschönt und die Wohnungsnot  eher größer als kleiner geworden: Nach dem Mauerfall gibt es 800.000 Wohnungssuchende in Ostdeutschland. Zudem sind die Kosten des Programms enorm und haben einen entscheidenden Anteil am finanziellen Untergang der DDR.

Plattenbau in Eisenhüttenstadt
Leerstehender Plattenbau in Eisenhüttenstadt
Quelle: Imago

Im Osten ist die Platte deutlich beliebter als im Westen, auch wegen guter nachbarschaftlicher Kontakte, wie sich Boxstar Henry Maske erinnert: "Im Flur, in dem ich seit 1984 wohnte, stellte sich das ganze sehr viel verbindender dar. Das lag daran, dass man eben auf einem Flur war, der groß genug war, wo man sich mal auch aufhalten konnte. Der war mit sechs Parteien groß genug, um einen Tisch hinzustellen und sich mal zusammenzusetzen. Vielleicht mal ein Glas Wein zu trinken."

Selbst als Weltmeister bleibt Maske seiner 68-Quadratmeter-Wohnung noch treu, erst 1995 zieht er mit seiner Familie ins Rheinland um. "Aber meine Mutti wohnt noch immer in dieser Wohnung, in die wir 1971 eingezogen sind. Die war gar nicht so schlecht."

Dank ihrer flexiblen Bauweise ist so manchem Plattenbau heute ein zweites Leben vergönnt, zum Beispiel als schicker Wohnwürfel oder Maisonettewohnung. Und in Berlin sind die Plattenbauwohnungen sogar hip - dank modernisierter Innenräume.

Nüchtern, reduziert und sachlich: Die Bauten der Nachkriegs-Moderne aus den 1960er und 70er Jahren prägen bis heute das Bild unserer Städte. „Brutal modern" heißt die Ausstellung, die den Betonbauten ihren Platz in der Nachkriegsgeschichte zuordnen will.

Beitragslänge:
2 min
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