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Niemand kann mehr behaupten, es sei kein Problem

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Drei Monate nach Halle - Niemand kann mehr behaupten, es sei kein Problem

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Der rechtsgerichtete Anschlag in Halle hat die jüdischen Gemeinden weit mehr geprägt, als man glaubt. Ein Gastbeitrag der jüdischen Bloggerin Juna Grossmann.

Kerzen vor der Synagoge in Halle. Archivbild
Kerzen vor der Synagoge in Halle (Archivbild): Der Alltag geht weiter, natürlich tut er das, ob man will oder nicht.
Quelle: Hendrik Schmidt/dpa

Mehr als ein Vierteljahr ist es nun her, dass zwei Menschen ermordet wurden, weil ihr Mörder nicht in die Hallenser Synagoge eindringen konnte, um dort Dutzende Jüdinnen und Juden am höchsten Tag des jüdischen Kalenders, Jom Kippur, umzubringen. Zwei Leben und drei Monate, in denen so viel steckt und so wenig sichtbar scheint.

Der Alltag geht weiter, natürlich tut er das, ob man will oder nicht - doch die meisten wollen. Die Jüdische Gemeinde in Halle sehnt sich nach Ruhe, danach sich wieder auf das eigentliche Gemeindeleben konzentrieren zu können. Die Jüdinnen und Juden dieses Landes gehen ihrer Arbeit nach, ihre Kinder gehen in Schulen und Kindergärten. Die Synagogen, Schulen, Kindergärten, jüdischen Einrichtungen sind stärker bewacht. Irgendwann, so wissen wir aus Erfahrung, werden diese Sicherheitsmaßnahmen wieder zurückgefahren.

Dennoch denke und hoffe ich, dass die Bundesländer gelernt haben, dass es dieses besonderen Schutzes bedarf, auch wenn es scheinbar keine Bedrohungslage gibt. Wenigstens an den höchsten unserer Tage, wenigstens dann, wenn die Synagogen voller sind als sonst. Trotz aller Überwachung ist man nie vor Terroranschlägen gefeit.

"Freunde" haben sich abgewandt

Der Anschlag begleitet jüdische Menschen im Privaten mehr, als es in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird: Menschen, die man als Freunde wähnte, haben sich mit Halle abgewandt und wieder andere, die nicht nah schienen, waren plötzlich da, ohne viel Worte, einfach nur da. Ich habe viele solcher Geschichten gehört in den Wochen nach Jom Kippur. Nicht nur ich selbst habe sie erlebt. Geschichten von Verunsicherungen, vom Suchen nach den richtigen Worten, und von "Naja, es betrifft Dich doch nicht, Du warst ja nicht da“.

Im Moment gibt es für mich ein Deutschland vor Halle und eines danach. Davor mag es noch Menschen gegeben haben, die glaubten, dass Antisemitismus kein Problem ist. Ich habe auf meinen Reisen durchs Land viel dieses "Antisemitismus ist bei uns kein Problem“ gehört. Und ich habe später, meist unter vier Augen, die Geschichten gehört, die eben doch davon erzählten. Das Wegsehen ist mehr oder weniger ausgeprägt, meist mehr. Nach Halle kann niemand mehr behaupten, dass es kein Problem sei. Es hat gezeigt, dass antisemitischer Terror jederzeit und überall passieren kann. Ich hoffe noch immer, dass die gewaltsam beendeten Leben in Halle, Menschen zum Umdenken bringen konnten, wenn es schon die NSU-Morde und der Mord an Walter Lübcke nicht taten.

An dunklen Tagen frage ich mich, was ich hier noch soll

Ich habe viel Post bekommen, in der für Juden das Leben in Deutschland, in Europa pessimistisch betrachtet wird, und ich verstehe die Schreibenden. An dunklen Tagen frage ich mich selbst, was ich hier noch soll. Ich hätte sehr gern ein Leben, in dem sich meine Sorgen höchstens auf die einzukaufenden Käsesorten beschränken. Es ist nun aber dieses Leben in diesen Zeiten, das ich lebe. Ich kann nicht untätig sein und bin zum Glück nicht allein damit.

Die Geschichte des Judentums ist voller Berichte von versuchter Vernichtung und Überleben. Unsere Feste erzählen davon - wie Chanukka, das an diesem Sonntag beginnt. Im Judentum ist das Leben das Wichtigste, es steht über allem. Wir haben nur dieses eine Leben in dieser Zeit, keinen Plan B. Manchmal, wie auch an den Tagen nach Jom Kippur, musste ich mich an dieses Geschenk erinnern. Ich habe meinen Davidstern an der Kette gegen das Chaj getauscht. Chaj bedeutet "Lebe!“ Nichts anderes tue ich - trotz allem.

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