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Nach dem Anschlag in London - "Ein Angriff auf unser gemeinsames Leben"

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Islington steht unter Schock. Ausgerechnet hier, im ethnisch vielfältigsten Stadtteil Londons, kommt es zum nächsten Terrorakt in Großbritanniens Hauptstadt. Dieses Mal trifft es Muslime. Die Anwohner rücken zusammen - und sprechen von einem "Angriff auf ihr Zusammenleben".

Ein Transporter soll nach Augenzeugenberichten um kurz nach Mitternacht in eine Menschenmenge gerast sein, berichtet ZDF-Korrespondent Andreas Stamm. "Es handelt sich dabei wohl um Gläubige, die gerade aus der Moschee kamen, vom Abendgebet nach dem …

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Vor der North London Central Moschee, gegenüber der U-Bahn-Station Finsbury Park, sammeln sich Trauben von Menschen und sehr viele Kameras. Gegen 10:30 Uhr erreicht Bürgermeister Sadiq Khan den Ort des Terroranschlags der vergangenen Nacht.

Ein Augenzeuge berichtet, der Fahrer des weißen Lieferwagens, der in die Menschenmenge gefahren war, habe ausgerufen: "Ich will Muslime töten." Der Vorfall wird als terroristischer Akt behandelt. Und so muss es auch sein, sagt Hassan Yassin (28), ein Nordlondoner Taxifahrer, gekleidet in muslimischer Jalabiyah: "Das darf nicht anders behandelt werden als die Terrorattacke in den vergangenen Wochen. Hier wurden Menschen aus Hass getötet."

In den 90er Jahren: "Schießübungen in der Moschee"

Abdiraheem Sahid, ein Zeuge der Tat, sagt zur Stimmung in der Bevölkerung: "Viele Bewohner hier sind geschockt und haben Angst. Die Stimmung ist jetzt, dass man von den Politikern und der Polizei schnelle Reaktionen und Verurteilungen des Geschehens erwartet."

Nahe der Moschee stehen zwei ältere Männer, ehemalige Lehrer im Stadtteil, die ein Plakat tragen mit der Aufschrift: "Islington steht auf gegen Rassismus." Der 68-jährige Ken Muller fürchtet um den Zusammenhalt in seinem multikulturellen Stadtteil. "Dieser terroristische Angriff darf uns nicht auseinander bringen. Das ist ein Angriff auf unser gemeinsames Leben hier." Vertreter anderer Religionen finden sich ein, ein jüdischer Rabbi ist zu sehen, ein katholischer Priester im schwarzen Gewand legt vor der Moschee Blumen nieder.

Die Moschee am Finsbury Park gehört zum Nordlondoner Borough Islington, sie war 1994 in Beisein von Prinz Charles eingeweiht worden. In den 90er Jahren hat sie Schlagzeilen gemacht wegen der Nähe zum radikalen Islamismus. Der Guardian berichtet 2002 von Schießübungen in der Moschee mit dem Schnellfeuergewehr AK 47, auch bekannt als Kalaschnikow.

Wiedereröffnung unter neuen Vorzeichen

Zeitweilig war der islamistische Hassprediger Abu Hamza al-Masri hier Imam. Er wurde in Großbritannien 2004 wegen Aufrufs zu Gewalt und Rassenhass zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und 2012 an die USA ausgeliefert. Dort lautet 2015 das Urteil wegen Beteiligung an terroristischen Akten auf lebenslange Haft.

Bereits 2003 war die Moschee von der Polizei durchsucht und geschlossen worden. Nach der Wiedereröffnung 2005 unter Aufsicht der Muslim Association of Britain (MAB) gelang der Wandlung zu einem Zentrum des gemäßigten Islams, eine der Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre.

Ethnisch vielfältigster Stadtteil Londons

Harun Khan, der Generalsekretär des Verbandes, sagte heute: "Laut Augenzeugenberichten sieht es so aus, als sei der Täter von Islamophobie motiviert gewesen. Während der vergangenen Wochen sind Muslime immer wieder Opfer von islamophoben Angriffen geworden, von denen dieser der gewalttätigste ist." Viele der jüngeren Männer, die sich am Morgen in der Nähe des Tatorts aufhalten, meinen, Muslime seien nicht mehr sicher auf Großbritanniens Straßen.

Der Norden von Islington, nur wenige Kilometer vom Zentrum entfernt, ist eine der ethnisch vielfältigsten Stadtteile der britischen Metropole. Hier leben viele Immigranten und ihre Nachfahren. An der Ecke Blackstock Road zum Beispiel befinden sich eine ganze Reihe algerischer Cafés, Little Algier wird die Gegend gerne genannt. Ein paar Hundert Meter weiter westlich reiht sich ein äthiopisches Restaurant ans nächste, ein paar hundert Meter östlich sind die Straßen von westafrikanischen Läden geprägt. Eigentlich ist Nord-Islington die Heimat irischer Eiwanderer, davon zeugen noch die Namen von Pubs wie The Auld Triangle.

Ganze Straßenzüge mit geschlossenen Läden

Die meisten Menschen leben hier in kleinen Reihenhäuschen, wie in den meisten im 19. Jahrhundert ausgebauten Stadtteilen. Dazwischen sind Wohntürme ähnlich dem Grenfell Tower, der in der vergangenen Woche ausgebrannt ist. Der FC Arsenal ist hier zuhause. Dass die Gegend um Finsbury Park auch in London als hartes Pflaster gilt, macht auch immer wieder John Lydon klar - besser bekannt als Johnny Rotten, einst Sänger der Punkband Sex Pistols. Er betont seine Herkunft aus dem Stadtteil, sie ist ihm ausreichender Beweis für eine schwere Kindheit und seine proletarische Glaubwürdigkeit.

Seit längerem sind erste Anzeichen von Gentrifizierung zu beobachten. Ökocafés, Biobäcker und anspruchsvollere Restaurants tauchen hier und dort auf. Doch es gibt auch Straßenzüge, die eher vom traurigen Anblick geschlossener Läden oder One Pound Shops geprägt sind. Ein widersprüchliches Bild, sehr typisch für die britische Hauptstadt.

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