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Von Brüssel nach Berlin - Abstellgleis war gestern

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"Hast Du einen Opa, schick ihn nach Europa." Damit verspottete man früher Politiker, die in Brüssel den Herbst ihrer Polit-Karriere verbringen sollten. Inzwischen hat sich Brüssel vom Abstellgleis zum Karrieresprungbrett gewandelt. Vier Europaabgeordnete wechseln nun nach Berlin.

Das Brüssel als politisches Abstellgleis für ausgediente bundesdeutsche Politiker gilt, war eigentlich nie so. Das Gerücht gab es aber dennoch. Dabei ist Europas Hauptstadt für viele Politiker zum Karrieresprungbrett nach Berlin geworden. Zum Beispiel …

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Da ist diese Sache mit den Ölkännchen. Oder die mit den Glühbirnen. Oder den Gurken. Alexander Graf Lambsdorff, Vizepräsident des Europäischen Parlaments, erinnert sich noch gut daran, wie die halbe Welt zwischen Empörung und Belustigung darüber schwankte, dass Brüssels Europapolitiker nichts Besseres zu tun haben als sich Normen für Glühbirnen, Ölkännchen und Gurkenkrümmung zu kümmern.

Brüssel als Drehscheibe internationaler Politik

Noch gar nicht so lange her alles. Aber Erinnerungen aus einer anderen Zeit. "Das ist vorbei", sagt Lambsdorff, "Brüssel ist längst zur Drehscheibe internationaler Politik geworden und eine wichtige Hauptstadt." Die internationale Finanzkrise, die Euro-Krise, Brexit, Flüchtlingsdrama, in fast allem, womit sich Europapolitiker in den letzten Jahren beschäftigt haben, schwang der Abgrund mit: Die Eurozone kurz vor dem Zusammenfall, die EU am Ende ihrer Geschichte. Dass es anders kam, ist auch das Werk unendlicher Krisentreffen, Dauerdiplomatie, Parlamentsdebatten - in Brüssel. Kein Ort stand in den letzten Jahren so im Fokus wie die belgische Hauptstadt und ihre Protagonisten.

"Hast Du einen Opa, schick ihn nach Europa", mit diesem abgedroschenen Spruch spottete man mal über Politiker, die in Brüssel den Herbst ihrer Polit-Karriere verbringen sollten. Heute kann sich kein EU-Mitglied und keine Partei mehr leisten, nicht ihre besten Köpfe nach Brüssel zu schicken. "Durch die Krisen der letzten Jahre hat Brüssel enorm viel Öffentlichkeit bekommen", sagt Fabio De Masi. Auch für ihn war das die Chance, die er nutzte. Der Finanz-Experte der Linkspartei erwarb sich schnell Reputation und wurde nach nur drei Jahren als Europaabgeordneter von seiner Partei gefragt, ob er nicht für den Bundestag kandidieren wolle. Was er dann tat - erfolgreich.

Schicksalsthemen statt Kleinklein

Vor zehn Jahren unvorstellbar, war die Nominierung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten der prominenteste und spektakulärste Wechsel eines Europapolitikers auf die nationale Bühne. Auch Schulz profitierte von der öffentlichen Aufmerksamkeit für EU-Themen und -Krisen und wusste sich darin geschickt in Szene zu setzen.

Dass in Brüssel längst der größere Teil der Gesetzgebung entsteht und in Berlin der kleinere, ist nicht neu. Neu aber ist die - vor allem krisenbedingte - Aufmerksamkeit für den Brüsseler Politikbetrieb, der sich nicht mehr im Kleinklein verliert, sondern Woche für Woche neue Schicksalsthemen verhandelt. Kataloniens Ruf nach Brüsseler Vermittlung ist das jüngste Beispiel dafür.

Brüssel als Karriere-Beschleuniger

Gleich vier Europaabgeordnete verlassen jetzt die Brüsseler Bühne, um nun in den Bundestag zu gehen, der dritte ist Michael Theurer, ebenfalls von der FDP. AfD-Frau Beatrix von Storch die vierte. Und auch von ihm könnte man nochmal hören: Manfred Weber zählt zu den Führungsreserven der deutschen Politik. Der CSU-Mann aus Niederbayern hat sich vom Abgeordneten zum Fraktionschef der EVP, der größten Fraktion im Europaparlament, hochgearbeitet und gehört zu Brüssels einflussreichsten Politikern. Ministerpräsident Bayerns, CSU-Chef, Minister in Berlin, alles sei vorstellbar, sagen seine Parteifreunde. Weber verkörpert mit seiner unaufgeregten Art und gemäßigten Positionen den Anti-Söder, den sich mancher in der CSU nach der Ära Seehofer nach München wünscht.

Brüssel als Karriere-Beschleuniger ist kein deutsches Phänomen. Emmanuel Macron rekrutierte aus dem Europaparlament seine Verteidigungsministerin. Zwar ist Sylvie Goulard nicht mehr im Amt, aber auch ihre Ernennung bestätigt den Trend.

Als Außenminister zurück

Alexander Graf Lambsdorff sitzt auf seinen gepackten Kisten. "Da ist schon auch ein weinendes Auge", sagt er an seinem letzten Arbeitstag im Europaparlament. Dass er als Außenminister einer Jamaika-Koalition gehandelt wird, erzählt nicht nur viel über Lambsdorff selbst, sondern auch über das neue Potential Brüssels für Polit-Karrieren. Reine Spekulation natürlich. Aber sollte es so kommen, hätte Lambsdorff eine Sorge weniger: nach Brüssel käme er als Außenminister oft genug.

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