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Nach Dieselgipfel - Dem Euro-4-Diesel geht es an den Kragen

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Ist mein Diesel-Pkw mit Euro-4-Norm nur noch Schrott? Millionen Autobesitzer dürften sich jetzt genau diese Frage stellen. Politiker und Vertreter der deutschen Autoindustrie haben beim gestrigen Dieselgipfel klar gemacht: Die Alten müssen weg.

Um Fahrverbote in den Städten zu vermeiden, "hätten wir für 1500 € pro Auto die Automobilindustrie zwingen müssen, wirksame Maßnahmen zu ergreifen und nicht für 50 € solche Placebomaßnahmen machen zu dürfen", so Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der …

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Drei Ziele hat CSU-Chef Horst Seehofer nach der großen Diesel-Konferenz am Mittwoch formuliert: Arbeitsplätze in der Autoindustrie sichern, die Gesundheit der Bevölkerung schützen und Fahrverbote in Städten verhindern. Erste Maßnahme: VW, Mercedes-Benz und BMW wollen nun rund fünf Millionen Diesel-Pkw mit einem Software-Update so einstellen, dass deren Abgase sauberer sind. Keine überraschende Ankündigung.

Politik und Industrie unisono

Überraschend deutlich hingegen die Aussage, die sowohl Politiker als auch Industrievertreter unisono und vehement immer wieder auf der Konferenz nach diesem ersten großen Dieselgipfel herunterbeteten: Dieselfahrzeuge mit Euro-4-Plakette und älter müssen so schnell wie möglich von der Straße. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt spricht davon, diese Pkw "dynamischer aus dem Markt zu bringen", Matthias Wissmann vom Verband der Automobilindustrie formuliert es noch deutlicher: "Die Flottenerneuerung ist der wichtigste Baustein."

Und eine Umrüstung von Euro-4-Diesel auf aktuelle Standards? Für die Vorstandschefs von BMW, Daimler und Volkswagen kein Thema. "Ich möchte meine Ingenieure an der Zukunft arbeiten lassen und nicht rückwärtsgewandt an zehn bis 15 Jahre alten Motoren", so VW-Vorstandsvorsitzender Matthias Müller.

Abwrackprämie 2.0 in den Startlöchern

Mit finanziellen Anreizen wollen die deutschen Autobauer nun die Besitzer von älteren Dieselfahrzeugen zum Kauf von Diesel mit Euro-Klasse  6 (oder Elektrofahrzeugen) bewegen. Das klingt ein wenig nach der Abwrackprämie aus dem Jahr 2009. Auch damals hatte die deutsche Automobilindustrie große Absatzschwierigkeiten auf dem heimischen Markt. Aber wenn der Ansturm ausbleibt? Horst Seehofer fällt dazu eine steuerliche Lösung ein: "Wir sollten deutlich differenzieren zwischen einem Euro-3- und einem Euro-6-Fahrzeug." Entscheidend sei, dass die alten Motoren vom Markt verschwinden. "Nur dann werden wir Fahrverbote vermeiden können."

Von "sehr alten Fahrzeugen" war gestern in Berlin die Rede. Das dürfte mancher Autobesitzer anders sehen – schließlich wurde Euro-Klasse 5 erst im Jahr 2009 eingeführt. Ein Großteil der Fahrzeuge, die erst vor wenigen Jahren im Zuge der Abwrackprämie gekauft wurden, sind nach neuer Definition also schon schrottreif.

Umfrage: Nur noch 15 Prozent wollen Diesel-Auto

3,5 Millionen Diesel-Pkw mit Euro 4 waren laut Kraftfahrtbundesamt am 1. Januar 2017 in Deutschland zugelassen, weitere rund 2,8 Millionen mit Euro 3 oder älter. Die Halter dieser Fahrzeuge dürften dementsprechend alarmiert sein. Doch die Unsicherheit bezieht sich nicht nur auf die älteren Diesel-Generationen. Eine aktuelle repräsentative Umfrage des Online-Marktplatzes AutoScout24 zeigt: Lediglich 15 Prozent der Befragten würden jetzt beim Autokauf zuerst nach einem Diesel schauen. Und 18 Prozent der Besitzer von Dieselfahrzeugen denken darüber nach, ihr Fahrzeug abzustoßen – auch wegen der Unsicherheit über künftige Fahrverbote. In den vergangenen Monaten registrierte AutoScout24 bereits eine Zunahme an gebrauchten Dieselfahrzeugen, allerdings noch keinen nennenswerten Preisverfall.

Sinkendes Interesse an Dieselfahrzeugen attestiert die Einkaufsgenossenschaft EGA mit ihren rund 1.000 angeschlossenen Autohaus-Partnern in Deutschland. "Wir sehen aktuell einen Rückgang von rund fünf Prozent", sagt Bernd Grobheiser von der EGA. Zwischen Euro 4 oder Euro 5 hätten viele Kunden angesichts der vergleichsweise jungen Fahrzeuge gar nicht so unterschieden. Das dürfte sich spätestens seit dem Dieselgipfel ändern.

"Betroffene Pkw noch zu jung für Export"

"Wie sich der Markt für Diesel mit Euro 4 kurzfristig entwickelt, muss man jetzt sehen. Langfristig sehe ich da ein Problem", so Grobheiser. Interessant könnten diese Fahrzeuge für Märkte sein, in denen strenge Abgasnormen keine so große Rolle spielen: Osteuropa und Afrika beispielsweise. "Eigentlich aber sind diese Autos dafür zu jung."

Für Fredi Klee, Vorstandsmitglied beim Bundesverband Freier Kfz-Mehrmarkenwerkstätten, ist die Frage nach der Zukunft von älteren Dieselfahrzeugen auch eine Frage des Wohnortes. "Unsere Werkstatt hier in der Rhön liegt weit entfernt von der nächsten Großstadt. Auf dem Land fahren viele Diesel, mit einem Elektrofahrzeug kommt man im Mittelgebirge nicht weit. Und ich denke, dass da erst einmal alles beim Alten bleiben wird."

Umweltministerin: "Fahrverbote sind nicht vom Tisch"

Für die Bewohner von Ballungsräumen dürfte das künftig ein schwacher Trost sein. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks machte deutlich, dass Fahrverbote für Dieselfahrzeuge keinesfalls vom Tisch seien. Und zuallererst dürfen sich da die Halter von gut 6 Millionen Autos mit Euro 4 und früher angesprochen fühlen. Luftverbesserung hin, Konjunkturprogramm für die Autohersteller her: Älteren Diesel-Autos geht es nach dem Wunsch von Bundesregierung und Autoindustrie jetzt an den Kragen.

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